Schiedsrichter im Rems-Murr-Kreis Marco Fritz und Co. über neue Regeln und Respekt

Fifa-Schiedsrichter Marco Fritz in Aktion. Foto: dpa/Hübner

Die Aufregung war groß gewesen, als Alassane Pléa im Fußball-Bundesligaspiel RB Leipzig – Borussia Mönchengladbach von Schiedsrichter Tobias Stieler nach dem Reklamieren erst die Gelbe Karte und nach kurzer Diskussion und abwertender Handbewegung Gelb-Rot gesehen hatte. „Völlig überzogen“ urteilten Bundesligamanager und Trainer. Völlig richtig, sagen die Schiedsrichter; unter anderem Marco Fritz (42), Fifa-Schiedsrichter aus Korb, und seine Kollegen aus der Schiedsrichter-Gruppe Waiblingen Markus Seidl (43), Timo Lämmle (27) und und Antonio Agazio (28). Mit ihnen haben wir uns über neue Regeln, Videoschiedsrichter und Disziplin im Fußball unterhalten.

Wie steht es um die Disziplin im Fußball?

„Er hat abfällig und gestenreich keinen Respekt gezeigt“, gab Stieler später als Grund für seine Entscheidung an, Pléa vom Platz zu stellen. Der Schiedsrichter konnte sich darauf berufen, dass allen Vereinen bekanntgegeben worden war, dass Disziplinlosigkeiten von nun an stärker sanktioniert werden. Alle wussten es, aber ernst genommen hatte es wohl keiner. Zumindest nicht ernst genug.

Antonio Agazio ist froh, dass Unsportlichkeiten nun schneller geahndet werden. „Der Respekt auf dem Platz ist zum Teil flöten gegangen“, sagt der Winnender, der Spiele in der Landesliga leitet. „Man kann nicht mehr normal kommunizieren, weil dich die Spieler gleich anbrüllen.“ Er ist deshalb froh, dass die Regel 12 - verbotenes Spiel und unsportliches Betragen – nun konsequenter umgesetzt wird; bei Profis und Amateuren. „Bisher gab’s einen Ermessensspielraum.“ Jetzt nicht mehr. „Das macht es für uns Schiedsrichter leichter“, sagt Agazio.

Das sieht auch Timo Lämmle so, der Spiele bis zur Regionalliga leitet. „Es geht um den Gedanken: Respekt vor dem Spiel, dem Gegner und dem Schiedsrichter. In den letzten Jahren hat man eher dazu tendiert, mehr zuzulassen. Der Schiedsrichter sollte das mit Kommunikation lösen.“ Dadurch jedoch wurden auch immer mehr Unsportlichkeiten geduldet. Jetzt wisse jeder, dass das nicht mehr geht. Sollte es zumindest wissen.

Zum Beispiel: „Bisher gab’s für Ballwegschlagen Gelb, für Ballwegtragen nichts“, sagt Agazio. Künftig gibt’s in beiden Fällen die Gelbe Karte. Auch Fifa-Schiedsrichter Marco Fritz unterstützt das. Es sei wichtig, dass in der Bundesliga genauso durchgegriffen wird wie bei den Amateuren. Schließlich orientieren sich die Amateure an den Profis. Fritz sieht die aktuelle Aufregung gelassen. Die Referees in der höchsten Liga sind Diskussionen über Schiri-Entscheidungen gewöhnt.

Gab es im Fußball zuletzt zu viele Regeländerungen?

„In den letzten zwei, drei Jahren sind im Fußball so viele Veränderungen durchgeführt worden wie zuvor in Jahrzehnten nicht“, sagt Fritz. „Uns Schiedsrichtern ist schon klar, dass es Diskussionsbedarf gibt. Und dass es auch Änderungen gibt, die nicht jedem gefallen. Aber wir werden das Rad der Zeit nicht zurückdrehen.“ Vielleicht waren es ja zu viele Veränderungen? Darüber nachzudenken sei für Schiedsrichter müßig, sagt Fritz. „Wir stellen die Regeln nicht auf, wir setzen sie nur um.“

Diskussionen darüber gibt es nicht nur unter Fans, sondern auch unter Schiedsrichtern. Allerdings, so Markus Seidl, Obmann der Gruppe Waiblingen, habe das auch etwas mit dem Grad der Qualifizierung zu tun. Seidl: „Wenn wir in der Gruppe Videoszenen anschauen, ist es unglaublich, wie viele unterschiedliche Meinungen es da gibt. Wenn ich die Szenen den 22 Bundesliga-Schiedsrichtern zeige, habe ich nur eine Meinung.“

Wie sieht’s aus mit Handspiel, Abseits und dem VAR?

Und dennoch sind auch sie immer wieder auf den Videobeweis, kurz VAR (Video Assistant Referee), angewiesen. Der hat schon viele strittige Szenen erhellt und damit für Gerechtigkeit gesorgt. Scheinbar genauso oft aber sorgt er auch für aufgeregte Reaktionen bei Fans, Trainern oder Managern. Die Schiedsrichter selbst, sagt Fritz, sehen den VAR absolut positiv. Die Entscheidungen werden weiterhin auf dem Platz getroffen. „Nur wenn ich mal etwas falsch gesehen hab, kann er mir helfen.“

Aber wie gut ist die Technik? Und wird nicht immer noch, siehe Handspiel, sehr unterschiedlich entschieden? Fritz: „Im Fußball ist nie etwas schwarz oder weiß, außer beim Abseits, ansonsten ist es immer eine Interpretation oder Regelauslegung. Das ist beim Handspiel so wie bei jedem Foulspiel.“



Nicht wenige Fans bezweifeln, dass sich Abseits tatsächlich so präzise messen lässt. Fritz hingegen sagt: „Doch, das kann man. Ich kann mir die Szene Pixel für Pixel anschauen.“ Und die Linien seien sehr genau. „Das Spielfeld wird vor jedem Spiel technisch hinterlegt. Die Operatoren sitzen drei Stunden vorher da und machen nichts anders, als die Abseitslinien für dieses Spielfeld zu kalibrieren.“

Und dennoch fragen sich Fußballnostalgiker, ob beim Abseits wirklich der letzte Millimeter noch für eine Entscheidung herhalten muss. Darauf antwortet Fritz ganz pragmatisch: „Was wäre die Alternative?“ - Der gute alte Grundsatz: im Zweifel für den Angreifer? – „Und wo ziehen wir die Grenze?“, fragt Fritz zurück. Bei fünf Zentimetern, bei zwei? „Abseits war schon immer Abseits. Wir können das jetzt eben um noch ein paar Zentimeter genauer überprüfen, mehr hat sich nicht verändert.“

Mit der Frage, ob all das auch dem Spiel guttut, können die Schiedsrichter nichts anfangen. „Spielen wir nach Regeln oder nicht?“, fragt Markus Seidl.


Wann gibt's Gelb?

Der DFB will ein Zeichen gegen Gewalt auf dem Fußballplatz setzen. Deshalb soll die Regel 12 - verbotenes Spiel und unsportliches Betragen – konsequenter umgesetzt werden. Bei Profis und Amateuren.

Ab sofort gibt es viel schneller Gelb, wenn Spieler oder auch der Trainer einen am Boden liegenden Spieler verbal attackieren,

  • auf den Schiedsrichter zuzurennen,
  • gestenreich reklamieren,
  • den Ball wegtragen oder -werfen,
  • Gelb für den Gegner fordern,
  • ein Foul vortäuschen.

Auch Rote Karten sollen fortan (beispielsweise bei großer Rudelbildung) schneller gezogen werden.

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