Rundschlag Vom Schnieseln und Schrucken

Symbolbild. Foto: dpa

Wörter sind ja wirklich etwas ganz Feines. Wahllos zusammengeklatschte Buchstaben, die urplötzlich etwas bedeuten, und über deren Bedeutung sich seltsamerweise alle einig sind. Baum, also B, A, U und M in eben der Reihenfolge heißt plötzlich Baum und keiner weiß, warum das eigentlich so ist. Einen Grund gibt es auch gar nicht. Wort und Ding, in dem Fall Baum und Baum, haben absolut nichts miteinander zu tun. Abgesehen von der Tatsache, dass das eine für das andere steht und das schon seit Ewigkeiten so ist. Klar, Begriffe verändern sich im Lauf der Zeit, aus dem mittelhochdeutschen boum wird irgendwann der neuhochdeutsche Baum. Das ändert dennoch nichts an der Beliebigkeit.

Tree, arbre, drzewo, Baum. Vier Wörter, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch dasselbe bedeuten. Begriff und Gegenstand sind Signifikat und Signifikant. Strukturalismus nennt man das dann, und eigentlich ist das schon wieder schrecklich out, weil es mittlerweile schon den Poststrukturalismus gibt. Den begreift aber sowieso niemand richtig, deswegen ist der hier jetzt auch egal.

Worauf ich eigentlich hinauswill: Wie herrlich einfach und herrlich amüsant es ist, sich diese Beliebigkeit des Worts zunutze zu machen und einfach mal draufloszuneologisieren. Das Deutsche ist ja auch nicht komplett, was man daran sieht, dass immer mehr Anglizismen integriert werden, für Dinge, die es bei uns davor nicht gab. Skateboard, Rock’n'Roll und so weiter. Die nächste Stufe wäre dann: Wörter für Dinge zu erfinden, für die es in keiner Sprache einen Begriff gibt. Das geht ganz einfach, man kann absolut nichts falsch machen.

Ein Beispiel: Im Spätherbst, wenn der Himmel grau und trüb ist und erste Schneeflöckchen durch die Lüfte treiben, einfach mal zu sagen: „Mensch, jetzt schnieselt das schon wieder“ und zack, ein neues Wort, das vielleicht in 50 Jahren im Duden steht, weil bisher keiner gemerkt hat, wie dringend wir diesen Begriff eigentlich nötig haben. Klar, das Wort setzt sich aus „schneien“ und „nieseln“ zusammen, ist also an bestehende Wörter angelehnt. Damit bleibt es halbwegs anschaulich. Wir wollen es ja nicht übertreiben.

Und weiter geht’s: Wenn man vom Fallen träumt und plötzlich aufschreckt, ist das ab jetzt der Schruck, das zugehörige Verb lautet schrucken. Du schruckst. Ich schruckte. Wir werden geschruckt haben.

Probieren Sie’s einfach mal aus: Immer dann, wenn Sie irgendwas umschreiben müssen, weil Ihnen ein Wort fehlt, tun Sie es nicht! Erfinden Sie einfach einen Begriff. Das ist dann gelebte Sprachevolution.

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