Ruhestand Den Sehnsüchten nachspüren

Stuttgart - "Ich wohne hier!" - "Aber doch nicht jetzt, um diese Zeit!" Heinrich Lohse, gestern noch Einkaufsdirektor bei der Deutschen Röhren AG, will sich nützlich machen, doch er bringt den Tagesablauf der Gattin völlig durcheinander. Die Vorstellung, dass das Ehegespons von nun an tagtäglich zu Hause ist, empfindet Frau Lohse als äußerst bedrohlich. In den eigenen vier Wänden ist schließlich immer sie die Führungskraft gewesen. Da bleibt für ihn wohl nur der Bastelkeller... Loriot bringt es in seinem Film "Pappa ante Portas" auf den Punkt: der Mensch im Ruhestand braucht Aufgaben - denn er stört bisweilen.

"Es sind Respekt und Fingerspitzengefühl von beiden Seiten erforderlich, damit nicht alles Gewohnte von heute auf morgen durcheinandergeworfen wird", schreibt Herb Stumpf in seinem Ratgeber "Wenn das Wochenende 7 Tage hat". Seinen Platz zu finden außerhalb des Berufsalltags, in dem man jahrzehntelang einen geregelten Rhythmus hatte, das ist gar nicht so einfach, so der Gründer von 50PlusConsulting in Nürnberg. Die Veränderungen in der Paarbeziehung sind erst der Anfang. Nicht jeder hat ein Hobby, das trägt (und öfter mal außer Haus führt). Und mancher stellt fest, dass sein Bekanntenkreis überwiegend aus Kollegen und Geschäftsfreunden bestand. Die aber sind jetzt "weg".

Vom wohlverdienten Ruhestand spricht man. Endlich raus aus dem Hamsterrad, endlich Zeit und Freiheit. Und dann der "Rentnerschock". Der kann sogar tödlich sein: Jeder weiß von Kollegen, die, kaum raus aus dem Berufstrott, wenig später tot waren. Dabei sind die meisten Arbeitnehmer am Ende ihres Beruflebens heute körperlich nicht so verbraucht wie in früheren Zeiten. "Viele haben ein ganz anderes Problem: Sie wollen noch arbeiten, dürfen aber nicht" , sagt Uwe Kleinemas, Geschäftsführer des Bonner Zentrums für Alternskulturen. Das Gefühl, zum alten Eisen zu gehören, nicht gebraucht zu werden, kann krank machen.

Jeder Berufstätige weiß, dass er sich auf die Zeit nach dem Berufsleben innerlich vorbereiten sollte. Dann ist der Tag da - und man hatte "einfach keine Zeit" dafür. Oder hat man das Thema verdrängt? "Die fallen dann in ein Loch", sagt Arthur Günthner, Chefarzt der Fachklinik Eußerthal (Rheinland-Pfalz). Kommt das Gefühl von Leere und Nutzlosigkeit noch mit körperlichen Beschwerden zusammen, kann ein Teufelskreis entstehen, warnt Kleinemas: "Die Leute konzentrieren sich auf ihre Krankheiten und sitzen ständig beim Arzt, weil sie sonst nichts anderes haben."

Ruheständler werden zunächst einmal nicht häufiger krank, das zeigt eine Expertise des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) in Berlin, für die verschiedene Studien ausgewertet wurden. Das gelte allerdings nur, wenn der Übergang in den Ruhestand "während eines gesellschaftlich akzeptierten Altersbereichs" vollzogen werde, erläutert Clemens Tesch-Römer, Leiter des DZA. "Denn in der Gesellschaft existieren nun mal Vorstellungen davon, was man mit welchem Alter tun sollte." Dazu gehöre eben, dass man frühestens ab 60 in den Ruhestand geht.

Vor allem das Oberstübchen sollte man fit halten

Anders verhält es sich, wenn man am Ende des Berufslebens arbeitslos wird. Die Studien zeigten, "dass ein früher und unfreiwilliger Übergang in den Ruhestand mit Einbußen der körperlichen und psychischen Gesundheit einhergeht". Strukturen, Aufgaben, auch Bestätigung sind weg. Empfindet man den Austritt aus dem Berufsleben als Verlust, steigt das Risiko, gesundheitliche Probleme zu bekommen. Häufige Folgen sind Niedergeschlagenheit und depressive Verstimmungen, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Was also tun, um entspannt die neue Lebensphase zu genießen?

Für Tesch-Römer zählen vor allem drei Faktoren: sich rechtzeitig auf die Rente vorbereiten, sich dann gesundheitsbewusst verhalten - und das Oberstübchen fit halten. "Geistige Anregungen, etwa durch Fortbildungen, sind im Ruhestand ganz wichtig." Das muss nicht nur der Volkshochschulkurs sein. Längst gibt es Senior Experten und andere Freiwilligendienste, bei denen Erfahrung und soziale Kompetenz gefragt und Berater oder Projektmitarbeiter auf Zeit gesucht sind. "Das Leben im Dauerurlaub," so Tesch-Römer, "bekommt keinem gut."

Vielen fällt es indes schwer, eigene Wünsche zu verfolgen und sich selbst etwas zu gönnen. Dies sollte man im Hinterkopf haben, wenn man Prioritäten setzt. "Die Erfahrung zeigt: Je klarer Sie wissen, was Sie wollen, desto eher werden Sie es auch erreichen", so Madeleine Leitner, Psychologin und Karrierecoach in München, im Vorwort zu "Die besten Jahre" des Bestsellerautors Richard Nelson Bolles. Der Experte in Sachen Lebens- und Karriereplanung ist überzeugt: "Für dauerhaftes Glück im Ruhestand ist Engagement das Salz in der Suppe... Die Heerscharen der modernen Angestellten, deren Leben sich im Sitzen abspielt und die deshalb in Fitnessstudios trainieren, müssen sich im Ruhestand nicht jahrelang erholen."

Manchmal muss man auch Nein sagen können

Und es gibt in der Tat ja auch jene Rentnerinnen und Rentner, die weniger denn je freie Zeit haben. Die lange aufgeschobenen Reisen, das Studium generale, das Pöstchen im Ortsverein, der Stammtisch, Enkel hüten - der "Unruhestand" kann ganz schön anstrengend sein. "Im Ruhestand können dieselben Probleme auftreten wie in den Lebensabschnitten davor: zu viele Aktivitäten und Verpflichtungen und zu wenig Zeit", sagt der Heidelberger Zeitmanagementexperte Professor Lothar Seiwert.

Nach dem Ende ihres Berufslebens möchten viele am liebsten alle Vorgaben hinter sich lassen. Doch gerade aktive Senioren kommen in Stress, weil sie sich zu viel vornehmen. Zeitmanagement für Rentner? Seiwert rät zum Tageskonzept mit Wochen- und Jahresplan: zuerst die vorgegebenen Termine festhalten, also den regelmäßig stattfindenden Sportkurs, den Arzttermin oder eine bestimmte Theateraufführung; dann Aufgaben und Aktivitäten ohne festen Zeitpunkt notieren, von der Steuererklärung bis zum Abendessen zu zweit. Danach sollte man alle Punkte auf seiner Liste mit Prioritäten versehen.

Das ist Chance und Problem zugleich. "Im höheren Alter hat Zeitmanagement oft eine sehr existenzielle Bedeutung, weil man merkt, dass die eigene Lebenszeit endlich ist", sagt Uwe Kleinemas. Dadurch bekämen manche Fragen eine viel größere Bedeutung: Was ist in meinem Leben wichtig? Wozu lebe ich? Wer braucht das, was ich kann und weiß? "Man sollte in Ruhe überlegen, wie man sein Leben im Alter gestalten will." Dabei gehe es vor allem darum, sich etwas zu suchen, was dem Leben Sinn gibt.

Aber die Aktivitäten, die einem wichtig und sinnstiftend erscheinen, sind von Mensch zu Mensch verschieden. Man sollte seinen Sehnsüchten nachspüren - und sich von den Erwartungen anderer befreien. Wer merkt, dass er häufig vereinnahmt wird, sollte öfter Nein sagen. Das ist zwar bei der eigenen Familie oder guten Freunden nicht ganz einfach. Dann muss man lernen zu sagen, dass man auch eigene Bedürfnisse hat. Auf die Balance zwischen Pflicht und selbstbestimmten Aktivitäten kommt es an, sagt Lothar Seiwert. Es sei gut, wenn man sich seine eigenen Rituale und Routinen schafft. "Da sollte man sich von niemanden hereinreden lassen."

Herb Stumpf: Wenn das Wochenende 7 Tage hat. BoD. 272 S. 19,95 Euro. Richard Nelson Bolles: Die besten Jahre. Campus. 334 S. 19,90 Euro.

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