Remstal-Gartenschau in Schorndorf Remstal-Radweg kostet rund 400 000 Euro mehr

So oder so ähnlich könnte sie aussehen, die von Hans-Peter Sieg geplante Alu-Brücke über die Rems im Bereich „Alter Baumwasen. Foto: Visualisierung: Sieg

Schorndorf. Gerade war der Bewegungskindergarten mit Mehrkosten in der Größenordnung von rund 1,5 Millionen Euro abgehakt, da musste der Gemeinderat schon die nächste Kröte schlucken, weil beim Remstal-Radweg Mehrausgaben von mehr als 400 000 Euro anfallen. Gleichzeitig wurde das für den Bereich „Alter Baumwasen“ ins Auge gefasste Projekt „Stuttgarter Holzbrücke“ gestoppt, bei dem sich die Kosten auf über eine Million Euro summiert hatten. Dem jetzt aufgehobenen Grundsatzbeschluss lag ein Gesamtpreis von 655 000 Euro zugrunde.

Weil ein Brückenbauwerk für Fußgänger und Radfahrer als Verbindungsglied zwischen dem im Bereich zwischen Stuttgarter Straße und Remsbogen liegenden Quartier Untere Uferstraße/Gerberstraße nach wie vor als erforderlich angesehen wird, will die Stadt jetzt ein Brückenbauwerk aus Aluminium realisieren. Die Planung dafür stammt von Hans-Peter Sieg, seines Zeichens Technischer Geschäftsführer des Wasserverbandes Rems und nebenbei, so der Erste Bürgermeister Thorsten Englert, „ein Mann für Sonderaufgaben“, der sich nicht zum ersten Mal mit der Planung und dem Bau einer Brücke befasst.

Urbach und Weinstadt bauen die Holzbrücke

Es schmerze ihn als Geschäftsführer der Remstal-Gartenschau, dass die Stadt aus dem – im Übrigen interkommunalen, weil gemeinsam mit Weinstadt und Urbach geplanten und ausgeschriebenen und von diesen beiden Kommunen auch weiterverfolgten (wir haben berichtet) – Leuchtturmprojekt „Stuttgarter Holzbrücke“ aussteigen müsse. Aber Mehrkosten von mehr als 400 000 Euro ließen der Stadt keine andere Wahl. Wobei die rund 170 000 Euro, die in die Planung investiert worden sind, verloren sind.

Gesamtkosten von rund 1,07 Millionen Euro

Zu diesen Kosten und noch zu erwartenden Baunebenkosten wären den bereits vorliegenden Ausschreibungsergebnissen und Berechnungen zufolge rund 280 000 Euro für den Brückenüberbau aus Holz, circa 370 000 Euro für die Spezialgründung in Form von Mikrobohrpfählen und speziellen Widerlagern und knapp 170 000 Euro für die aufgrund der großen Aufbauhöhe sehr aufwendigen Auf- und Abgänge beziehungsweise -fahrten gekommen. Bei Gesamtkosten von rund 1,07 Millionen Euro wären nach Abzug des zu erwartenden Zuschusses in Höhe von knapp 300 000 Euro rund 770 000 Euro bei der Stadt verblieben – und damit fast 450 000 Euro mehr, als seinerzeit angenommen, als der Grundsatzbeschluss für den Bau der Holzbrücke gefasst wurde.

Für Hans-Peter Sieg ist seine Brücke „fast ein Schnäppchen“

Demgegenüber sei das, was er jetzt vorschlage „fast ein Schnäppchenprojekt“, meinte Hans-Peter Sieg mit Blick auf die geplante Aluminiumbrücke mit zu erwartenden Gesamtkosten in Höhe von rund 575 000 Euro, von denen an der Stadt nur etwas mehr als 300 000 Euro hängenbleiben würden, wenn Zuschüsse in ähnlicher Höhe wie bei der Stuttgarter Holzbrücke fließen. Die Vorteile dieser Brücke liegen laut Sieg, der „eine technisch interessante Lösung, die auch einen gewissen Erlebniswert hätte“, in Aussicht stellte, in einer niedrigeren Bauhöhe und damit verbunden in wesentlich unkomplizierteren Zuwegungen und in einer einfacheren Gründung. Nachteil: Mit dem Bau der Brücke kann frühestens im Frühjahr 2018 begonnen werden, so dass sie bis zum Beginn der Remstal-Gartenschau aller Voraussicht nach nicht fertig ist. Was, so Oberbürgermeister Matthias Klopfer, „auch nicht schlimm“ wäre.

Planungskosten sind verloren

„Das Designerstück Holzbrücke wäre schön gewesen für Schorndorf“, meinte SPD-Stadtrat Yalcin Akgün, der den Verzicht aber für verschmerzbar hält, weil der Standort Alter Baumwasen „nicht unbedingt das Herzstück von Schorndorf“ sei. Was allerdings wehtue, seien die bislang schon entstandenen und endgültig verlorenen Planungskosten. „Wir wollen den zertifizierten Radweg und dort draußen eine Brücke“, sagte Grünen-Fraktionschefin Andrea Sieber, die sich bei dem von Hans-Peter Sieg empfohlenen Modell an die Hohenzollernbrücke in Köln erinnert fühlte, an die verliebte Paare ihre Liebesvorhängeschlösser anbringen (können).

Beutel: Ein erfreulicher Lernprozess der Verwaltung

Und obwohl sie bedauerten, dass das Material Holz wegfällt, und obwohl sie gewisse Probleme mit dem ökologisch nicht ganz unproblematischen Material Aluminium haben, stimmten die Grünen „in der Abwägung“ der Alternativplanung für die Baumwasen-Brücke zu, sagte Andrea Sieber. CDU-Fraktionschef Hermann Beutel sprach bezüglich der Brückenplanung von einem „erfreulichen Lernprozess“ der Verwaltung. Und auch FDP/FW-Stadtrat Gerald Junginger zeigte Verständnis für das Umdenken der Verwaltung in Sachen Stuttgarter Holzbrücke: „Wenn mir als privatem Unternehmer eine solche Fehlkalkulation passieren würde, müsste ich auch akzeptieren, dass der Kunde das nicht bezahlen kann.“

Mehrkosten von mehr als 400 000 Euro

Bezogen wissen wollte er das auch auf die sich abzeichnenden Mehrkosten von mehr als 400 000 Euro bei der Realisierung des Remstal-Radwegs als Teil des interkommunalen Radwegekonzepts der Remstal-Gartenschau, für das laut Thorsten Englert eine Zertifizierung durch den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) angestrebt wird. Der Großteil der Mehrkosten, nämlich rund 150 000 Euro, entfallen auf den Abschnitt Stuttgarter Straße, wo eine Vollsignalisierung der Kreuzung Mittlere Uferstraße/Stuttgarter Straße unter Einbeziehung der bestehenden Fußgängersignalanlage Stuttgarter Straße/Siechenfeldstraße geplant ist. Die Abstimmung mit dem Regierungspräsidium als Sicherheitsauditor, dem zuständigen städtischen Fachbereich „Sicherheit und Ordnung“ und mit der Polizei habe laut Verwaltung zu diversen Umplanungen und Nachbesserungen geführt. So müssten Absenkungen am Gehweg des Brückenkörpers und ein Umbau der Verkehrsinseln vorgenommen werden.

Auch im "Baurenwasen" muss nachfinanziert werden

Mehrkosten in Höhe von knapp 100 000 Euro haben sich bei den bereits fertiggestellten Abschnitten zwischen dem katholischen Kindergarten St. Markus und dem Paulinensteg sowie zwischen Paulinensteg und Vorstadtstraße ergeben. Auch im „Baurenwasen“, wo gerade die Remsrenaturierungsmaßnahme läuft, müssen 60 000 Euro nachfinanziert werden. Und schließlich liegt die Vergabesumme von rund 240 000 Euro für den Radwegeabschnitt Gottlob-Bauknecht-Straße, wo ein verbreiterter Geh- und Radweg auf der über die Flutmulde führenden Brücke angelegt und mit einer Signalanlage versehen wird, um rund 125 000 Euro über der Summe, die dem Förderantrag zugrunde lag. Die zu erwartenden Gesamtkosten für den Radweg Rems auf Gemarkung Schorndorf liegen bei über 1,1 Millionen Euro, von denen rund 900 000 Euro auf die Stadt entfallen.


Kritik und Meinungen im Gemeinderat

„So kann man sich nicht verplanen, wenn man gründlich plant“, hielt CDU-Fraktionschef Hermann Beutel der Verwaltung beim Remstal-Radweg vor und fragte (sich): „Gibt’s überhaupt noch eine verlässliche Planung oder ist das mittlerweile alles ein Lotteriespiel?“. „Furchtbar“ seien die Mehrkosten beim Remstal-Radweg vor allem auch im Hinblick darauf, „dass wir auch bei anderen Gartenschau-Projekten noch unsere blauen Wunder erleben werden“. Demgegenüber erinnerte SPD-Stadtrat Marcel Kühnert daran, dass die ursprünglichen Planungen die Stadt noch teurer gekommen wären. „Wir haben überall oberirdische Lösungen gefunden, die zwar kostengünstiger, aber für die Radfahrer schlechter sind“, sagte Kühnert. Und sein Fraktionskollege Klaus Reuster, der einen persönlichen Angriff auf CDU-Stadtrat Manfred Bantel auf dessen Intervention hin zurücknahm, sprach von einer „völlig unnötigen Kostendiskussion“, weil mit dieser Radwegeplanung eine jahrzehntelange Fehlentwicklung korrigiert werde.

Was – erwartungsgemäß – FDP/FW-Stadtrat Konrad Hofer auf den Plan rief, der Reuster unter Verweis darauf, dass er, Hofer, es gewesen sei, der seinerzeit den ersten Radweg gefordert habe, belehrte: „Es gab keine jahrzehntelange Fehlentwicklung, sondern die Zeiten haben sich geändert.“ Und die Radwegeführungen unter den Brücken, so Hofers Bemerkung in Richtung Marcel Kühnert, seien nicht an den Kosten, sondern an der fehlenden technischen Machbarkeit gescheitert. Im Übrigen seien die in Kombination mit der geplanten Baumwasen-Brücke erforderlichen Zu- und Abfahren „falsch“, weil man da vor lauter Kurven ein Netz oder ein Fanggitter brauche. Woraufhin Grünen-Stadtrat Andreas Schneider die Radwegeplanung im Bereich Gerberviertel/Stuttgarter Straße mit drei Kreuzungen, neun zu passierenden Grundstücks- und Betriebsausfahrten und drei 90-Grad-Abzweigungen als nicht familienfreundlich kritisierte und noch einmal grundsätzlich infrage stellte. Was der Oberbürgermeister aber unterband: „Die Trassendiskussion machen wir nicht neu auf.“

Bevor die Mehrkosten für den Radweg Rems bei sechs Gegenstimmen (fünf aus der CDU-Fraktion und die von Andreas Schneider) vom Gemeinderat akzeptiert wurden, wies der Leiter des Fachbereichs Infrastruktur, Schuck, den Vorwurf der Fehlplanung zurück. Speziell bei der Stuttgarter Straße seien die Mehrkosten auf eine „vertiefte Ausführungsplanung“ zurückzuführen. Und da seien 400 000 Euro „der Preis, den wir erwarten mussten“.

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