Richard Deacon Der Meister der Waiblinger Rathaus-Skulptur

Bildhauer Richard Deacon, Hansjörg Thomae vom Galerie-Förderverein und OB Andreas Hesky (von links) vor der Deacon-Plastik. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen. Heute nimmt kaum noch jemand Anstoß an der Röhren-Plastik von Richard Deacon vor dem Rathaus. Das war vor 27 Jahren, als der Künstler sie schuf, noch anders. Inzwischen ist die Skulptur selbstverständlicher Teil der Stadt. Bei einem Wiedersehen in Waiblingen plauderte der Brite entspannt über den Brexit und das Marktdreieck.

Unglaublich, wie gestrig die Welt in diesem gar nicht so lang zurückliegenden Gestern manchmal noch war. Waiblingen war damals noch nicht so kunstfreundlich wie heute, und im Gemeinderat soll manch einer beklagt haben, dass wegen der Plastik drei Parkplätze wegfallen, und das auch noch direkt vor dem Rathaus. Dann kam auch noch der Vorschlag, sie unten beim Bauhof aufzustellen. Anders dachte der damalige Wirt der „Traube“ (heute Bachofer), der das Potenzial erkannte und gleich Außenbewirtschaftung beantragte. „Das ist keine Geschichte“ (This is not a Story) heißt das Werk, das sich als Gegenentwurf verstehen lässt zur lieblichen Gegenstandskunst, die Anekdötchen aus der Stadtgeschichte verbildlicht. Beispiel aus nächster Nachbarschaft: der „Taubenhäusler“ auf dem Marktplatz.

Inspiriert von verschlungenen Straßen und Gassen der Altstadt

Hinter der Verbindung zwischen Deacon und Waiblingen steckte der früh verstorbene Museumsleiter Helmut Herbst, selbst ein Konzeptkünstler, der der Galerie Stihl ihr erfolgreiches Konzept der Zeichnungen und Arbeiten auf Papier gab, die sie von anderen Häusern abhebt. Im Rahmen der Aktion „Platzverführung“ der Stuttgarter Kulturregion nahm 1993 die Skulptur ihren Platz ein auf dem Waiblinger Rathausvorplatz. Rudi Fuchs, einer der Documenta-Leiter, verteilte seine Stars auf die ganze Region – Waiblingen bekam Richard Deacon und Niele Toroni.

Mit den Jahren verbreitete der Volksmund für „This is not a Story“ den Spottnamen „Darmverschlingung“. Inspiriert ist sie von den verschlungenen Straßen und Gassen der Altstadt, durch die sich überlagernden Schichten von Abgerissenem und Überbautem. Vielfach wird der Oberbürgermeister gefragt, ob die Kurven und Windungen des Edelstahls die wundersamen Windungen der Bürokratie darstellen. Eine Interpretation, die der Künstler nicht übelnimmt, sondern über die er bei seinem Besuch am Donnerstag selbst lachen kann. Überhaupt zeigt sich der 69-Jährige als humorvoller, freundlich plaudernder Gast ganz ohne arrogantes Gehabe.

Der Förderverein „Freunde der Galerie Stihl“ hat ihn vor zwei Jahren in Heilbronn getroffen, wo er den „Ernst-Franz-Vogelmann-Preis für Skulptur“ gewonnen hatte. Seitdem steht Vereinsvorsitzender Hansjörg Thomae in Mailverkehr mit dem Bildhauer und konnte das Wiedersehen in Waiblingen inklusive Besichtigung der „Aufgeblüht und abgelichtet“-Schau in der Galerie Stihl einfädeln.

Das Brexit-Desaster: Letzte Hoffnung Europawahl

Im Angesicht des Marktdreiecks lobt Richard Deacon das als „Ufo“ verschriene Denkmal, das als charakteristisch für die siebziger Jahre stehe und nach dem Großputz wieder gut sichtbar das Fachwerk der umgebenden Häuser nachbilde. Ein Phänomen, wie Gebäude erst als modern gelten, dann als altmodisch und schließlich als bewahrenswert. Am Rathausplatz schätzt er diese architektonischen Kontraste und die „interessante Kollision der Epochen“.

Während am Rathaus die Europaflagge weht, verrät der Brite, was er vom Brexit hält: nichts. „Ein einziges Desaster.“ Theresa May habe einen guten Job gemacht, falls sie ihre Partei zerstören wollte. Noch dazu sei die Arbeit der Regierung und Verwaltung seit Monaten lahmgelegt. Ein bisschen Hoffnung setzt Deacon auf die Europawahl. Sollten die Europabefürworter gewinnen, könnte es vielleicht noch passieren, dass der Brexit doch nicht stattfindet.


Richard Deacon

Richard Deacon ist 1949 im walisischen Bangor geboren. 1987 erhielt er den renommierten Turner-Preis. 2017 bekam er den Ernst-Franz-Vogelmann-Preis für zeitgenössische Skulptur in Heilbronn.

Richard Deacon ist Professor an der Kunstakademie Düsseldorf und Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.

Anlässlich der Bundesgartenschau in Heilbronn wird dort am Freitag die Skulptur „Reef“ von Richard Deacon eingeweiht.

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