Reportertausch Kontrastprogramm: Im Osten stehen die Wohnungen leer

Wohnraum im Überfluss: Einer der Unterschiede, die zuerst ins Auge stechen. Foto: Wüstholz/ZVW

Frankfurt/Waiblingen. Als Gastreporterin aus Waiblingen reist man – zugegeben – nicht ganz vorurteilsfrei in den allertiefsten Osten. Hinterher ist man dann immer schlauer. Die Grenzstadt Frankfurt (Oder) ist irgendwie alles auf einmal. Schön und hässlich, progressiv und behäbig, weltoffen und abgehängt.

Zuallererst fällt dieses metergroße Banner auf, platziert an einer Hauswand gleich beim Bahnhof: Möblierte Studenten-Zimmer zu vermieten. Hier suchen sie also Studenten für ihre Zimmer. Rund um Stuttgart suchen Studenten monatelang erfolglos nach einer Zwölf-Quadratmeter-Bleibe in einer WG, wenn irgend möglich für unter 400 Euro. Die Einkommensunterschiede wären gegenzurechnen: In Frankfurt (Oder) hängt im Kaufland einer dieser „Biete“-Zettel, und darauf steht: 300 Euro „Gesamtmiete“ für eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Zentrum. Nachmieter gesucht!

Wetten, das ist Platte? Katrin Böhme zieht so ein bisschen die Augenbrauen hoch, als das Reizwort fällt: „Platte“. Benutzt man als Westdeutsche das böse Wort, klingt es immer so nach: Oh je, wie müsst ihr wohnen. „Quadratisch, praktisch, gut“, und preisgünstig noch dazu: Diese Adjektive verbindet Katrin Böhme mit „Platte“. Als Referentin des Frankfurter Beigeordneten Jens-Marcel Ullrich (SPD) zählt sie nicht zu jenen, die meckern müssen, um sich lebendig zu fühlen. Im Stuttgarter Raum ist diese Spezies in großer Zahl vertreten – und in Brandenburg auch, sagen sie.

Werbung um die Mieter

Katrin Böhme lenkt den Blick auf das Schöne: Auf der Insel Ziegenwerder, die vor der Stadt in der Oder liegt, früh um fünfe der Sonne beim Aufgehen zuschauen, „das müssen Sie echt mal machen“. Oder die Adonisröschen im Naturschutzgebiet Oderhänge Mallnow, „das glauben Sie nicht, wie schön das da ist“.

Doch, doch, es gibt jede Menge schöne Ecken in der Grenzstadt. Erhabene Kirchen, einen überaus charmanten, bunten Comic-Brunnen mitten in der Stadt und wunderbar ausgebaute Wege entlang der Oder: So herrlich lässt es sich an der Rems nicht überall entlangschlendern oder radeln.

Welch ein Glück für Frankfurt (Oder), dass der Verkehr sich in derart überschaubarem Rahmen hält. Hier empfinden sie bereits sechs stehende Autos an der roten Ampel als Stau. Für jemand, der aus dem Stuttgarter Speckgürtel kommt, wirkt hier alles wohltuend weiträumig, drängeleifrei, zuweilen auch verlassen. In den Straßencafés viel mehr Stühle als Gäste. Nach 20 Uhr hat man den Park praktisch für sich allein. Nur vorm Kaufland sitzen ein paar Jugendliche, die Mädchen mit dreifarbigem Haar und Bierflasche in der Hand. Einige Araber und Südländer mit Tattoos auf den Oberarmen verbringen den Abend dort auch.

Neonazis - Die Szene gibt es so nicht mehr

In der Stadt gab’s früher mal eine üble Neonazi-Szene. Die hat sich verdünnisiert. Sämtliche überregionale Zeitungen haben das Thema jüngst großgezogen, als René Wilke, mit 33 Jahren ein Jungspund und ein Linker noch dazu, in Frankfurt den langjährigen parteilosen konservativ-liberalen Oberbürgermeister Martin Wilke aus dem Amt fegte. Christian Bangel, selbst ursprünglich Frankfurter, schrieb auf Zeit online: „Frankfurt ist kein gutes Pflaster mehr für Nazis und Rechtspopulisten.“

Für Flüchtlinge scheint Frankfurt an der polnischen Grenze, und das überrascht nur im ersten Moment, ein besseres Pflaster als Waiblingen zu sein: In Frankfurt können Flüchtlinge viel schneller in Wohnungen umziehen, weil es an Wohnraum nicht fehlt. Dadurch löst sich manch ein Problem bereits, bevor es entstanden ist.

Zum Spargelkaufen nach Polen

Woher kommen Sie und wohin gehen Sie? Passanten auf der Oderbrücke, die Frankfurt mit dem polnischen Städtchen Slubice verbindet, mit solchen Fragen zu konfrontieren, ruft extrem unterschiedliche Reaktionen hervor. Den Konsumenten-Laufsteg passieren Leute, die einfach nur unbehelligt in Polen billig Zigaretten und Spargel kaufen und günstig tanken wollen. Es kreuzen Polen die Brücke, die in Deutschland arbeiten, aber wenig Deutsch sprechen - allerdings immer noch viel besser als viele Deutsche Polnisch.

Halina Siegismund wandelt ständig zwischen den Welten. Sie ist Polin, hat einen Deutschen geheiratet und hält mindestens einmal pro Woche einen Plausch mit Gryga Katarzyna, die Zigaretten gleich an der Grenze in Slubice verkauft. Halina Siegismund lebt ganz einfach im Alltag, wofür Frankfurt (Oder ) und Slubice ungezählte Projekte auf den Weg bringen: Deutsch-polnische Verständigung, deutsch-polnische Zusammenarbeit und möglichst deutsch-polnische Freundschaft stehen hier sehr hoch im Kurs.

Warum keiner hier wohnen will

Die erst seit wenigen Jahren frei begehbare Oderbrücke ist das weithin sichtbare Symbol dafür. Auf der Brücke bleibt eine so etwa 30-jährige Frau kurz stehen und lässt sich in ein Gespräch verwickeln, obwohl sie überhaupt gar keine Zeit hat: Der Job ruft, und sie will heute Abend nicht zu spät raus, zu Hause zwei Kinder, und dann die lange Fahrt nach Berlin jeden Tag hin und zurück. Warum sie nicht hierher zieht, nach Frankfurt? Na ja, hat viele Gründe. Einer davon ist, sie und ihr Mann, der aus Pakistan stammt, möchten die Kinder lieber im Berliner Großstadt-Umfeld groß werden lassen.

Okay, die Originalversion klang nicht ganz so diplomatisch.

Die Pendler-Ströme verlaufen in Frankfurt (Oder) genau umgekehrt. Hat je jemand alle Berufstätigen gezählt, die im Rems-Murr-Kreis wohnen, zur Arbeit nach Stuttgart pendeln und abends froh sind, dem Moloch wieder zu entkommen? Ins vergleichsweise minikleine Frankfurt an der Oder pendeln täglich ungezählte Berliner. Rund 100 Kilometer trennen die beiden Städte. Eine Stunde dauert die Zugfahrt – allerdings nur, wenn der Betrieb störungsfrei läuft. Sehr oft ist das nicht der Fall, und der geplagte Pendler muss auf der Strecke gar an vielen Stellen auf Internet verzichten: „Kein Netz“.

Berlin will keiner aufgeben

Tabitha Redepenning studiert an der Europa-Uni Viadrina in Frankfurt (Oder) und stapft mehrmals in der Woche zusammen mit ungezählten Kommilitonen zwischen Bahnhof und Uni hin und her. Von Berlin nach Frankfurt umzuziehen und so viele Stunden Pendelzeit einzusparen, kommt einfach nicht in die Tüte: Die jungen Leute haben sich, wenn sie als Master-Studierende nach Frankfurt kommen, schon ein Leben aufgebaut, bevorzugt in Berlin. Das wollen sie nicht aufgeben, sagen Tabitha Redepenning und ihr Studienkollege Dennis Buchholtz.

Geht man in einem der Uni-Gebäude die Treppe hoch, kann man innerhalb einer Minute drei verschiedene Sprachen hören – oder mehr. Dieser ganze Campus atmet Internationalität. Die Uni steht weit vorn auf der Hätte-ich-hier-echt-nicht-vermutet-Liste. Und hey, Frankfurt besitzt sogar einen Olympiastützpunkt. Frankfurt: die unterschätzte Stadt. – Eine reizend eckige Straßenbahn haben sie dort. Frankfurt (Oder) ist mit rund 61 000 Einwohnern gar nicht so viel größer als Waiblingen, das rund 52 000 Einwohner zählt. Allerdings hat Frankfurt nach der Wende etwa ein Drittel seiner Einwohner verloren.

Hier wie da stellen die Menschen, was Kultur angeht, eine Menge auf die Beine. Aber eine Bürgerbühne vergleichbar jener in Frankfurt haben die Waiblinger nicht. Das Stück „Tschüss Muddi“ geht sehr unter die Haut. Es geht um Jugendliche aus Problemfamilien. Sie erzählen, was die Armut mit ihnen macht, und der Alkohol und die Gewalt. Käme ein vergleichbares Stück in Waiblingen auf die Bühne, müsste ein Regisseur der Vollständigkeit halber einen weiteren Aspekt einfließen lassen: Wohlstandsverwahrlosung.

Schwabenland - „Du willst uns aber nicht aufkaufen?“

„Du willst uns aber nicht aufkaufen, oder doch?“, fragt keck der coole Typ hinterm Tresen einer Gastwirtschaft am Brunnenplatz in Frankfurt. Das Stichwort „Schwabenland“ hat diese Assoziation als Erstes in ihm geweckt. Am Tisch drehen sich die Gespräche mit Kollegen dann um dies und das. Zum Beispiel um Wahlbeteiligung. Rund 45 Prozent der Wahlberechtigten gaben bei der jüngsten Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt ihre Stimme ab, bei der Stichwahl im März waren es rund 38 Prozent. In Waiblingen gab’s eine wirklich spannende OB-Wahl mit seinerzeit sechs Kandidaten zuletzt im Jahr 2006. Damals lag die Wahlbeteiligung ebenfalls bei knapp 40 Prozent. Als sich der Amtsinhaber Andreas Hesky 2013 der Wahl ohne Gegenkandidat stellte, schafften es gerade mal 18 Prozent der wahlberechtigten Waiblinger am Wahlsonntag bis zur Urne.

So läuft das im Westen – und wie war’s nun im Osten? Großartig! Erhellend! Auf der Rückfahrt fühlt sich der Kopf etwas leichter an, weil sich ein paar Vorurteile weniger darin befinden.

  • Bewertung
    12
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!