Schorndorf Breuninger-Areal: Ein Stück Industriegeschichte verschwindet

Ein eindrucksvoller Blick auf das zu großen Teilen schon freigeräumte Breuninger-Areal. Mit dem Rückbau des Kamins soll Ende Februar oder Anfang März begonnen werden. Foto: Benjamin Beytekin

Schorndorf.
Nostalgiker und Menschen, denen etwas an Stadt- und Industriegeschichte liegt und die den Gebäudekomplex gerne in irgendeiner Form erhalten hätten, werden das, was derzeit auf dem Gelände der ehemaligen Lederfabrik Breuninger passiert, mit Wehmut, vielleicht sogar mit Trauer und Enttäuschung zur Kenntnis nehmen. Andere sind einfach nur fasziniert, mit welcher Mischung aus brachialer Gewalt und operativer Präzision da ein Stück Schorndorfer Industriegeschichte – als 2008 der Insolvenzantrag für die Traditionsfirma Christ. Breuninger GmbH & Co. KG gestellt wurde, gab es das Unternehmen seit 165 Jahren – Stück für Stück von der Bildfläche und damit auch aus dem Bewusstsein verschwindet. Wobei es für Bianca Reinhardt Weith, die baden-württembergische Niederlassungsleiterin der Instone Real Estate Development GmbH, die auf dem Areal rund 230 neue Wohnungen baut, aus heutiger Sicht erst recht keine Frage mehr ist, dass es richtig war, im Planungs- und Gestaltungswettbewerb auf eine Neubaulösung ohne historische Kompromisse zu setzen. „Es wäre unwirtschaftlich gewesen, die historische Substanz zu erhalten oder Teile davon wiederherzustellen“, sagt die Niederlassungsleiterin.

Noch nicht klar, ob der Name „’s Lederer“ bleibt

Und so wird sich die stadt- und industriegeschichtliche Erinnerung letztendlich auf eine in eine Fassade integrierte Anmutung des alten Bestandes und ein paar innerhalb der Freibereiche zwischen den einzelnen Gebäuden platzierte Reminiszenzen beschränken. Und ob der derzeitige Name „’s Lederer“ bleibt, unter dem die Instone Real Estate Development GmbH das Projekt realisiert, ist auch noch nicht klar. Das sei dann, sagt Bianca Reinhardt Weith, die Sache der GWG (Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau Baden-Württemberg AG), die den Wohnungsbestand, der ausschließlich aus Mietwohnungen besteht, im Auftrag der R+V Lebensversicherung AG vermietet und verwaltet. Dass die Instone Real Estate Development GmbH als Projektentwicklerin den gesamten Wohnungsbestand nach Fertigstellung schlüsselfertig an die R+V Lebensversicherung AG verkauft, ist bereits vertraglich geregelt.

„Wie filigran die Menschen mit den schweren Maschinen umgehen“

Nicht nur für die, die sich die Abbrucharbeiten teilweise täglich durch den Bauzaun oder – wie Stadtbau-Geschäftsführer Martin Schmidt – aus einer etwas erhöhten Perspektive anschauen, ist’s beeindruckend, mit welcher Präzision beim Rückbau der verschiedenen Gebäudeteile zu Werke gegangen wird. Auch für Bianca Reinhardt Weith und ihre Projektentwickler Florian Steuer und Rainer Tichy ist’s ein durchaus faszinierendes Schauspiel, „wie filigran die Menschen mit den schweren Maschinen umgehen“ und wie fast schon behutsam die einzelnen Bauteile herausgepflückt und separiert werden. Insgesamt, so Rainer Tichy, dürften bei einem Raumvolumen von rund 150 000 Kubikmetern einige zehntausend Kubikmeter Baumaterialien anfallen, von denen so viel wie möglich in die Wiederverwertung gehen soll.

Das gilt für Holz, Stahl und Kupfer, aber auch die Ziegel sollen nicht einfach entsorgt, sondern der Wiederverwertung zugeführt werden. Und auch für die alten Fenster gebe es Interessenten, sagt Tichy und verweist in diesem Zusammenhang auf die im Vorfeld durchgeführten Schadstoffgutachten, die ergeben haben, dass es sich bei den Breuninger-Hinterlassenschaften – von einigen Asbestabdeckungen und Ölrückständen abgesehen – um „relativ cleane Gebäude“ handelt. Mit einer, wie die Niederlassungsleiterin ergänzt, durchaus respektablen Projektgröße, die sich aber in dem Rahmen bewege, „was wir gewohnt sind“. Zur Einordnung: Die Instone Real Estate Development GmbH ist derzeit in Baden-Württemberg in ganz unterschiedlichen Phasen mit dem Bau von etwa 1300 Wohnungen befasst.

Rückbau des Kamins beginnt Ende Februar oder Anfang März

Mittlerweile gibt es auch einen Fahrplan für den Rückbau des Kamins. Ende Februar oder Anfang März soll laut Rainer Tichy die Spitze des Kamins abgetragen werden und dann soll der Kamin ein Stück weit von oben nach unten in sein Inneres hineingebrochen werden, ehe er dann vollends Stück für Stück abgetragen wird – auch das wieder einerseits mit schwerem Gerät und andererseits mit ganz viel Fingerspitzengefühl seitens derer, die die Maschinen bedienen. Wenn es so weit ist, wird um den Kamin herum von der alten Bausubstanz nicht mehr viel zu sehen sein, und wenn auch der Kamin abgebaut ist, beginnen die Aufräumarbeiten. Bis Ende April oder Anfang Mai soll nur noch eine große plane Fläche daliegen, auf der dann die Bauarbeiten, beginnend mit dem Aushub für die Tiefgarage, beginnen sollen. Die Wohngebäude selber sollen nach und nach von Norden nach Süden, also von der Mühlgasse her in Richtung Heinkelstraße entwickelt werden. Und 2023 soll’s dann so weit sein, dass die Wohnungen vermietet sind und bezogen werden können. Und dass sich nach und nach so etwas wie ein Quartiersgedanke entwickelt.

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