Schorndorf Wie es ist, einen Angehörigen zu pflegen

Eine Schorndorferin beim Spaziergang mit ihrer Tochter. Die beiden Gesprächspartner in unserem Artikel möchten anonym bleiben. Foto: Helmut Hess

Schorndorf. „Ich hoffe, dass ich es packe“, sagt die 78-Jährige, die ihren Mann pflegt. Er hat Alzheimer. Oftmals sei die Situation zwischen den beiden angespannt. Zeit für sich selbst zu haben sei nahezu unmöglich. Ein 58-Jähriger, der seine Mutter pflegt, berichtet Ähnliches. Er besucht eine Selbsthilfegruppe, um über die Herausforderungen im Alltag zu sprechen, das helfe ihm.

Die 78-Jährige zeigt Bilder von Zeiten, in denen es ihrem Mann noch gutging. Strahlend schauen die beiden in die Kamera. Sie ist selbst nicht mehr die Jüngste, die Aufgabe der Pflege zehrt an ihr. In den letzten Nächten habe sie kaum schlafen können, immer wieder habe ihr Mann sie geweckt.

Seit vier Jahren pflegt sie ihn inzwischen schon. Früher ging sie vielen Ehrenämtern nach und engagierte sich gesellschaftlich, heute sei all das nicht mehr möglich. Besonders der Kontakt zu ehemaligen Vereinskameraden fehle ihr. Die 78-Jährige steht nicht ganz alleine mit der Pflege da. Die Frau aus der Nähe Schorndorfs bekommt Unterstützung von ihren Kindern. Darüber sei sie sehr froh, erzählt sie.

Betreuung von Angehörigen kann psychisch sehr belastend sein

Lange alleine lassen kann sie ihren kranken Mann nicht, er muss betreut werden. Im Gespräch wirkt sie angespannt und verzweifelt. Die Pflege belaste sie psychisch. Seit er erkrankt ist, sei er oft aggressiv. Wenn es mal wieder schlimm sei, gehe sie mit ihm ins Kino, das helfe. Besonders Western würde er gerne schauen. Zu Hause hört das Paar außerdem Musik. „Wenn ich mich selbst beruhigen muss, dann mache ich Sudoku“, sagt sie.

Der Zustand ihres Mannes habe sich seit 2015 immer wieder verschlechtert. Anfänglich hätten sie die Ärzte nicht ernst genommen, wohl deshalb, weil ihr Mann auf den ersten Blick gesund gewirkt habe. Es dauerte, bis er schließlich die richtige Diagnose bekam. Heute weiß er nicht, welcher Tag gerade ist.

Positive Erfahrung habe sie allerdings beim Pflegestützpunkt (siehe Hilfe für pflegende Angehörige) gemacht. Dort habe man ihr mit den vielen Anträgen geholfen.

Heute geht ihr Mann an zwei Tagen in der Woche in die Tagespflege, morgens bringt sie ihn dort hin, abends holt sie ihn ab. Er wirft ihr deshalb manchmal vor, ihn abschieben zu wollen. Das mache sie traurig.

„Ich schaffe das, genau wie Frau Merkel“

Sie spricht aus, was viele Angehörige betrifft: Pflege zehrt, nicht nur körperlich, auch psychisch. Die 78-Jährige suchte sich schließlich Hilfe von außen und besucht seit einiger Zeit selbst eine Therapie. Dort bekommt sie Hilfestellungen und hat die Möglichkeit, über ihre eigenen Sorgen zu sprechen.

Das habe ihr geholfen, erzählt sie. Entsprechend rät sie auch anderen pflegenden Angehörigen dazu. Heute sagt sie: „Ich schaffe das, genau wie Frau Merkel.“

Erst kürzlich verkündete die Bundesregierung, die Angehörigen von Kranken und Alten entlasten zu wollen. Unter dem Titel „Angehörigen-Entlastungsgesetz“ will das Kabinett Kinder oder Ehepartner erst ab einem Bruttojahreseinkommen von 100 000 Euro an den Pflegekosten beteiligen.

Doch was erst mal gut klingt, würde der 78-Jährigen derzeit nicht nutzen. Die Kosten, die bei der Pflege ihres Mannes entstehen, werden von der Kasse getragen. Sie steht derzeit vielmehr vor der Herausforderung, einen Kurzzeitpflegeplatz zu finden, um selbst in eine Kur gehen zu können. Solche Plätze seien derzeit rar.

Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt

Laut einer Interessenvertretung pflegender Angehöriger werden mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, in neun von zehn Fällen durch die Angehörigen. Viele von ihnen würden an Depressionen leiden.

Neben der Rentnerin aus der Nähe Schorndorfs spricht ein 58-Jähriger über seine Erfahrungen. Er pflegt seine 97 Jahre alte Mutter. Auch er möchte lieber anonym bleiben.

„Sie ist im Kopf noch fit“, erzählt er. Körperlich sei sie inzwischen allerdings eingeschränkt. Sie geht am Rollator, sieht sehr schlecht und hat oftmals starke Schmerzen. Der 58-Jährige wohnt mit seiner Mutter unter einem Dach. Für ihn besteht die Herausforderung vor allem darin, die Pflege mit seinem Beruf zu vereinbaren. „Seit ich meine Mutter pflege, arbeite ich nur noch 80 Prozent“, erzählt der Mann.

Es sei ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man nicht alleine ist

Er fährt sie zu ihren Arztterminen, überprüft, ob sie ihre Medikamente genommen hat, und unterstützt sie im Alltag. Um alles zu schaffen, steht er um fünf Uhr morgens auf.

Der Schorndorfer ist froh darüber, dass er die Pflege nicht alleine schultern muss, er bekommt Unterstützung von Verwandten. Auch wenn es schwer sei, habe er Freude dabei, ihr zu helfen. „Sie ist sehr dankbar“, erzählt er.

Kritik übt der 58-Jährige an dem Behördendschungel, durch den sich die Angehörigen kämpfen müssen. Es sei schwer, herauszufinden, welche Unterstützung einem zustehe, meint er. Schließlich hätten die Kassen kein Interesse daran, die Ansprüche offen zu nennen.

So wie die 78-Jährige habe auch er kaum Zeit für sich. Um über seinen Alltag sprechen zu können, wandte er sich an eine Selbsthilfegruppe (siehe Hilfe für pflegende Angehörige).

„Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man mit den Problemen nicht alleine ist“, sagt er.


Hilfe für pflegende Angehörige

Die Selbsthilfegruppe Pflegende Angehörige trifft sich monatlich in der Cafeteria des Mehrgenerationenhauses (in der Bismarckstraße) in Schorndorf. Dort kommen Menschen zum Austausch über die eigene Situation zusammen. Auch praktische Tipps und Kenntnis der im Pflegegesetz angebotenen Entlastungsmöglichkeiten kommen zur Sprache. Anmeldung und Termine über Gunter Kaiser unter Telefon 0 71 81/4 82 36 68.

Unterstützung erfahren Angehörige auch beim Pflegestützpunkt im Landratsamt Waiblingen. Die Anlaufstelle für Rat- und Hilfesuchende bietet eine kostenlose Beratung zu allen Fragen der Pflege. Das Team zeigt die möglichen Leistungen auf. Es ist telefonisch unter 0 71 51/5 01 16 57 und 0 71 51/5 01 16 58 erreichbar.

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