Rundschlag Waiblingens trojanisches Herz

Aeneas' Flucht aus Troja (Gemälde des Frederico Barocci, 1598). Foto: Repro

Waiblingen, laut Stadt-Marketing die „junge Stadt in alten Mauern“, präsentiert sich als fränkische Königspfalz seit der Reichsgutwerdung Mitte des 8. Jahrhunderts und als Kaiserstadt der Staufer und Salier.

Davon künden zum Beispiel die Namensgebungen Salier-Gymnasium und Staufer-Gymnasium sowie Stauferfestival. Und davon kündet die Stauferstele am Hochwachtturm, erwähnt darauf: Agnes von Waiblingen (1072–1143). Sie war Tochter des Salier-Kaisers Heinrich IV., in erster Ehe verbunden mit dem Staufer-Herzog Friedrich I. von Schwaben, gebar sie diesem Söhne. So wurde Agnes auch Oma Friedrich Barbarossas und „Stammmutter“ der Staufer.

Das Stadt-Marketing könnte gleichwohl noch viel mehr tun. Waiblingen könnte sich endlich auch auf das altehrwürdige Troja beziehen, das Stauferfestival stattdessen „wild-verrücktes trojanisch-heilig-römisch-fränkisches Salierfestival“ nennen und so umgestalten, dass ekstatische Tanzumzüge die Feier-Orgie bestimmen. Außerdem ist der Park in der Talaue zum Truva (Troja)-Labyrinth umzubauen. Das Labyrinth wird neue Heimat der zotteligen Hochlandrinder, mit denen an den Festtagen minoische Stierakrobatik aufzuführen ist. Oberbürgermeister Hesky trägt dabei einen Stierkopf und mimt – ansonsten nackt – den Minotaurus.

Wer nachfragt, warum, dem ist folgendermaßen zu antworten (auf eine historische Wahrheitsfindung ist dabei bewusst zu verzichten, ist ja nur fürs Stadt-Marketing gedacht):

Bereits der römische Dichter Vergil (70 – 19 vor Christus) beschrieb die „tanzenden Salier“ (salii) und ihre Festumzüge in seinem Epos „Aeneis“, das von der Legende der Flucht des trojanischen Prinzen Aeineias nach der Zerstörung der kleinasiatischen Metropole Troja handelt. Danach sollen Aeineias und seine Flüchtlingsgesellschaft über Thrakien nach Etrurien gelangt sein. Sein Sohn Iulius habe die „Mutterstadt“ Roms gegründet und das Geschlecht der Julier begründet, dem sich später auch Julius Cäsar zugehörig wähnte.

Die „tanzenden Salier“ waren römische Waffenpriester, die bei Umzügen zu Ehren des Kriegsgotts Mars kultische Tänze aufführten. Tanzriten, die verwandt sein könnten mit gallokeltischen Ritenhüpfereien zu Ehren Neptuns, die parallel zu den Saliertänzen im Römischen Reich und auch noch im gallo-fränkischen Merowingerreich weit verbreitet waren und letztlich aus Troja stammen, so wie eben auch die Gründerväter der Franken und anderer Adelsgeschlechter Europas.

Wen die Sage von der trojanischen Herkunft der Franken interessiert, der lese in der Fredegar-Chronik und der Liber Historiae Francorum nach. Schon Ammianus Marvellinus, gestorben 395, behauptete, Trojanischstämmige hätten sich auch in Gallien angesiedelt.

Ach, ja, Waiblingen hat durch seine trojanische Geschichte zudem eine direkte Verbindung zu den germanischen Göttern und könnte sich auch „Odins Metropole“ nennen. Snorri Sturluson (1179–1241) nahm in seiner Snorra-Edda (Prosa-Edda) die bis zur Eroberung Konstantinopels durch die türkischen Osmanen in europäischen Gelehrten- und Adelskreisen äußerst populären Troja-Mythen auf und beschrieb die nordischen Asen als aus Asien (damals v.a. Kleinasien = Anatolien) stammend und machte Thor und Odin kurzerhand zu übermenschlichen trojanischen Heroen im Krieg gegen die Hellenen.

Geschichte ist immer irgendwie nur Erzählung, wer mag da Wahres und Erdachtes auseinanderzuhalten!? Auf das Strickmuster kommt es an.

* Der Rundschlag ist Glosse und/oder Meinungsartikel.

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