Roboter Roboter bringt Demente zum Reden

Der Kuschel-Roboter ist auch auf einer Station für Demenzkranke in Baden-Baden zu Forschungszwecken im Einsatz. Die Fotografin Silke Wernet gewann mit diesem Bild den ersten Preis beim Wettbewerb Bilder der Forschung 2009 im Bereich Gesichter der Forschung. Foto: Silke Wernet

Bietigheim-Bissingen - Emma blinzelt lieb und macht mit fiependen Geräuschen klar, dass sie gestreichelt werden will. Auf jede Berührung reagiert die weiße Robbe mit den riesigen Kulleraugen. Denn unter ihrem Fell verbirgt der Kuschel-Roboter jede Menge Sensoren. Krault man Emma unterm Kinn, fängt es vor lauter Wohlbehagen gar an zu vibrieren.

„Du bist ein Schatz“, sagt eine Bewohnerin des Pflegeheims an der Metter in Bietigheim-Bissingen. Schon dreht Emma ihren Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kommt. Der Mann, der gegenüber auf einer Couch sitzt, schaut skeptisch. Wer nicht möchte, muss sich nicht mit Emma ­beschäftigen.

Männer seien schon eher mal an der Technik interessiert, sagt Betreuerin Elke Kegreiss, die mit dem kleinen Therapiehelfer bereits seit neun Monaten im Haus unterwegs ist. „Manche drehen Emma um und fragen nach einem Schraubenschlüssel“, sagt sie. Andere erkennen den Roboter und lassen sich trotzdem auf das Spiel ein. Bei ­einigen ist nicht klar, ob sie bemerken, dass die Robbe nicht echt ist.

„Die Robbe spricht Demenzkranke auf der emotionalen Ebene an“, sagt Pflegeheimleiterin Ursula Uhlig – also, auf einer Ebene, auf der sie niederschwellig reagieren können. Das Kindchenschema ziehe bei den meisten Menschen – ob dement oder nicht, so Uhlig. Wer den flauschigen Roboter sieht und Tiere mag, verliert die Kontrolle. Ein fröhliches Lächeln kommt über die Lippen, rationale Gehirnregionen schalten sich ab. Es bleibt nur noch ein Gedanke: „Bist du süß, ich will dich knuddeln.“

Robbe als Türöffner zu Gespräch

Hier klinken sich allerdings Kritiker ein. „Das ist Zuwendung auf Knopfdruck“, sagt der Rüdiger Dillmann, Professor für ­Robotertechnik am Karlsruher Institut für Technologie. „Menschen sollten von ­Menschen Zuwendung bekommen und nicht von Robotern.“ Außerdem führe Paro zu einer Verkindlichung älterer Menschen. „Das ist wie, wenn man einem Kind einen Teddy gibt.“ Dillmann vermutet außerdem, dass durch den Roboter Personal eingespart werden soll. Ähnlich äußern sich Kirchenvertreter und Psychologen.

Ältere Menschen, die ganz einsam in einem Raum sitzen und allein mit der Robbe kuscheln? Zumindest im Pflegezentrum an der Metter findet man solche Bilder nicht. Betreuerin Elke Kegreiss ist immer dabei. „Die Robbe ist für uns ein Türöffner zu einem Gespräch.“ Der Therapieroboter ­öffne nicht nur das Herz, sondern auch den Mund. Selbst zu sehr verschlossenen ­Menschen findet die Betreuerin mit Unterstützung der Robbe einen Zugang.

Auch Erinnerungen kommen hoch – ein wichtiger Teil der Arbeit mit Dementen. Heute sagt eine Frau: „Gell, da ist man froh, wenn sie schlafen.“ Das Robbenbaby ­erinnert sie an ihre eigenen Kinder. Darauf beginnt die Betreuerin ein Gespräch mit ihr.

„Weder Wundermittel noch Personalersatz“

In manchen Pflegeheimen kommen auch lebendige Hunde als Kommunikationshelfer zum Einsatz. „Es gibt aber zum Beispiel Menschen, die Angst vor Hunden haben oder eine Tierhaarallergie“, sagt Pflegeheim-Leiterin Ursula Uhlig. Wissenschaftler vom Karlsruher Institut für Technologie versuchen derzeit in Bietigheim-Bissingen herauszufinden, ob der Einsatz von Kuschel-Robotern die gleiche Wirkung erzielt wie echte Tiere. „Die Robbe ist ein weiteres Hilfsmittel in der Aktivierungstherapie, aber weder ein Wundermittel noch Personalersatz“, lautet eine erste Erkenntnis.

In Bietigheim-Bissingen wurde derweil bereits eine zweite Robbe angeschafft. Die beiden Kuschel-Roboter helfen nun zum Beispiel auch rastlosen Dementen, die über elf Stunden am Tag unterwegs sind. „Mit dieser Hilfe schaffen sie es, sich auch mal hinzusetzen“, sagt Uhlig.

Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!