Rudersberg Überwältigender Andrang zur „Nacht der Backhäuser“

Rudersberg. Eine tolle Idee mit unerwartet durchschlagendem Erfolg: Es war, als ob die Leute schon lange darauf gewartet hätten. So groß waren das Interesse und der Zulauf zur ersten Rudersberger Nacht der offenen Backhäuser. Wie in der guten alten Zeit standen dabei die Backhäusle wieder im Zentrum der dörflichen Begegnung, des Tratschens und Schwäddsa – und dazu gab’s ofenwarm herausgezogene Leckereien.

Flink, aber auch fassungslos hantiert Ingelore Wöhrle im Innern des kleinen Backhäusles. Von draußen lässt ihre Kollegin Heidi Beer von der Dorfgemeinschaft Lindental einen Hilfeschrei zu ihr hinein: „I brauch’ en Salzkuacha!“

Beim Backhäusle Lindental: 30 Kilo Kartoffelsalat in einer Stunde weg!

Aber woher nehmen? Es sind grad noch zwei da. Und das kurz nach Beginn der Nacht der Backhäuser um 18 Uhr! Viele Gäste waren schon eine halbe Stunde früher gekommen. Innerhalb nur einer Stunde gingen 20 Laib Brot und 30 Salzkuchen weg. Und, sagt „Ilo“ Wöhrle, selber staunend: „Dreißig Kilo Kartoffelsalat!“

Geschickt zieht sie die letzten Salzkuchen heraus und meint, „mehr wia schaffa kann mer net!“ Doch dann schaut sie hinaus und sieht den für diese Nacht extra angebotenen Shuttlebus mit neuen Gästen ankommen und ruft in milder Panik: „Der Bus isch scho wieder voll! Hilfe!“ Zum Glück schmoren hinten im Ofen noch eine Sau und ein Spanferkel vor sich hin. Die Rettung.

Und allemal besser, als wenn niemand gekommen wäre. Und wohin man an diesem Abend auch kam, überall war das entspannte Flair einer heiteren Geselligkeit zu spüren. Und wer sich die Mühe machte, mehrere der Backhäusle zu besuchen, der lernte die Ortschaften mit ihren ganz eigenen Winkeln kennen. Und alle Backhäuser in ihrer Verschiedenheit sehen. Jedes hat seine eigene Geschichte, die noch geschrieben werden müsste, so interessant sind die Erzählungen, die man hier überall zu hören bekommen konnte.

„Wenn der Ofen unter 100 Grad war, kam das Dörrobst hinein“

Gerhard Höfer kann solche Erzählungen zum Beispiel in Klaffenbach weitergeben. Er steht vor seinem privaten Backhäusle im Garten des Familienanwesens, das um 1892 gebaut wurde und das er für diesen Abend zugänglich gemacht hat. Höfer erzählt, dass man früher „nur im Notfall“ zum Bäcker ging, um Brot zu kaufen. Es wurde selbst gebacken. Erst nach den Salzkuchen wurden die Brote eingeschoben. „Wir konnten 16 Laib backen.“ Und auch danach wurde die Temperatur genutzt. „Wenn der Backofen unter 100 Grad war, kam das Dörrobst hinein.“

Das Geheimnis des Garens im Backhäusle: „Do braucht’s Zeit“

Viel Arbeit war das. Denn auch schon vor dem Feuer im Ofen „han e schwiddsa missa“, erinnert sich Gerhard Höfer. Es musste das Holz aus dem Wald geholt werden. Und dann daheim zersägt werden.

Der Ur-Klaffenbächer hat ein Spanferkel im Ofen, das zuvor bis zu dreieinhalb Stunden schmorte. Das Geheimnis des Backhäusles? „Praktisch in Niedertemperatur garen“, sagt er. „Floisch mit Hitze vergewaltiga brengts net. Do braucht’s Zeit.“ Und entsprechend zart zergeht einem das Stück dann auch auf der Zunge.

In Rudersberg stehen vor dem Backhäusle am Schulzentrum die Leute zur gleichen Zeit für Flammkuchen Schlange. Im Ofen mit 260 Grad brauchen sie so drei, vier Minuten. Aber auch hier: so viele Leute! Dabei: von wegen Nostalgie! Der Backofen hier entstand im Rahmen einer Projektwoche mit Schülern im Jahre 1994! So viel also hat die lange Nacht der Backhäuser in Rudersberg gezeigt: Das Backhäusle lebt! Fortsetzung – natürlich mit weit mehr Kartoffelsalat – muss folgen!

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