Rundschlag Syrien: Es geht um Gas und Pipelines

Auch darum geht es im Syrien-Krieg: Den besten Zugang zum begehrten Öl. Foto: Visual Hunt

Syrien verfügt über Erdöl- und Erdgasvorkommen und fördert diese. Die erschlossenen Ölreserven belaufen sich laut Expertenmeinung noch auf etwa 2,5 Milliarden Barrel. Bis zum Embargo der EU gegen Assad Mitte 2011 gingen noch 90 Prozent der syrischen Ölexporte nach Europa. Syrien war bis 2009 wichtigster Erdöllieferant Deutschlands im Nahen Osten, noch vor Saudi-Arabien. Sein Erdgas behält Syrien bislang zum Eigenverbrauch im eigenen Land. Aber: Bei Probebohrungen vor der syrischen Mittelmeerküste Ende 2012 hat die norwegische Gesellschaft ANCIS in nur 250 Metern nun 14 weitere ergiebige Erdöl- und Erdgasvorkommen gefunden. Mit dem entdeckten Erdgas, würde es denn mal gefördert, könnte Syrien an die weltweit vierte Stelle aller Erdgas-Exporteure treten. Beim Erdöl könnte Syrien eine Fördermenge von bis zu sieben Millionen Barrel pro Tag erreichen (Saudi-Arabien fördert zwölf Millionen Barrel pro Tag). Die entdeckten Vorkommen erstrecken sich in zypriotische, libanesische und israelische Hoheitsgebiete und internationale Gewässerzonen des östlichen Mittelmeers. Viele gieren seither danach, die Vorkommen zu erschließen. Nicht nur russische und US-amerikanische Firmen erkunden schon die Lage.

Derweil strengten Katar, Saudi-Arabien und die Türkei den Bau einer Pipeline durch Saudi-Arabien über Jordanien und Syrien in die Türkei an, um arabisches Erdgas vom Persischen Golf auch bis nach Europa zu bringen und Russland als Erdgaslieferanten Konkurrenz zu machen. Die Türkei hatte darüber hinaus Pläne für eine „Nabucco-Pipeline“ durchs Schwarze Meer nach Bulgarien und weiter, zum Beispiel nach Deutschland; und die Türkei wollte auch selbst unabhängiger vom russischen Erdgas werden, das seit 2003 durch die „Blue-Stream-Pipeline“ durchs Schwarze Meer in die Türkei geliefert wird.

Auch die USA setzten sich für die arabische Pipeline durch Syrien ein. Saudi-Arabien und Katar sind Verbündete der USA, und die USA hatten die Türkei schon unterstützt, einen Teilerfolg „gegen“ Russland zu erzielen mit der 2005 in Betrieb genommenen Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, durch die Erdöl aus dem Turkstaat Aserbaidschan über Georgien bis in den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan transportiert wird. Die Nabucco-Pipeline hätte auch nicht-russisches Erdgas aus anderen Turkstaaten via eine weitere Pipeline in die Türkei und weiter transportieren sollen. Die Nabucco-Pipeline-Pläne wurden erst 2013 ad acta gelegt.

Assad hatte derweil 2009 die Pipeline für arabisches Erdgas durch Syrien in die Türkei abgelehnt, wohl auch aus Rücksicht auf den Verbündeten Russland. Moskau vermittelte Assad stattdessen einen Deal mit dem Iran, wie Prof. Mitchell Orenstein im Oktober 2015 im Magazin „Foreign Affairs“ erläutert. Ein Zehn-Milliarden-Dollar-Projekt für eine Erdgas-Pipeline vom Iran durch den Irak ins syrische Latakia am Mittelmeer wurde im Juni 2011 angekündigt, ein entsprechendes Abkommen im Juli 2012 unterzeichnet.

Seit Frühsommer 2011 herrscht in Syrien Krieg. Ein skrupelloser Stellvertreterkrieg mit gänzlich unscharfen Fronten. Machiavellis Team A: Die USA (mitgefangen und mitgehangen die EU und Deutschland) und die sunnitischen Länder Katar, Saudi-Arabien und Türkei unterstütz(t)en Anti-Assad-Rebellen aller Couleur. Die sunnitischen Dschihadisten der Al-Nusra-Front und Mordbrenner des „Islamischen Staats“ sind auch Geister, die sie riefen und jetzt nicht mehr unter Kontrolle kriegen. Mit den Kurden in Syrien und dem Irak werden teamzersetzende Süppchen gekocht bzw. alte Blutfehden ausgefochten. Team-Zerwürfnisse tun sich auf.

Machiavellis Team B: das alawitisch-schiitische Assad-Regime unterstützt von Russland, dem schiitischen Iran, der schiitischen Hisbollah und schiitischen Kräften im Irak. Hier sind die Fronten zum Gegner deutlicher. Das gegnerische Team A versucht deshalb abzuwerben und zu intrigieren. Anfang 2016 hob die EU die Finanz- und Wirtschaftssanktionen gegen den Iran auf.

Photo via VisualHunt.com

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