Reportage Silvester an der Tankstelle: Kaffee ist der meistgefragte Treibstoff

Die meisten Kunden sind gut gelaunt in der Silvesternacht, und Stationsleiter Christos Masmanidis ist von Haus aus freundlich. Foto: Alexandra Palmizi

Winnenden. Silvester kurz vor Mitternacht. Sehnsucht nach einer Tankstelle haben Taxifahrer. Sie arbeiten in dieser Nacht und sind froh über Stationsleiter Christos Masmanidis in der Shell-Tankstelle an der Waiblinger Straße, die Tag und Nacht Benzin und Diesel abgibt, aber auch Eiswürfel und Käsebrezeln.

Vor der Tankstelle dringen stechende Rauchschwaden vom Feuerwerk in die Nase, innen duftet es angenehm nach frischen Brötchen. Christos Masmanidis ist beschäftigt mit Backen. Mit unter das Ohr geklemmtem Telefon flitzt er ins Lager, holt die Backwaren aus der Gefriere.

An diesem Silvester werden die Eiswürfel knapp

„Die Nacht war relativ ruhig, was mich gewundert hat“, sagt der freundliche und herrlich entschleunigte Stationsleiter. Er habe schon andere Silvester erlebt: Letztes Jahr sei ein ganzer Schwung Jugendlicher eingefallen und habe ihm den Backshop-Bestand leergefuttert, er musste mitten in der Nacht noch mal nachbacken. Dieses Jahr reicht der Vorrat an belegten Baguettes und Käsebrezeln, die er ab Schichtbeginn blechweise in den Ofen schiebt. Dafür gehen seine Eiswürfel vor Mitternacht zur Neige. „Ein örtlicher Barbetreiber hat angerufen und zehn Packungen abgeholt, für seine Cocktails“, erzählt er. Um 5 Uhr kaufen zwei Jugendliche eine Tiefkühlpizza, auch das gibt’s. An den Zapfsäulen ist tote Hose.

Getankt werden Alkohol – Dosenbier ist sehr beliebt - und immer wieder Kaffee. Hauptabnehmer des Wachmachers aus dem Pappbecher sind Taxifahrer. Sie sorgen für Stimmung und Leben. „Gutes neues Jahr“, begrüßen die Stammkunden „ihren“ Lieblingstankstellen-Mitarbeiter. „Wir frühstücken hier, machen Pause zusammen, und wir kommen auch an Silvester“, sagt Taxifahrer Salim Birben. Sie seien froh, sich hier mit Kaffee für die Nachtschicht auf der Straße „dopen“ zu können. Bevor die Silvesterodyssee beginnt, wird die Tankstelle zu einer kleinen Taxizentrale. Zwei Großraumtaxis und zwei Taxi-Limousinen stehen im Parkbereich. „Jetzt sind alle noch am Feiern und Essen, erst später geht“s bei uns rund“, prognostiziert der Taxifahrer.

Immer dichter wird der Feuerwerksnebel, in Winnenden steigen Raketen zischend in den Nachthimmel. An der Theke säuselt still und friedlich der Kaffeeautomat. Christos Masmanidis backt Croissants und reicht die heißen Becher heraus. Vom Eingang aus ist der Blick gut, der schwarze Himmel glitzert bunt. Der Stationsleiter schaut einige Takte zu, geht dann wieder zu seinen Backblechen. Er ist gedanklich schon bei den Brezeln, die als Nächstes drankommen. Christos Masmanidis macht sich nicht viel aus Silvester. Deshalb fällt dem 26-jährigen gelernten Industriekaufmann das Arbeiten nicht schwer. Seine Freunde sieht er trotzdem. „Sie kommen gegen später noch vorbei und wir wünschen uns hier ein gutes Neues“, erzählt er mit seiner angenehm ausgleichenden Stimme.

Vier gut gelaunte Fußgänger kaufen Wodka in der Tankstelle

Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Auch nicht die stark alkoholisierten Besucher, die vorbeistolpern. Er bedient sie zuvorkommend, sie verhalten sich friedlich, Fall erledigt. Etwas später strandet ein Mann aus Murrhardt am Stehtischchen mit den Zuckerbeuteln, rührt im Kaffee und überbrückt im Warmen eine Stunde Wartezeit, bis sein Zug fährt. Der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, der einen recht geschafften und müden Eindruck macht, macht am Kaffeetisch Feierabend. „Er wollte nicht viel sprechen, reagierte nicht auf einen Neujahrswunsch, kommt vor“, so Christos Masmanidis ganz ungerührt. Vier junge Menschen, gestylt und in Partylaune, kommen hereingerauscht. Mit einem singenden „Ha-lloooooo“ ziehen sie eine Flasche Wodka aus dem Regal, bezahlen und weg sind sie.

Christos Masmanidis mag die Tankstellenarbeit. „Es ist immer abwechslungsreich.“ Gegen zwei Uhr hat er alle Brötchen und Baguettes belegt und erledigt im Laufe der Nacht weitere Aufgaben, die auf einem Tablet neben der Kasse eingeblendet sind: Kühlschrank auffüllen, Temperatur kontrollieren, Regale putzen, Boden nass aufwischen, Kasse zählen, Monatsstatistik. Weil Jahresende ist, muss er die Getränkeflaschen zählen.

Arbeitsprinzip: Alles im Auge behalten und immer freundlich sein

Es bleibt ruhig, die Zeit vergeht langsam. Wachhalten müsse er sich aber nicht. „Ich habe vorgeschlafen, irgendwann gewöhnt man sich an den Rhythmus.“ Er mag Kontakt mit Menschen, darum kam er zur Tankstelle, zunächst als Aushilfe, seit einem Jahr trägt er als Stationsleiter Verantwortung, achtet auf den Warenbestand und ist für den Personaleinsatz verantwortlich. Das Wichtigste in der Silvesternacht gilt auch an den restlichen 364 Tagen: „Alles im Auge behalten und immer freundlich sein, auch zu ungeduldigen Kunden.“ Die bleiben in der Nacht aber zum Glück aus.

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