Schorndorf/Winnenden Winnender Chefärzte: Schorndorfer Klinik hat keine Zukunft

Schorndorf/Waiblingen. Nach gut einer Stunde war die Klausursitzung des Kreistages bereits beendet. Die Kreisräte hatten vom Klinikengeschäftsführer Dr. Marc Nickel und Landrat Dr. Sigel nichts Konkretes über das medizinische Konzept der Kliniken erfahren. Kein Wunder. Ein Brief von zwölf Chefärzten des Klinikums in Winnenden hat die Tagesordnung in letzter Minute über den Haufen geworfen. Aus ihrer Sicht hat die Schorndorfer Klinik keine Zukunft.

„Kein Kommentar“ war das Äußerste, was die zum Schweigen verdonnerten Kreisräte gestern Nachmittag nach der Klausurtagung über deren Verlauf sagten. Mit „brenzlig“ beschrieb CDU-Kreisrat Stefan Breiter die Stimmung im Bürgerzentrum Waiblingen. Der Remshaldener Bürgermeister ist wie Thomas Bezler von der ÖDP ein Novize im Kreistag und trägt keine Altlast in der Krankenhausdebatte mit sich herum. „Bitte positiv schreiben“, bat Bezler ganz staatstragend – ohne eine solche gute Nachrichten in den Block diktieren zu können. „Genug gegackert“, meinte der alte Hase Jürgen Hofer (FDP/FW) auf die Frage, wie aus seiner Sicht die Lage sei. Er, der altgediente Kreisrat, müsse nicht mitgackern. Er fühle sich verarscht, grummelte indes ein Schorndorfer Kreisrat auf die Frage, was es Neues gegeben habe.

Scheinbar gut gelaunt verließ Reinhold Sczuka, der CDU-Fraktionsvorsitzende, das Bürgerzentrum. Er deutete immerhin an, weshalb die Klausursitzung nach gut einer Stunde bereits beendet war und die Kreisräte sich über das Buffet hermachen durften. Es stehe noch die Einigung über das medizinische Konzept aus, zumal am Donnerstag die Hiobsbotschaft öffentlich wurde, dass für die Sanierung des maroden Schorndorfer Krankenhauses womöglich bis zu 100 Millionen Euro aufgebracht werden müssen (wir haben berichtet). Eine Zahl, die Insider bereits seit November 2015 kennen. Erst müsse das künftige medizinische Konzept geklärt sein, so Sczuka, dann könne über die Zukunft des Schorndorfer Krankenhauses geredet werden. Ein Verfahren, das wohl auf der Hand liege.

Warnung vor einer „Fehlinvestition in dreistelliger Millionenhöhe“

Insofern hätte Landrat Sigel die Klausursitzung gleich wieder absagen können. Er tat dies nicht, um nach der Veröffentlichungen des Schorndorfer Fiaskos keine schlafenden Hunde zu wecken. Viel brisanter als die zu anstehende Sanierung ist jedoch das Positionspapier, das die Chefärzte des Rems-Murr-Klinikums Winnenden über Ostern verfasst haben. Es wirft das bisherige Konzept von Geschäftsführer Marc Nickel schlicht über den Haufen. Pikant an der Geschichte ist: Noch Mitte März hatten die Chefärzte bei einer Präsentation gegenüber Landrat Sigel den Eindruck erweckt, es sei alles in Butter und es gebe keinen Widerspruch.

Tut er doch. Und was für welchen! Klar geworden sind den Winnender Chefärzten die Widersprüche offenbar über Ostern, während Nickel zwei Wochen in Urlaub weilte. Die Chefärzte lehnen eine mögliche Sanierung und Aufwertung des Standorts Schorndorf schlicht ab. Sie warnen mit Blick auf die ihrer Meinung nach nachrangige Bedeutung von Schorndorf vor einer „Fehlinvestition in dreistelliger Millionenhöhe“. Die Chefärzte tragen Nickels Konzept nicht mit, dass das Schorndorfer Krankenhaus eine Art Kopie des Winnender Klinikums darstellt und möglichst viele der in Winnenden abgebildeten Abteilungen durch einzelne abgesandte Ärzte auch in Schorndorf vertreten sein sollten. Dadurch würden Kompetenzen am Standort Winnenden verwässert und Doppelstrukturen aufgebaut. Und trotz des hohen Personaleinsatzes in Schorndorf könne doch keine Gleichwertigkeit erreicht werden.

Der Vorschlag der Chefärzte, wohlgemerkt alle des Klinikums in Winnenden, ist radikal. „Allenfalls vorstellbar wäre für die Runde, einen Grund- und Regelversorger mit zweistelliger Bettenzahl (Chirurgie und Innere Abteilung) am Standort Schorndorf zu belassen.“ Bisher hat das Schorndorfer Krankenhaus 286 Betten, ist als Schlaganfall- und Traumazentrum zertifiziert. Es bietet acht Fachkliniken, darunter die Unfallchirurgie und Orthopädie, „die für eine besondere Expertise auf dem Gebiet der speziellen Wirbelsäulen- und Beckenchirurgie sowie der Endoprothetik“ steht.

Für die Winnender Chefärzte liegt die Zukunft der Rems-Murr-Kliniken ausschließlich in Winnenden. „Kleinere Kliniken werden verschwinden“, weist das Positionspapier auf den Trend zu medizinischen Zentren hin. Dies sei durch den hohen apparativen und personellen Ressourceneinsatz bei bestimmten Fachrichtungen wie der Onkologie, Gefäßchirurgie oder Kardiologie auch sinnvoll. Abschließend versichern die Winnender Chefärzte, dass sie auch Nickels und Sigels Konzept mittragen würden, „sollte der politische Willen ein unbedingtes Beharren auf den Standort Schorndorf beinhalten“. Völlig unmöglich ist es jedoch ihrer Meinung nach, auf diese Weise die hoch defizitären Kliniken sanieren und Schulden abbauen zu können. Geschweige denn halten sie eine so teure Investition in Schorndorf für politisch vermittelbar im Kreis.

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