Sammler aus Bittenfeld In der Schatzkammer der Biergläser

Waiblingen-Bittenfeld.
Jakob Gantner könnte ganz Bittenfeld zu sich einladen – Gläser und Krüge hätte er jedenfalls genug. Sogar so viele, dass jeder Gast dreimal trinken könnte, ohne dasselbe Gefäß zu verwenden. Mehr als 10 000 Bierkrüge und 3000 Weizengläser nennt er sein eigen. Und dazu noch Hundertschaften von Fröschen – aber dazu später. Jedenfalls gehört der 78-Jährige zu den positiv verrücktesten Sammlern weit und breit. „Wenn Leute zu Besuch sind“, sagt er verschmitzt, „dann kommen sie aus dem Staunen nicht heraus.“ Und es waren schon viele da, sogar ganze Busse voll.

Ziemlich genau 17 Jahre ist’s her, da berichtete unsere Zeitung schon einmal über seine kuriose „Bibliothek der Bierkrüge“, in der die Regale so dicht an dicht stehen wie in einer Bücherei. Die Zeitungsseite von damals prangt heute eingerahmt an einer Wand – und sie hatte ungeahnte Folgen. Die Geschichte vom Gebäudereinigungs-Unternehmer, der in seinen Garagen in akribischer Ordnung ein Arsenal von Krügen hortete, ging durch andere Zeitungen, durchs Radio und das Fernsehen. „Einen ganzen Tag waren sie da und haben gedreht“, erzählt er, immer noch staunend über den Wirbel. Dann kamen ganze Reisegruppen, die er durch die Sammlung führte und mit Schnitzel bewirtete.

Schwäbische Heimatgefühle und frivole Frösche

Diese Zeiten sind nun schon Jahre vorbei, und wer heute durch die Räume dieses inoffiziellen Museums wandelt, kann es nicht fassen, wenn Jakob Gantner gesteht: „Ich hab’ fast die ganze Sammlung verkauft.“ Wie bitte? Eines Tages hatte er einem Freund aus Ulm erzählt, er wolle sich statt auf Bierkrüge lieber auf Weizengläser verlegen – es fehle aber der Platz. Am nächsten Tag der Anruf aus der Donaustadt: „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen“, sagte der Kumpel, „ich kauf’ dir die Sammlung ab.“ Anderthalb Jahre lang fuhr er darauf jeden Freitag nach Bittenfeld, um sein Auto mit Kisten voller Bierkrüge vollzuladen. Allein schon alles bruchsicher zu verpacken, war eine Heidenarbeit.

Behalten hat Jakob Gantner die Krüge aus Württemberg. Zu schade wär’s auch gewesen um die schönen Exemplare mit dem Kätchen von Heilbronn, das dem Betrachter einladend im Namen der Rosenau-Brauerei zuprostet. Um die guten Stücke vom Schorndorfer Löwenbräu und vom Sulzbacher Adlerbräu sowieso. Am innigsten hängt das Sammlerherz an der Lammbrauerei aus Schwieberdingen. Denn obwohl Jakob Gantner wirkt wie ein Urschwabe, stammt er aus Ex-Jugoslawien und kam mit fünf Jahren in den Westen. Das Städtchen an der Glems und die Feste des örtlichen Musikvereins wurden für ihn frühe Bezugspunkte, an denen sich ein neues Heimatgefühl entwickelte. „Da, mein Schwieberdingen“ sagt er wonnig und zeigt in eine Kammer, die nur diesem einen Ort gewidmet ist.

Wie behält man bei mehr als 10 000 Bierkrügen und 3000 Weizengläsern den Überblick? Ordnung muss natürlich sein. Vor allem müssen Fundstücke von Flohmärkten und Haushaltsauflösungen erst einmal mit Hilfe von historischen Verzeichnissen der richtigen Brauerei und der richtigen Herkunftsstadt zugeordnet werden. Sauber verzeichnet werden müssen auch die Exponate selbst. Das Einsortieren einer Kiste mit Gläsern kann mehrere Stunden dauern. Nur mit Mühe kann der Besitzer auf Leitern klettern. Die Knie machen ihm schlimm zu schaffen, mehrfach wurde er operiert – immerhin kann er überhaupt wieder laufen. Mindestens so kurios wie die gesamte Sammlung ist Jakob Gantners Methode, wie er sich Übersicht in den Regalen verschafft. Dafür sorgen, als Trenner zwischen den verschiedenen Brauereien: Frösche. Grüne Nippesfiguren aus Stein, Porzellan und Plastik gucken zwischen den Weizengläsern hervor. „Na, was halten Sie von der Idee?“, fragt er den staunenden Besucher, der Bier und Frösche nicht sofort miteinander in Verbindung bringt.

Mit den Reptilien hat es folgende Bewandtnis: Seit Jahrzehnten hat der Sammler einen festen Standort auf einem Campingplatz, der unter Insidern „Frosch“ genannt wird. Dass es sich um einen FKK-Platz handelt, tut nichts zur Sache. Jedenfalls setzte sich irgendwann auch da das Sammler-Gen durch. Es gibt Frösche als Hampelmänner, als Uhren, als Gartenzwerge und als Kinderspielzeug. Frösche auf Fahrrädern und Frösche als, nun ja, „erotische“ Scherzartikel. Dem letzteren Genre ist sogar ein Extra-Regal gewidmet.

Dieser Teil vielleicht nicht, aber generell könnte das Bierkrugmuseum irgendwann in den Besitz der Stadt Waiblingen übergehen, sinniert der Senior.


Der Krug-Betrug

Seit 1917 herrscht in Deutschland Eichpflicht. In älteres Steingut wurde nachträglich von Hand dessen Fassungsvermögen eingeritzt. So finden sich in der Sammlung zahlreiche Exemplare mit ungeraden Maßen.
Der Staat reagierte damit auf ein verbreitetes Übel: Wirte schenkten weniger Bier aus, als sie ihren Gästen vortäuschten. So hat der Sammler eine stattliche Zahl von Krügen, die bei weitem nicht so tief sind, wie es von außen scheint. Der Boden sitzt einfach ein paar Zentimeter höher. Pure Schummelei. Wer den Krug umdreht, erkennt den Trick sofort. Aber wer kippt schon das Bier um?

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