Runter vom Sofa Tough Mudder 2018: Mehr als nur ein Hindernislauf

16 Kilometer, 19 Hindernisse: Am Samstag bin ich nach monatelangem Training endlich beim Tough Mudder Süddeutschland an den Start gegangen - und auch über die Ziellinie gelaufen. Drei Stunden und 49 Minuten waren mein Team und ich auf dem Hindernisparcours unterwegs. Doch Tough Mudder ist viel mehr als nur ein Hindernislauf. Für mich war es ein Kampf gegen mich selbst und eine Berg- und Talfahrt (Achtung, Tough-Mudder-Insider) der Gefühle.

Am Start

Ich bin nervöser als vor der mündlichen Abitur-Prüfung. Mein Herz rast, ich rede nur noch Blödsinn. Die ersten Meter lasse ich mich von der Menge treiben. Das Gemeinschaftsgefühl ist überwältigend: Jeder, der hier ist, ist mindestens genauso bekloppt wie ich.

Das erste Hindernis

Noch nicht mal einen Kilometer bin ich unterwegs, da kommt schon das erste Hindernis. Es heißt "Feuchtgebiet" und besteht aus Schlammhügeln und Schlammlöchern. Umgeben von einem Pulk aus Leuten kann man nicht mal zögern. Sofort stecke ich bis etwa auf Brusthöhe im Schlamm. Meine Teamkollegen helfen mir über die Hügel. Ich war noch nie gut darin, Hilfe anzunehmen. Erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr ich auf diesem Parcours aber auf Hilfe angewiesen bin. Doch von Hindernis zu Hindernis fällt es mir leichter, einzusehen, dass das zum Event dazu gehört. Wer diesen Lauf alleine schaffen kann, muss übernatürliche Kräfte besitzen.

Die ersten Meter mit Nassen Schuhen

Ich bin nicht nur unfitter als der Rest meines Teams, ich habe auch vollkommen unterschätzt, wie anstrengend es ist, mit nassen Schuhen zu laufen. Der Matsch quillt bei jedem Schritt an den Seiten heraus, die ersten Kieselsteine sammeln sich zwischen den Zehen. Dass ich nie im Wald, sondern immer auf befestigten, asphaltierten Feldwegen trainiert habe, bekomme ich nun bitterböse zu spüren. Ich bin an die wackligen Begebenheiten nicht gewöhnt und muss höllisch aufpassen, nicht umzuknicken. Mein Team rennt voraus, ich hechle hinterher. Bei der zweiten leichten Steigung blockieren meine Oberschenkel - vermutlich, weil mein Kopf sie blockiert. Das schlechte Gewissen, der Klotz am Bein zu sein, wurmt mich. Gleichzeitig versuche ich, den Rest nicht noch mehr aufzuhalten.

Das erste Erfolgserlebnis

Ganze sieben Kilometer muss ich mich durchkämpfen, bis ich das erste richtige Erfolgserlebnis spüre. (Dass sieben Kilometer durchzuhalten schon ein Erfolg ist, realisiere ich natürlich erst hinterher.) Das Hindernis heißt "Holz vor der Hütte". Ich soll einen laut offiziellen Angaben 30 Kilogramm schweren Baumstamm tragen. Ich bin sicher, dass ich den Stamm nicht einmal anheben kann, doch ich trage ihn nahezu problemlos über die vorgegebene Strecke. Die befürchteten Rückenschmerzen bleiben (auch übrigens am Montag noch) aus.

Die große Überraschung

Vor zwei Hindernissen hatte ich im Vorfeld eine Heidenangst. Eines davon nennt sich "Cage Crawl". Man legt sich, Kopf voraus, Gesicht nach oben, in ein 18 Meter langes schlammiges Wasserbecken. Nach oben hin bleiben nur 15 Zentimeter Platz zum Atmen. Man ist unter einem Zaun "gefangen" und muss sich an diesem durch den Wassergraben ziehen. Ich war mir sicher, ich würde vor diesem Becken aus Platzangst einen Rückzieher machen. Stattdessen denke ich einfach nicht nach. Am Ende empfinde ich das Hindernis sogar als einfach, weil ich für wenige Sekunden meine übersäuerten Beine nicht benutzen muss.

Das schlimmste Hindernis

Das schlimmste Hindernis ist keines zum Klettern, Kriechen oder Hangeln. Es ist die "Berg- und Talfahrt" die mir den Rest gibt. 13 Kilometer bin ich an dieser Stelle bereits durch das ohnehin hügelige Waldgebiet gelaufen. Nun muss ich einen Steilhang auf und ab - immer wieder. Weil meine Konzentration so langsam nachlässt, stolpere ich mehrfach und kann mich gerade so noch fangen, bevor ich mit dem Kopf voraus auf den Waldboden krache. Vor dem Lauf musste ich schwören, nicht zu nörgeln. Doch ich kann nicht davon ablassen, auf den sadistischen Schweinehund zu schimpfen, der sich dieses Hindernis ausgedacht hat.

Der spaßige Teil

Obwohl ich streckenweise kaum noch atmen kann, ist mein Team und auch alle anderen, die uns auf der Strecke begegnen, dauerhaft zum Scherzen aufgelegt. Jeder Lacher wird dankend angenommen.

Das Hindernis, das mir am Ende am meisten Spaß macht, ist das, vor dem ich am meisten Angst hatte: Block Ness Monster. Vor dem Start hatte ich Angst, unter eine der Walzen gezogen zu werden und nicht mehr auftauchen zu können. Stattdessen falle ich - nicht ganz elegant, aber unverletzt, einfach auf der anderen Seite hinunter und habe das Gefühl, den anderen Muddern endlich auch einmal helfen zu können.

Der Motivationsschub

Wie schafft man es, einfach weiter zu laufen, wenn man nicht mehr kann? Wenn man voller Schlamm ist? Oder nass ist und friert? Das hatte ich mich vor dem Lauf immer wieder gefragt. Die Antwort ist überraschend einfach: Jedes überwundene Hindernis gibt einem einen Motivationsschub. Das Adrenalin lässt einen zur Höchstform auflaufen. Wasser und Schlamm werden einem komplett gleichgültig. Der innere Schweinehund existiert nicht mehr. Der Ehrgeiz sagt: "Wenn du das geschafft hast, schaffst du den Rest auch noch" - und er hat Recht.

Das große Finale

Ich schaffe es, dank meines überragenden Teams nicht nur auf den Everest 2.0 (eine vier Meter hohe Quarterpipe), sondern auch durchs Ziel. Voller Stolz nehme ich dort mein Stirnband, mein T-Shirt und mein Bier entgegen. Als ich dann auf den Rest der Gruppe und unsere Zuschauer treffe, bin ich nur noch überwältigt. Ich kämpfe mit den Tränen, so stolz bin ich, es geschafft zu haben. So glücklich, es hinter mir zu haben. So dankbar, so etwas einmal erlebt zu haben.

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