Reportage auf der Remsbahn Mit Go-Ahead von Gmünd nach Waiblingen

Hoppla, hier kann man ja noch umfallen! Blick in den Zug von Gmünd nach Waiblingen am Dienstagmorgen gegen 7 Uhr. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen. Na so was, staunt ein Fahrgast: Das sei wohl „der Vorführeffekt“. Kaum fährt mal ein Zeitungsreporter im 6.54-Uhr-Zug von Gmünd nach Waiblingen mit, gehen zwar wie immer die Sitzplätze aus – gäbe es aber eine Überfüllungsampel, stünde sie nur auf Dunkelgelb statt Knallrot. Ein Reisebericht auf der Remsbahn.

Gähnende, Wortkarge, vor sich hin Sinnierende: Vom Vorplatz her drückt das letzte Nachtdunkel auf die beleuchteten Bahnsteige, in den Gesichtern nistet matter Frust über die Zumutung des Wachseins. Leute sitzen – oder hängen eher – auf Bänken, lehnen mit verschränkten Armen an Geländern, gegen die Welt imprägniert mit Ohrsteckern und Kopfhörern. Dienstagmorgen in Gmünd: Schüler, Studenten, Werktätige warten auf den 6.54er.

Gleich wird er von Aalen her kommen, der Berüchtigte. Katastrophal überfüllt soll er allmorgendlich sein. Erste Überraschung: Er kommt auf die Minute pünktlich. Rund 100 Leute steigen ein, sie treten in bereits gut gefüllte Wagen.

Dämmern, bevor die Arbeit beginnt

Erste Nicht-Überraschung: Wer den Türöffner an der Toilette drückt, dem flötet eine für diese frühe Stunde verstörend gut gelaunte Frauenstimme vom Band entgegen: „Dieses WC ist außer Betrieb. This Lavatory is out of Order“. Genau so war es auch schon Ende Juni bei unserer letzten Zeitungs-Testfahrt mit Go-Ahead auf der Remsschiene. Der große Soulsänger Southside Johnny hatte recht, als er einst barmte: „Some Things just don’t change“, manche Dinge ändern sich einfach nicht.

Die Gesegneten, die einen Sitz ergattert haben, schließen, besiegt von der Wärme im Wagen und dem weichen Polster, die Augen: dämmern, bevor die Arbeit beginnt.

Den Leuten, die in Lorch einsteigen, bleibt solcher Luxus verwehrt: kein freier Sitzplatz in Sicht. „Isch jeden Tag so“, murmelt mürbe ein junger Mann im Kapuzenpulli. Aber richtig „interessant“ werde es „ab Schorndorf. Da bin ich auch schon ausgestiegen“, weil es so überfüllt war. „Umfallen kannst du dann nicht mehr.“

Gehen wir den Wagen einmal auf und ab, steigen wir – „Entschuldigung, darf ich bitte mal durch“ – über in den Gang ragende Beine, quälen wir uns durch die Engstelle bei der Toilette, wo die Leute an der Wand entlang sitzen wie Mauerblümchen, die keinen Tanzpartner gefunden haben, zählen wir durch: Bei genauer Suche finden wir hier und da noch einen freien oder nur mit einer Tasche belegten Sitz; sechs insgesamt. 25 Leute stehen.

Irgendwann verliert auch der Chef die Geduld

Der junge Mann im Kapuzenpulli erzählt, wie die Stimmung hier drin üblicherweise so ist: „Die Leute kotzen ab. Die Türen machen ständig Probleme. Und irgendwann ist beim Chef auch mal die Geduld vorbei, wenn man jeden Tag zu spät kommt“ wegen eines unpünktlichen Zuges.

Nächster Halt: Waldhausen. Ein Schwall Leute kommt rein, niemand geht raus. In den Türbereichen bilden sich Trauben. Eine Schülergruppe will nach Plüderhausen. Müsst ihr immer stehen? „Morgens auf jeden Fall.“ Die Kinder klingen nicht empört. Platznot ist nicht ihr Hauptproblem – wahrhaft unmenschlich ist es, um diese Zeit zum Unterricht zu müssen.

Nach Plüderhausen kommt Urbach, der Mann mit Kapuzenpulli wundert sich: Der Zug sei heute länger als sonst. Zwar müssen viele stehen – aber Schulter scheuert nicht an Schulter. Ein Taschendieb müsste den Arm ausstrecken, wenn er hier jemandem in die Hosentasche greifen wollte.

Ein guter Tag, wenn man noch umfallen kann

In Schorndorf fluten viele raus, noch mehr schwappen rein – aber „heute ist es eigentlich wirklich angenehm“, meint der Kapuzenpulli. „Ist halt ärgerlich, wenn du von Lorch bis Stuttgart stehen musst“, aber er ist Schlimmeres gewöhnt. Noch mal durchzählen: Ausnahmslos alle Sitze belegt, 37 Leute stehen – man kann aber noch umfallen! „Das ist der Vorführeffekt“, vermutet der Kapuzenpulli.

Seit Gmünd: kein Kartenkontrolleur weit und breit. Fehlt’s am Personal? Oder traut sich niemand ins Getümmel? „Ich hätte da keinen Bock zu kontrollieren“ sagt ein Fahrgast. „Die kriegen schon ordentlich ihr Fett weg“: Genervte Kunden laden regelmäßig ihren Frust beim Bodenpersonal ab.

Haargenau um 7.28 Uhr fährt der Zug in Waiblingen ein. Fazit: An diesem Morgen ist er auf die Minute pünktlich; nur, ähem, moderat überfüllt; und für Schwarzfahrer ein Geschenk.


Go-Ahead im Kreistag: Aus Ärger wird Wut

Ulrich Scheurer fährt jeden Morgen mit dem Regionalzug von Plüderhausen nach Stuttgart und abends wieder retour. Ärger mit den DB-Zügen ist er seit jeher gewohnt. Doch seit dem Wechsel von der Deutschen Bahn zu Go-Ahead schwillt dem CDU-Kreisrat der Hals. Die Kreistagssitzung am Montag in Plüderhausen hat der 49-Jährige genutzt, seinem Unmut über die Zustände auf der Remsbahn Luft zu machen. Die seien seit Juni „eine einzige Katastrophe“: zu kleine Züge, überfüllte Waggons, Zugausfälle am laufenden Bahn und schlechte Fahrplaninformationen. Mit Blick auf den aktuellen Feinstaub-Alarm in Stuttgart sagte er: „Wir kriegen niemand auf die Schienen, wenn wir keinen funktionierenden ÖPNV haben.“ Scheurer forderte die Kreisverwaltung auf, endlich aktiv zu werden. Er schlug vor, zusammen mit dem Ostalbkreis einen Remsbahn-Gipfel einzuberufen, um dem Verkehrsministerium und Go-Ahead Dampf zu machen.

Landrat Richard Sigel versprach nichts. Der Kreis sei weder für S-Bahnen noch für den Regionalverkehr zuständig – und überdies mit seinen Busverkehren ausreichend beschäftigt. Peter Zaar, der als erster Landesbeamter im Landratsamt auch für den ÖPNV zuständig ist, sei aber am Ball. In einem Gespräch am Rande der Kreistagssitzung wies Zaar auf die hinlänglich bekannten Anlaufschwierigkeiten von Go-Ahead hin, angefangen bei den zu spät gelieferten Zügen über technische Macken bis hin zum akuten Personalmangel.

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