Schorndorf Bilder: 30 Jahre Schorndorfer Hexen

Schorndorf. Bürgermeister in der Schubkarre, die Rathausbelegschaft im Narrenkäfig - das und vieles mehr haben sich die Hexen an Weiberfasnacht erlaubt. Denn seit 30 Jahren regieren sie für einen Tag die Stadt. Alte Hexen und jüngere erzählen von den besten Aktionen.

Gelbe Tücher, rote Schürzen – in den Farben des Schorndorfer Wappens treiben die warzennasigen Weiber ihr Unwesen. Heute sind vier Generationen dabei: Babys im Kinderwagen, Kleinkinder im Bollerwagen und Teenager bis Urgroßmütter im Häs. Auch die heutige Oberhexe Stefanie Scheirich war schon vor 30 Jahren als Kind dabei. Das Hexengen hat sie von ihrer Mutter, die auch lange Oberhexe war, geerbt. Ihr fallen die Erinnerungen an die Anfänge aber nicht so leicht, wie der ältesten Hexe, Waltraud Häfner. Die 77-Jährige erinnert sich daran, wie einst alles begann. Sie ist Mitglied der Kolpingfamilie, von der Anfang der 80er Jahre die Initiative ausging. „Wir wollten an Fasching Leben in die Stadt bringen“, erzählt sie. Deshalb gab es schon Anfang der 80er den ersten Umzug mit einem Schiff. „Wir haben es Isolde getauft“, erzählt sie. Also nach der Frau des damaligen Bürgermeisters Rudolf Bayler. Das sei allerdings nicht so gut angekommen. Auch in den kommenden Jahren überlegte sich die Kolpingfamilie neue Themen zum Festwagen, in der Hoffnung, dass die anderen Vereine mit aufspringen. Vergebens.

Dann kam Vikar Hermann Barth auf die Idee mit der Hexengruppe. Die nahm die Kolpingfamilie dankend an. „1984 ging es mit den Hexen los“, erinnert sich Waltraud Häfner. Sie und etwa 14 andere Hexen machten sich auf den Weg vor das Amtszimmer von Bürgermeister Reinhard Hanke, um ihm die Leviten in Gedichtform zu lesen. „Später haben wir den Gemeinderat gestürmt“, erinnert sich Waltraud Häfner. Die Sitzungen seinen damals ja auch schon donnerstags gewesen. Einmal habe der Gemeinderat versucht, zu entkommen und in Schornbach getagt. Doch die Hexen hatten gute Verbindungen ins Rathaus. Mit dem Bus ging’s in den Stadtteil. Da seien die Räte ganz schön baff gewesen.

Gehört ein Mann ins Hexenkostüm?


Auch ein Mann war von Anfang an dabei: Reihard Michalsky. „Ich bin auch eine Urhexe“, sagt er. Damals habe man zu ihm gesagt, dass ein Mann nicht in ein Hexenkostüm gehöre. Heute sei das aber ganz normal. Viele Männer verstecken sich hinter den Masken - die Frauen tragen heute eher grüne Schminke und Hakennasen. „Das ist gut, dass wir heute viele Männer dabei haben“, sagt Finanz- und Pressehex Sabine Häfele. „So werden uns die Besen nicht mehr so oft geklaut.“ Die männlichen sind also auch eine Art Bodyguard. Seit Mitte Anfang 2000 ist das Spektakel schließlich ein wenig größer und unübersichtlicher geworden, findet nicht mehr nur vor dem Amtszimmer des Bürgermeisters, sondern vor dem Rathaus statt – samt Tänzern von der SMTV. Dabei schauen dann auch die Schorndorfer mit Schadenfreude zu, wie sich Bürgermeister und Amtsleiter zum Affen machen. Und beim großen Umzug durch die Stadt mit Guggenmusikern ist schon der eine oder andere Besen verschwunden. Aber egal. Denn der Spaß beim Besuch in den Geschäften macht alles wieder wett. „Die Leute dort warten schon auf uns“, sagt Sabine Häfele.

Die ursprüngliche Idee der Kolpingfamilie, einen Faschingsumzug durch Schorndorf zu starten, ist auf diese Weise geglückt. Politische Themen aus der Welt und aus Schorndorf werden dabei zwar nicht an einem Festwagen verarbeitet, aber im alljährlichen Gedicht, das die Oberhex vorträgt. Obwohl, manchmal gibt’s doch einen Festwagen. Zum Beispiel im Jahr 2003 unter dem Motto „Einen Käfig voller Narren“. Den hatte eine motorisierte Hexe auf dem Anhänger. Wer die Narren sind, ist klar. Faschingsmuffel Winfried Kübler war allerdings nicht mit dabei, denn der hatte rechtzeitig Reißaus genommen.

In bleibender Erinnerung blieb auch, wie die Hexen die Rathausbelegschaft in Schubkarren vorgeführt haben. Oder wie Winfried Kübler 2001 Dreck unter den Teppich kehren musste. „das hat er gut gemacht“, sagt Sabine Häfele.

Ganz begeistert sind die Hexen aber vor allem von der heutigen Rathausbelegschaft, die sich selber Gegenmotti überlegt. Besonders originell: Beim ersten Auftritt von OB Klopfer im Jahr 2008 kamen alle als Frauen verkleidet – im Sinne des umstrittenen Themas, ob Schorndorf eine Frauenbeauftragte braucht. Vor allem Andreas Stanicki sei immer voll mit dabei. Er kam mit Ballonbrüsten, die des Öfteren unterwegs platzten und erneuert werden mussten. „Der ist in seinem Aufzug später noch mit uns feiern gegangen“, erzählt Sabine Häfele. Das hat den Hexen gut gefallen.

Und weil es auch Bürgermeistern und Verwaltung so gut gefällt, einen Tag das Hirn auszuschalten und die Hexen in ihre Herzen zu lassen, schmeißt die Stadt dieses Jahr am „Schmotzigen“ ein Fest für sie.

Info

Schon immer durfte sich jeder, der dazu Lust hatte, den Schorndorfer Hexen anschließen. Wer am Donnerstag, 27. Februar, dabei sein will, ist um 12.30 Uhr zum Schminken in die Heilig-Geist-Kirche. Wer nicht geschminkt werden muss, kommt um 13.30 Uhr. Abmarsch ist um 14 Uhr.
Party zum 30.

Die Stadt schmeißt dieses Jahr – auf Aufforderung der Hexen beim „Schmotziga Dorschdich“ 2013 hin – ein Überraschungsfest vor dem Rathaus für sie am Donnerstag, 27. Februar, ab 15 Uhr.

Die Hexen wussten bisher nichts davon. Deshalb kommen zwei Guggamusik-Gruppen, die für Stimmung sorgen: die Noda-Biaga aus Donzdorf und die Querköpf aus Winnenden.

Zum Jubiläum gibt’s Schorndorfer Minihexen zu erstehen.
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