Rundschlag Fieberhafte Phrasen-Arbeit

Liebe Leserinnen und Leser, bestimmt haben Sie sich schon oft gefragt, wie wir das schaffen, jeden Tag einen derart geistsprühenden Rundschlag in die Zeitung zu hexen (möglicherweise haben Sie auch schon mal darüber nachgesonnen, wie wir das nur anstellen, immer wieder derart hirnrissigen Stuss zusammenzukleistern). Nun, das ist leicht erklärt: Die Redaktion versammelt sich allmorgendlich und entwickelt gemeinsam bei einem Brainstorming die Idee für den Text des nächsten Tages . . .

Die Autoren stehen in den Startlöchern. Arbeiten fieberhaft. Das Büro ist hermetisch abgeriegelt. Einer hat eine Idee. Prescht vor. Muss zurückrudern. Das Thermometer steigt. Wieder hat einer eine schlechte Idee – er überschreitet die rote Linie. Sein Stuhl wackelt. Das Kartenhaus bricht zusammen. Heute ist ein schlechter Tag für den Rundschlag. Weiter: Die Redaktion arbeitet unter Hochdruck, alle laufen auf Hochtouren. Einer lehnt sich weit aus dem Fenster. Die Lage eskaliert. Am helllichten Tag! Auf offener Straße! Wieder eine schlechte Idee: ein Todeskandidat. Es kommt zu einem brutalen Mord. Ein tragischer Tod. Die Köpfe rauchen, die Sprinkleranlage schaltet sich ein: sintflutartiger Regen. Worüber schreiben? Streit. Ein Blutbad. Erdrutschartige Verluste. Schwere Verwüstungen. Eine humanitäre Katastrophe. Die nächste Idee: wird nachgebessert. Abgesegnet. Durchgewinkt. Alle greifen nach dem Strohhalm. Die Nacht ist hell erleuchtet. Der Rundschlag ist fertig. Jetzt ist es raus: Heute ist ein guter Tag für den Rundschlag. Aber da ist noch Luft nach oben.

Das war wirklich leicht. Für diese Beschreibung unseres Arbeitsalltags mussten wir nur schnell all die Floskeln aneinanderreihen, die in jeder Zeitung auftauchen und auf der Internetseite www.floskelwolke.de nach einer Computerauswertung von 2000 deutschen Medienerzeugnissen täglich neu als Top-50-Rangliste der meistgebrauchten Phrasen stehen. Nie darf die Straße einfach Straße, immer muss sie offen sein und der Tag helllicht und der Regen sintflutartig und die Abriegelung hermetisch. Und wer in Lebensgefahr schwebt, ist Todeskandidat: Hauptfigur in einer Quizshow, bei der als erster Preis die ewige Ruhe winkt. Immerhin, sein Tod ist tragisch, nicht lustig – und falls jemand auf die Idee kommt, dieser Mord sei sanft, einfühlsam und liebevoll gewesen: Nein, er war brutal.

Nun aber müssen wir gestehen: Ganz ohne Phrasen kommen auch wir nicht aus. Falls Sie beim Lesen dieser Zeitung eine finden: Mailen Sie uns das böse Ding zu. Wir werden es in den Giftschrank packen.

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