Rundschlag Unseriös! Chronik eines Skandals

Sigfried Lorek Foto: Büttner / ZVW

Es gilt, einen Skandal anzuprangern; und zwar durchaus nicht nur einen Sturm im Wasserglas. Sondern mindestens einen Tornado im Fingerhut.

Der Winnender CDU-Landtagsabgeordnete Siegfried Lorek lud dieser Tage für die Veranstaltung „Naturwissenschaft versus Gender-Ideologie“ (wir berichteten) einen Professor Axel Meyer ein. Während die Genderforschung sagt, dass viele angeblich naturgegebene Geschlechterunterschiede in Wahrheit sozial bedingt sind, findet Evolutionsbiologe Meyer, grob gesagt: Mann und Frau sind halt verschieden. Worauf der Backnanger SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Lange pressemitteilte: „CDU lädt unseriösen Professor zu unseriöser Diskussion ein“.

Uns von der Zeitung fiel die darin enthaltene Schmähung zunächst gar nicht auf, gilt uns doch Unseriosität als unverzichtbare professionelle Tugend; ohne sie wäre es unmöglich, auch nur einen einzigen „Rundschlag“ runterzukloppen. Die Augen geöffnet hat uns erst Siegfried Lorek, der in einer Antwort-Pressemitteilung hochdramatisch konterte: Er sei „entsetzt“ – Lange müsse sich entschuldigen! Obendrein brachte Lorek diese „öffentliche Diffamierung eines Wissenschaftlers“ bei „Bundesjustizminister Maas, Wissenschaftsministerin Wanka sowie Landesjustizminister Guido Wolf“ zur Anzeige.

Weil aber Frau Wanka (so also heißt die; man lernt doch jeden Tag was dazu), Herr Maas und womöglich gar Herr Wolf ja auch noch anderes zu tun haben, beschlossen wir von der Zeitung: Wir nehmen den dreien die Arbeit ab und werfen uns aufopferungsvoll schlichtend zwischen die Streithähne Lange und Lorek ...

Beweisaufnahme – gegen Axel Meyer spricht: Er bezeichnet die Gender-Forschung als „Ideologie“; seine Kenntnis des feindlichen Lagers aber stützt sich, wie er selber bei seinem Vortrag zugab, vor allem auf die Lektüre eines Buches der Gender-Theoretikerin Judith Butler. Den Inhalt referierte Meyer so: Der Text sei„sehr schwer zu verstehen“.

Stellen wir uns nun vor, wir läsen Axel Meyers bahnbrechenden Aufsatz über die „kladistische und biogeografische Analyse des Zahnkarpfens“ und sagten danach: „Ich hab kein Wort kapiert. Pure Ideologie!“ Wäre das seriös?

Für Meyer spricht: Er hat auch das populärwissenschaftliche Werk „Adams Apfel und Evas Erbe“ verfasst. Die FAZ lobte: Das Buch sei verständlich geschrieben. Wir folgern: und damit besser als alles von Judith Butler.

Im Namen des Volkes ergeht deshalb folgendes Zeitungsurteil: (1) Christian Lange veröffentlicht eine weitere, diesmal maßvolle Pressemitteilung: „CDU lädt halbseriösen Professor zu halbseriöser Diskussion ein“. (2) Siegfried Lorek verfasst eine erneute Protest-Note, in der er sich aber nicht „entsetzt“ zeigt, sondern nur „befremdet“; ferner zeigt er diesen minderschweren Fall von öffentlicher Diffamierung einer Zahnkarpfenkoryphäe nicht bei Bundesjustizminister, Bundeswissenschaftsministerin und Landesminister für Justiz und Tourismus an, sondern bloß beim Sachbearbeiter Fischereiwesen im Landratsamt, dem Vorstand der Anglerfreunde Urbach und dem Scheibenreinigungsdienstschichtleiter der Wilhelma-Aquarien.

(3) Unsere Zeitung würdigt die Abrüstungsbereitschaft beider Seiten mit einem hymnisch lobenden Kommentar: „Anstatt Marschflugkörper auf Spatzen abzufeuern, begnügen sich Lange und Lorek mit Kanonen.“

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