Rudersberg Tankstellenräuber und Ex-Polizist zu vier Jahren Haft verurteilt

Alfdorf/Rudersberg/Stuttgart. Vier Jahre muss der 22-jährige Polizist hinter Gitter, der zusammen mit seinem Halbbruder eine Tankstelle in Rudersberg überfallen hatte. Der 20-Jährige hatte nach dem ersten Überfall noch mal in Alfdorf zugeschlagen, zusammen mit einem 21-Jährigen. Die beiden bekamen eine Jugendstrafe.

Was bringt einen Polizisten mit gesichertem Einkommen dazu, eine Tankstelle zu überfallen? Diese Frage stellten sich nach den Taten in Rudersberg und Alfdorf viele. Das Landgericht Stuttgart hat sich bemüht, diese Frage zu beantworten.
Jochen G. hatte einige Monate vor dem Überfall eigentlich stabilisierend auf seinen Halbbruder Emir F. einwirken wollen. Emir F. konsumierte Cannabis in rauen Mengen und bekam sein Leben nicht in den Griff. Die beiden verbrachten mehr und mehr Zeit zusammen. Dabei war es aber weniger der junge Polizist, der Einfluss auf seinen Bruder nahm. „Zunehmend ging eine Faszination von der Lebensweise von Emir F. aus“, so die Richterin. Jochen G. lernte die Freunde seines Bruders kennen, rauchte zum ersten Mal Cannabis, versuchte sich an Speed. Beide brauchten sie Geld. Emir F. hatte kaum Mittel zur Verfügung für seinen massiven Cannabiskonsum. „Ich wollte nicht mehr immer der Schnorrer sein“, sagte er dem Gericht.

Jochen G. hatte zwar ein sicheres Einkommen, lebte aber über seine Verhältnisse. Unter anderem sammelte er Messer und Softairwaffen, fuhr ein großes Auto, machte seiner Freundin teure Geschenke. Das Konto war überzogen, das Geld reichte kaum mehr für die nächste Tankfüllung, und der Jahrestag mit seiner Freundin rückte näher. Einige Tage lang spukte den beiden der Gedanke an einen Überfall durch den Kopf. Zunächst noch als Fantasie, später konkret. Sie spähten gemeinsam die Tankstelle in Rudersberg aus und besorgten sich zwei Autos vom gemeinsamen Vater und der Freundin von Jochen G.

Der Polizist und leidenschaftliche Sammler brachte zwei Softairpistolen mit; Spielzeugwaffen, die vom Laien nicht von echten zu unterscheiden sind. An einem Sonntagabend vermummten sich die beiden mit Masken und Kapuzenpullovern und stürmten in die Tankstelle. Beide standen zu diesem Zeitpunkt unter Einfluss von Rauschmitteln: Jochen G. nahm wegen einer Verletzung starke Schmerzmittel, sein Halbbruder hatte vor dem Überfall einen Joint geraucht. In der Tankstelle trafen sie auf zwei Angestellte. Eine telefonierte – Jochen G. nahm ihr das Telefon weg, schaute kurz aufs Display. Für den psychiatrischen Gutachter der Beleg, dass er zur Tatzeit voll zurechnungsfähig war. „Der Überfall trägt eindeutig seinen Stempel“, sagte die Richterin in der Begründung des Urteils. Er sei organisiert und zügig nach Art eines Polizeieinsatzes durchgezogen worden.
Die beiden Angestellten mussten um ihr Leben fürchten – für sie war es unmöglich zu erkennen, dass es sich bei den Waffen nur um Spielzeug handelte. Eine berichtete von Schlafstörungen nach dem Überfall, die andere bekommt heute noch Angstzustände beim Anblick von Kapuzenpullovern und der Wanduhr in der Tankstelle. Der Überfall fand um 21 Uhr 21 statt. Sie könne das nicht vergessen, sagte die Frau.Die Räuber erbeuteten rund 6000 Euro, mit denen sie im Auto von Jochen G.s Freundin flüchteten. Sie fuhren nur ein kurzes Stück bis zum Skaterplatz in Rudersberg, ließen Beute und Vermummung im Auto zurück und verschwanden in einem anderen Wagen.

Der zweite Überfall

Einen Monat später war Emir F. wieder pleite und wollte noch eine Tankstelle überfallen. Sein Bruder ließ sich nicht noch einmal überreden, deshalb verabredete sich Emir F. mit einem Freund, dem er schon früher von dem ersten Überfall erzählt hatte. Stefan B. arbeitete in einer Drückerkolonne, auch er brauchte Geld für die Ausbildung seiner Freundin und für die gemeinsame Wohnung. Er willigte ein, zu zweit eine Tankstelle in Alfdorf auszurauben. Jochen G. überließ ihnen seine Softairwaffen und organisierte ein Auto.

Ohne Jochen G.s polizeiliches Know-how lief die Aktion diesmal alles andere als organisiert und zügig ab. Wieder war es ein Sonntagabend, an dem die beiden vermummt die Tankstelle in Alfdorf betraten. Dort fanden sie zunächst niemandem, die einzige anwesende Angestellte räumte gerade für die Räuber unsichtbar ein Regal ein. Sie war es, die zuerst der maskierten Eindringlinge gewahr wurde, und flüchtete aus der Tankstelle, als die Räuber ins Hinterzimmer eindrangen. Sie war schon durch die Tür, wurde aber unter vorgehaltener Waffe zurückgerufen und händigte den beiden Räubern etwa 1000 Euro aus der Kasse aus. Wieder verlief die Flucht erfolgreich.
Doch der Kriminalpolizei gelang es schließlich, die Täter zu ermitteln. Bei einer Hausdurchsuchung des Polizisten Jochen G. fanden die Beamten Beweismittel, die ausreichten, um die Täter vor Gericht zu bringen. Im Gerichtssaal entschuldigten sich die Brüder bei jeder der Angestellten. Jochen G. hatte schon vor der Verhandlung einen Entschuldigungsbrief verfasst. Für die Opfer ist es natürlich schwierig, diese Entschuldigungen anzunehmen.

Die Richterin stellte beim 20-jährigen Emir F. und beim ein Jahr älteren Stefan B. eine Reifeverzögerung fest. Für die beiden verhängte sie eine Jugendstrafe – vier Jahre für Emir F., zwei auf Bewährung für Stefan B. Der Polizist Jochen G. wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Es ist gut möglich, dass die Staatsanwaltschaft, die deutlich höhere Strafen gefordert hatte, in Revision geht.

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