Remshalden Rollstuhl-Gepäckträger: Kinderwagen und Einkaufsmobil

Remshalden. Was Walter Föhl konstruiert hat, ist in dieser Form eine Weltneuheit: Mit seinem Universalträger wird der Rollstuhl zum Transportfahrzeug für Einkaufskisten oder sogar Babyschalen. Und das in Kombination mit einem ebenfalls selbst erfundenen Vorsatzrad und einer bis ins Detail ausgeklügelten Technik. Der Tüftler ist kein Theoretiker, sondern hat seine Hilfsmittel zuvorderst für seinen Sohn entwickelt.

Begonnen hat alles mit „Quinty“, dem fünften Rad am Wagen. „Der Ausgangspunkt war, dass ich immer mit meinem Sohn in den Wald gegangen bin“, sagt Walter Föhl. Sohn Christian, mittlerweile 34, ist von Geburt an behindert und voll auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen. Im Rollstuhl auf den unebenen Waldwegen habe es Christian immer so „verschüttelt“, erzählt Föhl. „Das hat keinen Spaß gemacht.“ Also hat er, fürs Gelände und zur Überwindung von Hindernissen, ein Vorsatzrad ausgetüftelt.

Das war vor etwa zehn Jahren. Mittlerweile ist „Quinty“ ein Verkaufsschlager. „Die Nachfrage ist so groß, dass ich eine Liste zum Abarbeiten habe“, sagt Walter Föhl. Gegenüber anderen Vorsatzrädern auf dem Markt ist der Anspannvorgang so komfortabel dass ein Rollstuhlfahrer, der seine Hände benutzen kann, es im Sitzen bequem selbst anspannen und abnehmen kann.

Erst im Ruhestand lebte er voll seinen Erfindergeist aus

Zusammen mit seinem Neffen Gerhard Bay hat Walter Föhl 2005 die Föhl GmbH gegründet, um seine Erfindungen zu vermarkten. Eigentlich hat der heute 77-Jährige sein ganzes Leben beruflich etwas anderes gemacht und bei Daimler gearbeitet. Erst im Ruhestand lebte er voll seinen Erfindergeist aus. Die neueste Entwicklung, die kurz vor der Marktreife steht, ergänzt das Vorsatzrad: ein Gepäckträger, der sich mit ebenso ausgeklügelter und simpel funktionaler Technik darauf montieren lässt.

In seinem Wohnzimmer führt Walter Föhl den Gepäckträger vor. Mit wenigen Handgriffen hat er ihn dran: aufstecken, Hebel zu, fertig. „Jetzt können Sie einkaufen fahren“, sagt er. Die Rollifahrer würden sich Einkaufskörbe oder Getränkekisten sonst auf die Oberschenkel stellen. Was ein Problem sei, wenn sie nicht spüren, wie ihnen die Last die Blutzufuhr abdrückt.

Abkoppelbarer Kinderwagen

Die Hauptidee hinter dem Träger war jedoch, einer Mutter oder einem Vater die Möglichkeit zu geben, ihr Kind zu transportieren. Walter Föhl schraubt dazu zwei Adapter auf den Träger und schon kann er den Aufsatz eines Kinderwagens oder eine Auto-Babyschale daraufstecken. Konstruktionen dafür habe es schon gegeben, aber keine sei so einfach zu handhaben und biete der Mutter so gut Zugang zum Kind, sagt er. Außerdem, so zeigt Walter Föhl, kann man mit zwei zusätzlichen, herunterklappbaren Rädchen das Vorsatzrad zu einem eigenen kleinen Wagen machen und an schwierigen Stellen wie in einem Aufzug nebenher schieben.

Die hohe Nachfrage, die Rückmeldungen von Nutzern und Auszeichnungen bestätigen Walter Föhl die Qualität seiner Entwicklungen. Auch der Gepäckträger, der noch nicht auf dem Markt ist, hat jetzt Preise gewonnen. Föhl hat ihn 2017 in Nürnberg auf der Erfindermesse Iena vorgestellt. „Die Jury dort war begeistert“, sagt er mit unverhohlenem Stolz. Die vielen raffinierten Details hätten die Jurymitglieder gar nicht mehr losgelassen. Er gewann eine Goldmedaille und dazu den Ehrenpreis der Stadt Nürnberg. Walter Föhl zeigt den silbernen Ehrenpreis-Teller. „Den kriegt nur einer von mehr als 800“, sagt er.

„Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich das offensiver angehen“

An kleinen Details müsse er für die Marktreife noch arbeiten, sagt der Erfinder zu seinem Universalträger. Insbesondere das Gewicht müsse er reduzieren. Von dem Träger ist er jedoch so überzeugt, dass er sogar ein europäisches Patent dafür angemeldet hat. Allerdings müsse er sich Gedanken machen, wie es weitergehe, sagt er. Weil er so viele Bestellungen für das Vorsatzrad habe, komme er kaum noch nach.

Und eigentlich will er ja am Träger weiterarbeiten. „Das muss perfekt auf den Markt kommen“, sagt er. „Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, dann würde ich das offensiver angehen.“ Er überlegt, ob es nicht besser wäre, das komplette Paket einem Rollstuhlhersteller zu verkaufen, der es vermarktet. Ganz so weit ist er jedoch noch nicht: „Vielleicht mache ich es noch selber, es würde mich schon reizen.“

„Mobi“

Die älteste Erfindung von Walter Föhl steht bei ihm im Wohnzimmer: ein ausladendes Metallgestell mit einer Art rotem Schirm oben in der Mitte und Seilen, die über Rollen laufen. Mehr als alle anderen Tüfteleien erleichtert und bereichert sie den Alltag der Föhls mit ihrem Sohn.

„Wir haben immer gesagt, der Christian kommt in kein Heim“, sagt Walter Föhl. Zu dem Gestell meint er: „Das ist das beste Hilfsmittel, das wir haben, besser als das Vorsatzrad oder der Träger.“ Er nennt es „Mobi“, ein Bewegungs- und Therapiegerät für schwerstbehinderte Menschen.

Mit einem Haltegurt und weiteren Hilfsmitteln wie einer großen Gymnastikrolle kann der sonst komplett bewegungsunfähige Christian in den Seilen an dem Gestell hängen. So könne er zum Beispiel tagsüber aus dem Fenster schauen oder ein Buch angucken und abends mit den Eltern fernsehen, sagt Walter Föhl. Auch pflegerische Maßnahmen, die sonst viel Kraft bräuchten, gehen so leichter. An den elastischen Seilen kann sich Christian zudem in einem gewissen Maß selbstständig bewegen und so zum Beispiel seine Muskeln kräftigen.

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