Rundschlag Das Ende meiner Kontakte

Symbolbild. Foto: Pixabay (CC0 Public Domain)

Am Wochenende hat mich mein Handy verlassen. Grade noch hatte es voll aufgeladen gefunzelt, eine Minute später machte es keinen Mucks mehr. Normalerweise wäre ich nun in den Laden meines Vertrauens gestürmt und hätte geschrien: „Tun Sie was!“ Aber ich befand mich am Ende der Welt, in Thüringen, zu Gast bei einem Freund. Also googelte ich an seinem Rechner: „Sony Xperia tot.“ 456 000 Fundstellen. „Sony Xperia Totalausfall“: 10 500. „Sony Xperia sudden death“: 82 800. „Sony Xperia mausetot“: 351. Es gibt für dieses Phänomen mehr Internet-Selbsthilfegruppen als für Polyneuropathie und mehr Service-Seiten als für „Zecken fachmännisch entfernen“ – im Großen und Ganzen fand ich aber nur den einen, vieltausendfach variierten Rat: Ich solle einen Spezialgriff anwenden, gleichzeitig den Einschaltknopf, die Lauter- und die Leiser-Taste drücken und auf zehn zählen. Das ist offenbar das technologische Reanimationsgegenstück zur Brustkorbmassage. Manchmal wirke es. Bei meinem Handy nicht.

Ich fuhr nach Erfurt. Im ersten Fachgeschäft sagte die Verkäuferin: „Es gibt da einen Spezialgriff ...“ Bei Saturn hub ich an: „Mein Handy ist einfach ausgegangen, und ich ...“ Der Verkäufer unterbrach hohnlachend: „ ... und Sie wollen wissen, warum? Ich bin doch kein Hellseher!“ Im dritten Laden scharten sich drei Experten um das Gerät, reichten es vom einen zum andern, betasteten den Bildschirm, befingerten das Gehäuse, berieten tuschelnd und einigten sich endlich auf folgende Diagnose: „Das kommt vor.“

Ich spürte die kalten Finger der Panik im Genick: meine KONTAKTE! Sicherlich, es gibt da eine Speicherkarte. Aber ob die Daten drauf sind? Hat sich auch der Chip schlagartig devitalisiert?

Ich wandte mich an meinen Gastgeber, er ist ja technisch begabt. Er antwortete: Er habe sich ein iPhone gekauft, das sei zwar teurer, aber – und nun demonstrierte er mir alles, was das iPhone kann; spielte mir seine Lieblingslieder vor, zeigte mir interaktive 3-D-Pornos, orderte drei Pfund kolumbianisches Koks und bestellte das angekündigte Schlechtwetter ab. Meine Frau aber, die sonst immer meine Probleme löst, steuerte nur diesen einen klugen Satz bei: „Ich hab dir doch immer gesagt, du sollst deine Daten zur Sicherheit noch woanders speichern.“ Worauf mein Kumpel ergänzte: „Beim iPhone geht das ganz leicht in der Cloud. Schau ...“

Nach ein paar Stunden wich die erste Schockstarre. Ich begann, rational das Ausmaß des Verlustes zu analysieren: Meine Kinder werden mich bald nicht mehr kennen. Meinen Beruf kann ich an den Nagel hängen. Und was den Sportverein betrifft: Wie soll ich jetzt die Starkstromfritteusenrückgabe nach dem Jugendfußballturnier organisieren?

Ich verfiel in Aktionismus: legte einen magischen Steinkreis; entzündete Duftkerzen; drückte mit beiden Händen alle auffindbaren Knöpfe sowohl am Handy als auch an der nahen Mikrowelle und zählte rückwärts von zehntausend bis null; betete: „Lieber Gott, wenn es dich gibt – mach, dass das Ding wieder geht!“ Vergeblich. Und meine Verdauung? Ach, von ihr will ich schweigen.

Jetzt ist Dienstag. Ich habe keine Freunde mehr und auch keine Feinde. Ich bin allein auf der Welt. Ich habe aufgehört, mir die Zehennägel zu schneiden, mir wächst ein langer Bart, mein Atem riecht nach Bisamrattenkadavern, in meinen Achselhöhlen blühen Wildkräuter. Ich lebe still auf einer einsamen Insel in der Südsee meiner verblassenden Gedanken, nur manchmal führe ich noch matte Gespräche mit einem nackten Fremdling, der in meinem ansonsten leeren Kopf haust, ich sage zu ihm: „Ich Robinson, du Freitag.“

Seit Samstag hat mein Handy nicht geklingelt. Ein neues kaufen? Ach, wozu. Die Stille ist paradiesisch.

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