Runter vom Sofa Aller Neuanfang ist schwer

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Fitnessstudio - ein Ort, den ich jahrelang gemieden habe. Erstens, weil ich stinkefaul bin. Und zweitens, weil mir die Vorstellung, mich vor all den ultrafitten Menschen zum Affen zu machen, zuwider war.

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Mein letzter Fitnessstudio-Besuch liegt einige Jahre zurück, ich war mit meiner Handballmannschaft zum Badmintonspielen dort gewesen. Neben dem Feld trainierte ein junger Mann, das Kreuz so breit wie ein Schrank, an dem links und rechts je ein Oberarm in der Größe eines Säuglings angebracht waren. Die Träger seines neonpinken Tanktops, das sich farblich auffällig von seiner braungebrannten Haut abhob, verschwanden fast gänzlich zwischen den Muskelbergen auf seinen Schultern. Neben diesem Typen sah ich nicht einfach nur aus wie ein "gewöhnlicher Lauch". Neben diesem Typen sah ich aus wie einer dieser funktionslosen Strohhalme, die man oft noch in Sporthallen zu einer Cola dazu bekommt: Dürr und bleich.

Selfie-süchtig

Die Trainingseinheit besagten Mannes bestand aus zwei abwechselnden Sets zu je 30 Wiederholungen: 30 mal die Hantel heben - dann 30 Selfies von sich machen. Es war mir völlig unerklärlich, warum jemand ausgerechnet in dieser Situation - verschwitzt und geschafft - Fotos von sich haben wollte. Und ich schwor mir, niemals so zu werden und deshalb vorsorglich auch niemals in ein Fitnessstudio zu gehen.

Dieses Erlebnis fand allerdings statt bevor ich aufgehört hatte, Handball zu spielen; bevor mir zwei Orthopäden dringend dazu geraten hatten, in die Muckibude zu gehen; bevor ich mir in den Kopf gesetzt hatte, einen Tough Mudder zu laufen; und bevor ich beschlossen hatte, auch noch darüber zu bloggen.

Nun stehe ich also im Eingangsbereich eines großen Waiblinger Fitnessstudios. Ich bin zum Probetraining verabredet und überlege mir bereits eine Strategie, wie ich während des Trainings möglichst unauffällig Fotos von mir machen kann. Ich bin an der Spitze des Narzissmus angekommen. Hier bin ich, schaut mir zu, wie ich mich quäle!

Die Angst vor der Beinpresse

Sandra, die Trainerin, die mich überaus freundlich begrüßt, schwätzt mir wider Erwarten nicht sofort einen Zwei-Jahres-Vertrag auf. Tatsächlich werde ich das Studio verlassen, ohne dass jemand Kosten überhaupt erwähnt hat. Stattdessen fragt sie mich über meine Ziele aus, darüber, ob ich schon einmal Sport gemacht habe und welche Muskelgruppen ich trainieren will. Anschließend zeigt sie mir ausgewählte Geräte.

Wir beginnen an der Beinpresse. Sofort habe ich ein Video vor Augen, in dem eine unbedarfte Frau sich die Beine zerschreddert, weil sie mit ausgestreckten Gliedmaßen auf einer ähnlichen Höllenmaschine ausharrt und das Gerät zurückschnalzt. (Da mir beim Gedanken daran schon schlecht wird, habe ich beschlossen, das Video hier nicht zu verlinken.) Diese Beinpresse ist aber zum Glück anders, wie Sandra mir sofort zeigt. Statt etwas mit den Beinen wegzudrücken, drückt man die Füße fest gegen eine Platte und stemmt so seinen Sitz nach hinten.

Sechs Geräte für den Anfang

Sandra erklärt mir an insgesamt sechs Geräten, wie ich sie auf meine Körpergröße einstellen kann und wie ich die Gewichte anpasse. Dann macht sie mir vor, wie man die Übungen richtig ausführt und erklärt, worauf ich jeweils achten muss. Dann darf ich die Übungen selbst ausprobieren. Obwohl in kürzester Zeit wahnsinnig viele Informationen auf mich einprasseln, habe ich das Gefühl, ganz gut aufgehoben zu sein. Sandra achtet genau auf meine Körperhaltung - Rücken gerade, Brust raus, Schultern tief, Bauch angespannt - und korrigiert mich, falls nötig. Außerdem ist dieses Studio nahezu idiotensicher: Alle Teile, die sich verstellen lassen, sind gelb markiert.

Zum Schluss darf ich mir noch ein Cardio-Gerät aussuchen, mit dem ich heute trainieren will. Und obwohl ich ziemlich Angst davor habe...

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... entscheide ich mich letztlich für das Laufband. Sandra übergibt mir einen Zettel, auf dem sie die gezeigten Geräte notiert hat. Dazu hat sie jeweils geschrieben, wieviele Wiederholungen sie empfiehlt, wie viele Sets und wie lang die Pausen dazwischen sein sollen. Dann bin ich erstmal auf mich allein gestellt.

Ich mache mich also auf dem Laufband warm. Es ist ungewohnt und zu Beginn etwas wackelig, aber ich habe es mir gefährlicher vorgestellt. Etwa zehn Minuten jogge ich vor mich hin. Dann will ich mich dem Krafttraining widmen. Als ich vom Laufband steige, muss ich aber noch gut zwei Minuten lang Inne halten. Nicht, dass ich schon aus der Puste wäre. Die zehn Minuten gingen erstaunlich schnell vorbei. Aber alles dreht sich! Mein Gleichgewichtssinn kommt mit dem neuen Gefühl des Laufens ohne Fortbewegung gar nicht klar. Trotz der aufkommenden Unsicherheit wage ich mich eine Etage tiefer zu den Geräten.

Während ich auf der Beinpresse ackere, werde ich von einer Gruppe Teenager beobachtet. Sie warten darauf, das Gerät selbst benutzen zu können. Dabei sehen sie mich aber weder vorwurfsvoll an, weil ich das Gerät so lange blockiere, noch lachen sie mich aus, weil ich die Übung falsch mache. Ermutigt ziehe ich weiter zum nächsten Gerät, dem Hüftstrecker. Ich halte mich brav an meinen Zettel. Bei der dritten Station, dem Latzug,...

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...werde ich schließlich übermütig. Da ich keinerlei Widerstand zu spüren glaube, stelle ich das Gerät auf fünf Kilo ein. Wohlgemerkt das kleinste mögliche Gewicht, dennoch eine Entscheidung, die ich schon nach der dritten Wiederholung bereue. Mit jedem Zug an der Stange spüre ich, wie der Muskelkater sich in meinem Körper häuslich einrichtet. Die drei weiteren Sets überstehe ich nur, weil ich das Gewicht wieder entferne.

Dürre Ärmchen an den Geräten

An der nächsten Station, der Schulterpresse, sitze ich direkt vor einem Spiegel. Dieser ist vermutlich dafür da, um die eigene Haltung zu korrigieren. Stattdessen benutze ich ihn, um mir dabei zuzusehen, wie meine dürren Ärmchen versuchen, das Gewicht nach oben zu drücken. Zugegeben, sonderlich kräftige Arme hatte ich nie. Aber die gesamte Muskulatur, die ich mir in all den Jahren Handball hart erarbeitet hatte, ist komplett verschwunden. Da konnte auch der Zumbakurs nichts mehr retten. Es bleiben zwei knochige Stängel, die aussehen, als würden sie jeden Moment unter der Last des Geräts zusammenbrechen - auch ohne Gewichte. Wie lange war es nochmal bis zum Tough Mudder?...

Ich dachte, ich hätte in meiner langen Laufbahn als Krankengymnastik-Patientin sämtliche Rückenübungen ausprobiert. Nun befinde ich mich am sogenannten Rückenstrecker und bin mir sicher, dass ich so etwas Merkwürdiges noch nie gesehen habe. Als ich die Übung vorhin ausprobiert habe, kam ich mir dabei schon äußerst dämlich vor. Nun freue ich mich, dass kein Spiegel in der Nähe ist und hoffe, dass mich niemand beobachtet. Man sitzt auf einem Hocker, lehnt sich nach vorn, setzt sich einen Balken auf die Schultern und richtet sich auf. Es sieht nicht nur blöd aus, sondern fühlt sich auch unangenehm an. Wenn Sandra mir vorhin nicht genau gezeigt hätte, wie es geht, wäre ich mir zu 100 Prozent sicher, dass ich mich gerade komplett zum Deppen mache. (Dieses Gerät scheint es übrigens auch in anderen Studios zu geben, wie mir mein Kollege bestätigt. Wieder was gelernt.)

Verschwitzt, platt und stolz

Nach der letzten Übung, "Torso Rotation" für die seitlichen Bauchmuskeln, geht es zurück aufs Laufband. Zumindest ein paar Minuten auslaufen soll ich, hat Sandra empfohlen. Wenn ich möchte, darf ich auch noch eine Runde joggen zum Auspowern. Und weil mich der Ehrgeiz packt, entscheide ich mich für letzteres. Ich wähle zwar nur eine leichte Steigung und ein mäßiges Tempo, aber ingesamt verbringe ich dann doch noch einmal dreißig Minuten auf dem Laufband. Nachdem ich den Schwindel überwunden und das Gerät desinfiziert habe, blicke ich überrascht auf die Uhr: Ohne es zu merken, habe ich ganze zweieinhalb Stunden im Fitnessstudio verbacht. 45 Minuten für die Einführung, den Rest der Zeit habe ich trainiert. Ich schwitze, ich bin platt und ich versuche so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, bevor ich mich vor lauter Muskelkater nicht mehr bewegen kann. Ich bin aber auch tierisch stolz auf mich, dass ich das Training so gut durchgezogen habe.

Die Überraschung folgt am nächsten Morgen: Ja, ich habe Muskelkater. Aber die gute Sorte Muskelkater. Es ziept und zwickt, schränkt mich aber nicht bei jeder Bewegung ein. Stattdessen erinnert der Muskelkater mich daran, dass ich endlich mal wieder ein Training durchgezogen habe.

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