Rudersberg Fahrradhelm auf – auch ohne Pflicht

Symbolbild. Foto: Pixabay/CC0 Public Domain

Rudersberg. Cratoni lebt vom Helm. Eine Helmpflicht für Radler lehnt das Rudersberger Unternehmen gleichwohl ab. Jana Krauter setzt eher auf Aufklärung, wie notwendig, sinnvoll und oft genug überlebenswichtig ein Helm sein kann. Dass Aufklärung klappt, sehe man bei den ganz jungen Radlern, sagt die Marketing-Managerin der Cratoni Helmets GmbH. So gut wie alle Eltern, setzt sie ihren Kindern einen Helm auf.

Wir haben uns in der Waiblinger Innenstadt umgehört und gefragt, ob sie einen Helm beim Fahrradfahren tragen.

Cratoni hat schon auf den Helm gesetzt, als die meisten Ski- und Radfahrer nicht im Traum dachten, sich jemals einen Schutzhelm aufzusetzen. Mitte der 80er Jahre taufte Günter Krauter seine Fahrradmanufaktur im Wieslauftal in Cratoni um und begann, unter dem italienisch anmutenden Namen seine Fahrräder, Helme und später auch Sonnenbrillen zu vermarkten. Auf den Skipisten hat sich der Helm längst durchgesetzt, da der Helm nicht nur schützt, sondern auch wärmt, sagt Jana Krauter. Radler tun sich nach wie vor schwer damit. Skifahren sei eben auch eine reine Funsport-Art und kein Fortbewegungsmittel, um von A nach B zu kommen. Die schweren Unfälle des thüringischen Ministerpräsidenten Althaus und des Rennfahrers Michael Schumacher taten ein Übriges, um den Helm auf den Brettern gesellschaftsfähig zu machen.

Beim Radfahren setzen inzwischen viele Helm auf, beileibe aber nicht alle. Kleinen Kindern wird von Eltern der Helm aufgesetzt, was zeigt, dass sich Papa und Mama durchaus der Gefahren bewusst sind, selbst wenn sie Helmmuffel und ein schlechtes Vorbild sind. So ab elf, zwölf Jahren bröckelt bei Kindern die Lust auf Helm, weiß Jana Krauter, die Mutter einer achtjährigen Tochter ist. Vor allem Buben lieben das Risiko. Mit einer Helmpflicht wären zwar alle Radfahrer besser geschützt, vermutlich würden jedoch nicht mehr so viele Leute aufs Rad steigen, befürchtet Jana Krauter. Sie erinnert an die Helmpflicht fürs Mofa, die Mitte der 70er Jahre eingeführt wurde: Danach war das Mofa tot.

Der Trend geht zum kopfumschließenden Helm

Ein Motorradhelm ist mit einem modernen Fahrradhelm nicht zu vergleichen. So was von federleicht! Das ist der erste Eindruck bei Helmen der neuesten Generation. Ja, bestätigt Jana Krauter die Entwicklung zu leichteren und sichereren Helmen. Zur gleichen Zeit gehe der Trend aber auch wieder zum kopfumschließenden Helm, der Nacken und Schläfenbereiche besser schütze und mehr Sicherheit bei Stürzen biete. Gerade bei E-Bikes sei dies ein wichtiger Punkt. Mit dem Pedelec sind eben nicht nur geübte Radfahrer schnell unterwegs. Aber ein Pedelec erhöht nicht nur den Spaß auf langen Strecken, sondern auch die Unfallgefahren. Für die E-Bike-Kundschaft hat Cratoni inzwischen ein eigenes Helmsortiment bis hin zum „Vigor“ und dem Jethelm „Milano“, die auch die Norm für Motorradhelme erfüllen.

Wer ganz trendig unterwegs sein will, den weist Jana Krauter auf den „Smartride“ hin. Motto: „Go for a ride 3.0“. Der Helm hat nicht nur integrierte Blinker und Rücklicht, sondern ist auch mit dem Smartphone verbunden, trackt die gefahrene Strecke und alarmiert nach einem Sturz den Rettungsdienst. Der „Smartride“ ist einer von rund 120 Helmtypen, die Cratoni im Sortiment hat, und spricht auch, aber nicht nur den E-Biker an. Der Pedelec-Boom hat den Fokus bei der Entwicklungen auf Helme für diese Radfahrer verschoben. Während die Helme im Ausland produziert werden, ist die Entwicklung „made im Wieslauftal“. Rund 30 Personen beschäftigt das Unternehmen in seinem markanten Gebäude am Ortseingang von Rudersberg. Einer von ihnen ist Matthias Kübler, der als gelernter Modellbauer und diplomierter Designer für Forschung und Entwicklung zuständig ist.

Helme müssen passen und komfortabel zu tragen sein

Helme sind inzwischen nicht zuletzt modisches Zubehör und müssen zur schicken Kleidung und natürlich auch zum Radl passen. Helme müssen passen und komfortabel zu tragen sein. Aber Helme sind nicht zuletzt auch Schutz, für den Kübler in seinem Prüflabor zuständig ist, das die TÜV-Standards erfüllt. Die Forschung erfolgt dreistufig, erklärt Jana Krauter. Zum einen arbeite Cratoni intensiv mit Profisportlern aus dem Leistungsbereich zusammen und profitiere von deren direktem Feedback, das von großen Belastungen und täglichem intensivem Einsatz geprägt ist. Zum anderen aber bekomme das Unternehmen seit 20 Jahren Rückmeldungen von seinen Kunden. Wer nach einem Sturz seinen Helm samt einem Unfallbericht an Cratoni zurücksendet, bekommt einen neuen Helm mit 50 Prozent Rabatt. „Das ist für uns ein sehr wertvolles Feedback“, sagt Jana Krauter. Darüber hinaus betreibe Cratoni auch selbst Unfallforschung und mache Schlagtests und Prüfungen mit Helmen, die dabei Kälte und Wärme ausgesetzt werden.

Die Entwicklung eines neuen Helms ist eine Gratwanderung zwischen Leichtigkeit und Sicherheit, sagt Matthias Kübler. Dank der jahrzehntelangen Erfahrung sowie der internen und externen Prüfungen erfüllen die Helme beide sich oft widersprechende Kriterien. Durchaus stolz ist Jana Krauter, dass zwei ihrer Helme bei der Stiftung Warentest hervorragend abschnitten, nämlich der Kinderhelm „Akino“ als Sieger unter elf getesteten Helmen und der sportliche „Pacer“ als Zweitplatzierter unter 16 Helmen, der aber nur die Hälfte des Testsiegers kostet.

Pro und Contra Helmpflicht für Radfahrer

Im vergangenen Jahr hat die Polizei rund 300 Unfälle mit Radfahrern registriert. Bei diesen Unfällen haben 52 Radler schwere und weitere 186 Radfahrer leichte Verletzungen davongetragen. Drei Radfahrer verunglückten tödlich.

Laut Bundesanstalt für Straßenwesen trugen 2016 drei von vier Kindern im Alter von sechs bis zehn Jahren einen Helm (76 Prozent). Die Tragequote sinkt mit dem Alter rapide. Während von den Elf- bis 16-Jährigen noch 34 Prozent einen Helm aufsetzen, sind es bei den 17- bis 30-Jährigen nur noch jeder Fünfte bis jeder Zehnte. Wer diese Sturm- und Drangzeit hinter sich hat, besinnt sich wieder der Gefahren und setzt öfters einen Helm auf.

Eine Helmpflicht für Radler gibt es derzeit in Finnland, Malta, Australien, Neuseeland und Südafrika. In Österreich ist die Pflicht auf Kinder und Jugendliche beschränkt.

Pro: „Einen Helm zu tragen ist immer anzuraten und sollte zur Pflicht werden“, sagt Dr. Christoph Riepl, Chefarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Winnenden. Pralle der Kopf ungeschützt gegen die Straße oder eine Bordsteinkante, drohten Brüche und Hirnblutungen, „die je nach Art und Lokalisation tödlich sein können“. Offene Schädelverletzungen mit Schädigung des Hirngewebes bezeichnet der Arzt als die schlimmsten Folgen eines Sturzes ohne Helm. Nach einem Unfall können Einblutungen auch zeitlich verzögert auftreten, erläutert Christoph Riepl: „So kann es durchaus vorkommen, dass Verletzte nach dem Unfall umhergehen, normal reagieren, sprechen – und nach einiger Zeit bewusstlos zusammenbrechen und an einer Massenblutung versterben.“

Contra: Für Jana Krauter, Marketing-Managerin des Rudersberger Helmherstellers Cratoni, wäre eine gesetzlich verankerte Helmpflicht eher hinderlich. Sie setzt auf Aufklärung: „Den Menschen erklären, wie wichtig und lebensrettend ein Helm bei einem Sturz sein kann.“ Dass diese Gefahr durchaus in den Köpfen der Erwachsenen ist, zeige ja die Tatsache, dass Papa und Mama ihren Kindern Helme aufsetzen und sie so bewusst vor den Gefahren schützen.

Gegen eine Helmpflicht spricht sich der Allgemeine Deutsche Fahrradclub aus: „Der ADFC weist Forderungen nach einer Helmpflicht als untauglich zurück. Es ist seit langem übereinstimmende Meinung aller Experten und der Bundesregierung, dass eine Helmpflicht weder durchzusetzen noch zu kontrollieren sei. Sie würde aber die Fahrradnutzung drastisch senken und damit den Autoverkehr zunehmen lassen. Dies ist weder umwelt- noch gesundheitspolitisch zu verantworten.“

Helme sollten immer freiwillig getragen werden. Insbesondere Kindern gegenüber sollte nicht mit dem erhobenen Zeigefinger gearbeitet werden. „Gute Fahrradhelme können schwere Kopfverletzungen verhindern, umfassende Lebensretter sind sie aber nicht.“

Auch der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) ist gegen die Helmpflicht. „Wer die Sicherheit im Radverkehr erhöhen möchte, muss Maßnahmen einführen, die Unfälle verhindern. Dazu gehört zum Beispiel Tempo 30 innerhalb geschlossener Ortschaften. Kein Helm kann einen Unfall verhindern, sondern bestenfalls die Unfallfolgen im Kopfbereich mindern.“

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