Rund um Schorndorf Befähigt, gegen die Natur zu leben

Anregend und flammend: Prof. Krautters Vortrag über den Menschen als „Krone der Schöpfung“ und die damit verbundenen Risiken. Foto: ZVW

Plüderhausen. Es kommt immer darauf an, wer den Menschen anschaut: Der Theologe hat einen anderen Blick auf den Menschen als der Arzt, die Ethnologin schaut nach anderen Dingen als zum Beispiel der Paläobiologe. Und so einer, Prof. Dr. Manfred Krautter, eröffnete nun die Reihe zum Thema „Menschenbilder“ im Theater hinterm Scheuerntor in Plüderhausen.

In zwei Stunden marschierte man mit Manfred Krautter auf höchst anregende Art vom Australopethicus anamensis über den Homo rudolfensis zur „Krone der Schöpfung“, dem Homo sapiens sapiens. Mit dem hat es die Erde aber nicht einfach. Im zweiten, geradezu flammend politischen Teil, mahnte der Wissenschaftler zu mehr Verantwortung und Respekt, will sich der Homo sapiens sapiens, der „einsichtsfähige und weise“ Mensch nicht bald selbst von der Erde vertreiben. Und schafft er das nicht alleine, dann könnte das zu enge und kleine Becken schuld sein, dass der Mensch ausstirbt. Dieses macht natürliche Geburten nämlich immer schwieriger, weshalb aus biologischer Sicht das Aussterben nahe ist. Oder es sind eben Hirn und Hand, die das Grab des Menschen schaufeln: Diese beiden nämlich haben den Homo sapiens sapiens zu einer überlegenen Art gemacht, aber, Ironie der Geschichte, eben auch zu einer, die sich selbst bedroht.
 

Der Mensch hört, sieht und riecht schlecht und ist zu langsam

Prof. Krautter führte sein Publikum zunächst in die Grundbegriffe der Paläobiologie ein. „Der Mensch stammt vom Affen ab“ klingt dramatisch, stimmt aber nicht. Beide haben nur dieselben Vorfahren. Homo (also der Mensch) gehört dabei zusammen mit dem Gorilla und dem Pan (Schimpansen) zur Familie der menschenartigen, zu den Altwelt-Schmalnasenaffen. Man hört und reibt sich die Nase und lernt weiter: Es gibt Generalisten und Spezialisten. Die Generalisten, zum Beispiel ein recht einfach aussehendes Gebilde namens „Lingula“, eine Gattung der „Armfüßer“, gibt es in unveränderter Form schon seit 570 Millionen Jahren. Fällt aber auch nicht besonders auf. Dagegen stehen die Spezialisten, die extrem an besondere Bedingungen angepasst sind und deshalb stärker vom Aussterben bedroht sind: Korallen zum Beispiel, oder eben der Mensch. Der hört, sieht und riecht schlecht, außerdem ist er zu langsam. Sein Vorteil sitzt im Kopf und steckt in den Händen: Der Mensch hat „die Hände frei“, braucht sie nicht mehr zur Fortbewegung und kann so die Welt begreifen.

Bis es soweit war, sind aber ein paar Millionen Jahre vergangen. Da waren vorher noch der Australopethicus afarensis, auch „Lucy“ genannt, oder dann der für die Evolution wichtige Homo rudolfensis, der die Nahtstelle zwischen Australopethicus und Homo bildet. Er ist auch der erste, der Afrika verlässt. Ihm folgten Homo habilis, der befähigte Mensch, und Homo erectus, der aufrechte Mensch. Der beherrschte schon das Feuer und unterstütze seiner Hände Arbeit durch Faustkeile. Der Homo sapiens neanderthalensis sprach bereits und bestattete seine Toten, weshalb man davon ausgehen kann, dass er Gedanken in seinem Kopf hatte, die über das Jagen und Essen hinausgingen. Schließlich der Homo sapiens sapiens: Unsereiner. Der nun die Erde verändert hat und weiterhin verändert wie kein anderer Organismus vor ihm: „Der Mensch ist befähigt, eindeutig gegen die Natur zu leben und läuft mit seinem steinzeitlichen Verhalten Gefahr, sich selbst umzubringen.“ Das hat vor ihm noch keiner seiner Urahnen geschafft.

Prof. Krautter nannte dafür vor allem den lästerlichen Umgang mit Energieressourcen, den selbstmörderischen Einsatz der Atomenergie und den mangelnden Respekt der Starken gegenüber anderen Lebewesen. Sollte der Homo sapiens sapiens diesen selbstverursachten Sturzflug überleben, dann, so die kühne Spekulation des Wissenschaftlers, könnte er in ein paar Jahren aussehen wie weiland E.T. – Gebiss und Nase werden sich immer mehr zurückbilden: „Die brauchen wir ja nicht mehr, bei all’ den weichen Brötchen und einer Umgebung, die längst nicht mehr nach dem riecht, was sie ist.“ Unsere Hände werden immer ausgebildeter und geschickter werden, die Füße dagegen sich zurückbilden. Und E.T.’s mäßig auseinander stehende Augen machen für uns dann auch Sinn: Mit ihnen erfasst man besser die räumlichen Dimensionen, und 3-D-Brillen können wir uns in Zukunft sparen. Das wird also entweder ganz schön gruselig, in der Welt von morgen, oder wie mit E.T. mäßig lustig oder es passiert doch noch ein Wunder. Wir freilich werden das nicht alles eh’ nicht mehr erleben.

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