Schorndorf Auf den Spuren des Vogelflugs

Schorndorf/Stuttgart. Das wunderbar wilde Gewusel der Mauersegler, der sanfte Gleitflug der Möwen oder das einsame Schwingen des Adlers: Auf Bildern lässt sich das eigentlich nicht einfangen. Doch dem Künstler Lothar Schiffler ist mit seinem Projekt „Airlines“ Erstaunliches gelungen: Er macht Zeit in Bildern sichtbar. Noch bis 4. Dezember lässt sich das im Stuttgarter Theaterhaus bestaunen.

Video: Auf den Spuren des Vogelflugs.

Schon als Kind hat Lothar Schiffler in Miedelsbach ausgiebig den Himmel beobachtet. Er musste Ausschau halten nach Mäusebussarden, die es auf die Hühner seiner Eltern abgesehen hatten. In den achtziger Jahren übernachtete er dann auf einem Landgasthof irgendwo im französischen Burgund. Als er am frühen Morgen aus dem Fenster blickte, sah er einen Schwarm Fliegen in der aufgehenden Sonne tanzen. Die Ballett-Vorführung verschmolz in seiner Wahrnehmung zu einem Knäuel verschlungener Linien.

Schiffler war nachhaltig von diesem Naturschauspiel fasziniert. „Die Idee, das fotografisch einzufangen, hat mich nie wieder losgelassen.“ Es wurde zu seinem großen Lebenstraum. Allein: Mit den klassischen Mitteln der Fotografie, zumal der analogen, war das kaum möglich. Sie friert den Moment ein, anstatt Zeit und Bewegung einzufangen. Gut dreißig Jahre später ist ihm nun genau das gelungen: Bei seinem Projekt „Airlines“ hat der Künstler in jahrelanger Arbeit Aufnahmen von Vögeln gesammelt, ihre Spuren in der Luft sichtbar gemacht und sie so gefiltert, das daraus ästhetische Bilder entstehen.

Luft als Lebensraum in abstrakt komponierten Werken zeigen

Das im Theaterhaus ausgestellte Ergebnis lässt sich gleichsam als Dokumentation des Lebensraums Luft lesen wie als Sammlung abstrakt komponierter Kunstwerke. Schiffler wirft mit den Bildern einen neuen, ungewohnten Blick auf den Vogelflug, dessen Kraft und Ästhetik wohl noch nie zuvor so eindringlich dargestellt wurde.

Bei dem Projekt reizte den 69-Jährigen neben der Ästhetik auch und vor allem die technische Herausforderung. „Vogelspuren am Strand, das kennt jeder. In der Luft gibt es so etwas aber eigentlich nicht. Denn die Spuren vergehen wie die Musik: Sie sind nur im Moment da und dann sofort verschwunden.“ In den Bildern von Lothar Schiffler bleiben sie nun dauerhaft sichtbar. Wie schnell die Vögel fliegen, ob sie im Gleitflug unterwegs sind, in der Luft stehen bleiben oder auf der Flucht sind, lässt sich faszinierend genau nachvollziehen.

Ohne Digitaltechnik und die technische Assistenz von Nikolai Klassen wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. Der gelernte Fotograf Schiffler arbeitet mit den Videoaufnahmen seiner Spiegelreflexkamera. 50 Bilder pro Sekunde nimmt er damit auf. Er filmt möglichst mit Gegenlicht. Ein von Klassen geschriebenes Programm zerlegt die Videoaufnahmen dann in Einzelbilder, die anschließend digital übereinandergelegt werden. Das Programm fügt dabei aber nur die dunklen Elemente hinzu und belässt die hellen des ersten Bilds. Danach beginnt für Schiffler die Analyse: Welche Einzelbilder kann ich weglassen? Welche Elemente ergeben ein ästhetisches Bild? Seine Arbeiten bezeichnet der Künstler übrigens als Iskiografien. Fotografie bedeutet nämlich wörtlich „Schreiben mit Licht“, Iskiografie steht für das „Schreiben mit Schatten“ wie denen der Flügelschläge,

Der scheue und einsame Adler erforderte besonders viel Geduld

Eine aufwendige Arbeit, wie überhaupt das Einfangen von Vogelspuren viel Geduld erfordert. „Das lässt sich nicht planen“, sagt Schiffler. Umso größer seien dann die Glücksmomente, wenn es klappe. Besonders lange hat der 69-Jährige nach einer Aufnahme des Adlerflugs gesucht.

Viele Male reiste er dazu in die Alpen, doch stets blieb ihm der Erfolg verwehrt. Zu scheu, zu einsam, zu selten sind diese Vögel. In den Pyrenäen dann das unverhoffte Glück: Nach dem Besuch des Klosters Santuari de Lord hielt Schiffler kurz Rast, um zu essen. Da sah er plötzlich einen riesigen schwarzen Schatten über sich hinwegsegeln. Sofort griff er zur Kamera, setzte sie auf das Stativ und wartete. Der Adler sollte ihn nicht enttäuschen. Zwei Minuten und 25 Sekunden sind schließlich in das Bild eingeflossen, in denen der Adler Pirouetten über die Berge Kataloniens drehte. „Ich war so elektrisiert, ich musste danach sofort in das Kloster und etwas spenden für diesen fantastischen Moment.“

Er dokumentierte den hitchcockartigen Flügelschlag der Möwen 

Über insgesamt fünf Jahre sammelte Schiffler auf diese Weise Aufnahmen von Vögeln. Er dokumentierte den hitchcockartigen Flügelschlag der Möwen auf dem Petersplatz in Rom. Hielt mit der Kamera fest, wie über dem Schloss Nymphenburg ein Schwalbenschwarm einen Turmfalken verjagte. Beobachtete den charakteristischen Keilflug der Kraniche über der Ostsee, bei dem die Vögel ihre Spitzenpositionen, wie beim Radrennen, immer aufs Neue tauschen. Und er filmte das „fantastische, bizarre Schauspiel“ der Mauersegler über seiner Heimatstadt München. „Das sind nicht nur absolute Meister der Flugeffizienz. Ich kenne auch kein Tier, das solch unfassbare Leistungen vollbringt.“ Sobald sie aus dem Nest fallen, fliegen sie los. Zwei Jahre befinden sich die Mauersegler dann ununterbrochen in der Luft, wo sie essen, schlafen und dabei Tausende Kilometer zwischen Afrika und Europa zurücklegen. Erst dann zieht es sie wieder zurück ins Nest.

Denn darum geht es dem aus Miedelsbach stammenden Künstler auch: auf die Bedrohungen hinzuweisen, denen die Vögel, etwa durch die industrialisierte Landwirtschaft, ausgesetzt sind. Aus seinen Bildern spricht daher nicht zuletzt ein großer Respekt vor dem archaischen wie immer noch rätselhaft faszinierenden Verhalten dieser Tiere, die seit jeher die Fantasie und die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit geweckt haben.

Der Künstler und die aktuelle Ausstellung

Lothar Schiffler ist geboren im Jahre 1947 und aufgewachsen in Schorndorf-Miedelsbach. Für das Studium der Soziologie und Medienwissenschaft zog es ihn dann nach München, wo er seitdem lebt.

Seit den 1970er Jahren arbeitet Schiffler als Fotograf in den Bereichen Reportage, Werbung, Multimedia mit längeren Aufenthalten etwa in Ägypten und Somalia. Seit den 1990er Jahren widmet er sich fotokünstlerischen Projekten. Bei „Nachtzug“ dokumentierte er Lichter der Nacht, die er aus Zügen, Bussen oder Schiffen eingefangen hat.

Seine aktuelle Ausstellung „Airlines – Vogelspuren in der Luft“ ist noch bis 4. Dezember im Foyer des Stuttgarter Theaterhauses, Siemensstraße 11, zu sehen. Und zwar täglich von 10 bis 21.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Weitere Infos und Ausstellungskatalog online unter www.lothar-schiffler.de

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