Remshalden/Winterbach Der schwierige Umgang mit Kindergräbern

Eingang zum Friedhof in Remshalden-Grunbach. Foto: Habermann / ZVW

Remshalden/Winterbach. Weil sie sich von der Gemeinde Remshalden genötigt sah, nach 26 Jahren das Grab ihres Sohnes aufzulösen, hat Elisabeth Früh einen Aufschrei veröffentlicht. Bürgermeister Molt versichert nun: Sie muss das Grab auf keinen Fall einfach räumen. Doch das Grundproblem ist damit nicht gelöst. Der Fall offenbart einen Einblick in ein schwieriges Thema, mit dem die Kommunen sehr unterschiedlich umgehen.

Der Tod eines Kindes ist etwas, das in Mitteleuropa in Zeiten von guter Impfabdeckung und hoch entwickelter medizinischer Versorgung nur selten vorkommt. Doch für Eltern ist es der größte anzunehmende Albtraum. „Wenn dein Kind stirbt, dann stirbt deine Zukunft“, sagt Elisabeth Früh. Ihr Sohn Dominik kam mit einem Herzfehler zur Welt, er wurde nur acht Tage alt. Das war 1993, vor jetzt 26 Jahren. „Aber die Trauer endet nie“, sagt Elisabeth Früh. „Du lebst immer damit, es bleibt dein Kind.“

Elisabeth Früh, die drei weitere, gesunde Kinder hat, erzählt ihre Geschichte jetzt, weil sie der Umgang der Gemeinde Remshalden mit dem Grab ihres Sohnes aufwühlt. Sie hat, mal wieder, einen Brief vom Rathaus bekommen mit der Aufforderung, das Grab auf dem Friedhof im Ortsteil Rohrbronn doch bitte bis zu einem bestimmten Termin zu räumen, da dann die Ruhezeit abgelaufen sei. Bereits im vergangenen Jahr habe man ihr auf dem Amt mitgeteilt, dass keine Verlängerung mehr möglich sei – nicht zum ersten Mal.

„Allein der Gedanke daran zerreißt mich innerlich“

Bereits vor sechs Jahren, erzählt Elisabeth Früh, habe sie der Schock getroffen, als die Gemeinde ihr mitgeteilt habe, dass das Grab abzuräumen sei. Auch ein Gespräch mit dem damaligen Technischen Beigeordneten Dieter Schienmann brachte sie nicht weiter. In einem zweiten Brief wiederholte die Verwaltung die Aufforderung zur Räumung, mit Verweis auf die Friedhofssatzung. Doch Elisabeth Früh fand sich damit nicht ab und wandte sich an Gemeinderäte. Daraufhin lenkte die Verwaltung ein und gewährte ihr doch eine weitergehende Nutzung. Mehrere Gemeinderäte hätten ihr danach zugesagt, dass sie darauf hinwirken würden, dass die Praxis im Umgang mit Kindergräbern geändert werden soll.

„Aber es ist nichts passiert“, sagt sie. Und jetzt also wieder der Brief – für Elisabeth Früh war er der Anlass, auf Facebook einen emotionalen Post zu verfassen. „Allein der Gedanke daran zerreißt mich innerlich, schnürt mir die Kehle zu ... macht mich sprachlos“, schreibt sie dort und fragt: „Haben fremde Menschen über mich zu urteilen, wann meine Trauer beendet ist?“

Bürgermeister sagt Verlängerung der Grabnutzung zu

Nein, haben sie nicht und tun sie auch nicht, lautet zusammengefasst die Antwort von Bürgermeister Reinhard Molt. Er hat sich am selben Tag, an dem Elisabeth Früh ihren Aufschrei veröffentlicht hat, mit ihr in Verbindung gesetzt und ihr die Verlängerung der Grabnutzung zugesagt. Sie muss dazu allerdings erneut das Nutzungsrecht erwerben und die Gebühr bezahlen. Gegenüber unserer Zeitung meint Molt: Hätte sie einfach angefragt, dann hätte sie die Verlängerung zu den Bedingungen ohne Probleme bekommen. „Wenn die Frau noch eine Trauerbewältigung vor sich hat, sind wir die Letzten, die nicht pietätvoll damit umgehen würden“, sagt er. In der kurzen Zeit, die er Bürgermeister in Remshalden sei, habe man mehrere „kritische Fälle gelöst“. Da sei es nicht um Kindergräber gegangen. Es komme immer wieder vor, dass Angehörige eine Verlängerung wünschen.

Elisabeth Früh ist Reinhard Molt dankbar für das Entgegenkommen. Seine Beteuerung widerspricht allerdings der Erfahrung, die sie in den vergangenen Jahren gemacht hat. Und sie wisse auch von anderen, denen es ähnlich ergangen sei wie ihr, sagt sie. Jetzt ist ihre Hoffnung, dass etwas in Bewegung kommt. Wenn der neue Bürgermeister eine andere Linie habe, dann sei das gut. Auch ein Gemeinderat hat sich wieder bei Elisabeth Früh gemeldet und ihr zugesagt: Wir ändern das. Dass es anders gehe, das wisse sie aus anderen Gemeinden, zum Beispiel Winterbach.

Winterbach verlangt bei Kindergräbern keine Räumung

Was ist in Winterbach anders? Der Blick in die Friedhofssatzung zeigt: auf dem Papier erst einmal nicht viel. Auch in Winterbach beträgt die Ruhezeit für Kindergräber zehn Jahre. Der entscheidende Unterschied offenbart sich in der Praxis. „Wenn Sie als junge Familie den Fall hatten, dass ihr Kind stirbt, und sie müssen dann das Grab abräumen – dann ist das ein gewaltiger Eingriff“, sagt Bauamtsleiter Rainer Blessing. Das sei ein Themenbereich, der belaste auch die Rathausmitarbeiter, die damit zu tun hätten. Der normale Weg sei es zwar auch in Winterbach, dass die Angehörigen vor dem Ablauf der festgelegten Ruhezeit einen Brief bekommen mit der Aufforderung, das Grab abzuräumen – aber nicht bei Kindergräbern. „Auf keinen Fall, das machen wir nicht“, sagt Rainer Blessing.

Die Ruhezeit läuft in Winterbach bei einem Kindergrab einfach aus, ohne dass die Angehörigen einen Brief bekommen. Sie dürfen das Grab einfach weiter nutzen – so lange sie wollen. Die Gemeinde fragt nur dann nach, wenn ein Grab offensichtlich nicht mehr gepflegt wird. „Wir schreiben auch keine Rechnung“, sagt Rainer Blessing. Das heißt, die Angehörigen zahlen nur einmal, ganz am Anfang. „Wir haben Gräber, das sind die Kinder in den 70er Jahren verstorben.“ Da der Todesfall eines Kindes Gott sei Dank sehr selten vorkomme – in Winterbach vielleicht einmal in zehn Jahren, schätzt Rainer Blessing – habe man genug Platz für diese Gräber.

Elisabeth Früh hat sich nach dem Angebot des Bürgermeisters entschlossen, das Grab ihres Sohnes weiter zu erhalten, trotz der Kosten. Um an ihren Sohn zu denken, brauche sie es zwar nicht. Aber: „Das ist für mich der Platz, wo mein Kind hingekommen ist.“ Klar, wisse sie, dass faktisch nichts mehr von ihm da sei. „Aber wenn das Grab verschwindet, dann verschwindet wieder ein Stück von ihm.“


Warum zehn Jahre Ruhezeit?

Die Friedhofssatzungen der Gemeinden in Baden-Württemberg unterscheiden sich nur in Details, weil sie sich alle an der Mustersatzung des Gemeindetags orientieren. So beträgt die übliche Ruhezeit für ein Kindergrab (für Kinder, die vor Vollendung des zehnten Lebensjahres gestorben sind) zehn Jahre – deutlich weniger als bei Erwachsenengräbern, wo 20 Jahre üblich sind. Warum? Die Antwort ist erschreckend einfach: „Das hat rein physikalische Gründe“, sagt der Winterbacher Bauamtsleiter Rainer Blessing. „Die Ruhezeit hat zum Ziel, dass, wenn sie rum ist, das Grab neu belegt werden kann“, erklärt er.

Die Zeit sei so gesetzt, dass bei der Räumung des Grabes keine sichtbaren Überreste des Körpers des Verstorbenen mehr in der Erde seien. Da ein Kinderkörper kleiner sei als der eines Erwachsenen, sei weniger Ruhezeit nötig. „Das kommt aus dem Bestattungsgesetz des Landes“, sagt Blessing. Aspekte wie Pietät oder die persönliche Trauerbewältigung der Angehörigen kommen in der Friedhofssatzung also nicht vor.

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