Schorndorf Demo gegen rechts – und der Blick nach Kahla

Jan Schönfeld ist Ende April zum neuen Bürgermeister von Kahla gewählt worden. Foto: Privat

Schorndorf/Kahla. Schorndorf steht am Samstag, 10. November, Punkt 10 Uhr, auf dem Unteren Marktplatz auf gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. So etwas, räumt der neue Bürgermeister der thüringischen Partnerstadt Kahla, Jan Schönfeld, ein, wäre in seiner Stadt undenkbar. In Kahla, so der Tenor eines Telefongesprächs mit dem 47-jährigen Bürgermeister, sind die Menschen froh, wenn sie von den Rechten in Ruhe gelassen werden.

Als er hört, dass es in Schorndorf zu einer von einem breiten bürgerlichen Bündnis getragenen Demonstration kommt, bei der bis zu tausend Teilnehmer erwartet werden, ist er schwer beeindruckt. So etwas, räumt er ein, sei in Kahla nicht vorstellbar.

In einem „Spiegel online“-Bericht, der vom Juli dieses Jahres stammt, reagiert er auf den Vorwurf der Gleichgültigkeit seiner Bürger gegenüber rechtsradikalen Umtrieben, mit der Feststellung, das lasse „sich nicht von außen ändern“. Die Kahlaer seien nun einmal „konservativ zurückhaltend: Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.“

„Wir sind eine Stadt, in der man sich frei bewegen kann“

Der 47-Jährige meint damit aber ganz sicher nicht die rechtsextremen bis rechtsradikalen Umtriebe, die Spiegel online aufgelistet hat und über die teilweise auch schon an dieser Stelle berichtet worden ist. Letzteres gilt zum Beispiel auf den Angriff auf den örtlichen Demokratieladen – übrigens nicht der erste –, der im Februar 2016 fast in Flammen aufgegangen wäre.

Was umso tragischer hätte enden können, weil sich über dem Laden Wohnungen befunden haben. Der Tatverdächtige, laut Spiegel online ein stadtbekannter Rechter, wurde zunächst freigesprochen und dann vom Landgericht Gera wegen schwerer Brandstiftung zu drei Jahren und drei Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt.

Jüngster Vorfall in einer längeren Reihe von mehr oder minder gravierenden Vorkommnissen ist ein auf Mitte April datierter Angriff von Besuchern eines örtlichen Dart-Clubs auf zwei 17-jährige Flüchtlinge aus Afghanistan, die unter Schlägen bis in ihre Unterkunft verfolgt worden sein sollen. Bei den Angreifern soll es sich um ortsbekannte Rechte und Mitglieder der Burschenschaft „Normannia zu Jena“ gehandelt haben.

Von „Angsträumen“ in Kahla will Jan Schönfeld nichts wissen

„Die genannten Vorfälle stimmen alle“, sagt der Bürgermeister und legt gleichzeitig Wert darauf, dass sie sich entgegen dem Eindruck, den der Spiegel-Bericht erweckt habe, in einem über mehrere Jahre erstreckenden Zeitraum abgespielt hätten.

Er wolle, sagt der 47-Jährige, „nichts schönreden“, aber es auch nicht unwidersprochen stehenlassen, dass Kahla die neue Hochburg oder auch nur „Thüringens rechte Komfortzone“ sei, in die sich auch ausgewiesene Neonazis gerne zurückzögen.

Und auch von „Angsträumen“ in der an sich beschaulichen Kleinstadt Kahla will Jan Schönfeld nichts wissen. „Es gibt Problemfälle, aber es ist nicht so, dass Rechtsradikale und Neonazis das Stadtbild prägen“, sagt der Bürgermeister und fügt hinzu: „Wir sind eine wunderschöne Stadt, in der man sich jederzeit frei bewegen kann.“ Und was den Angriff auf die beiden jungen Männer aus Afghanistan angehe, so hätten die Ermittlungen der Polizei im Nachhinein ergeben, dass zunächst einmal die Jugendlichen gewalttätig geworden seien.

Zwei NPD-Mitglieder im Stadtrat, die aber nur selten zu sehen sind

Nicht bestreiten kann und will der eigenem Bekunden zufolge ganz bewusst parteilose Bürgermeister auch, dass die NPD bei der letzten Kommunalwahl 8,6 Prozent der Stimmen bekommen und sich zwei Sitze im Gemeinderat gesichert hat.

Allerdings, so Jan Schönfeld, blieben diese beiden Stadträte den Sitzungen entweder ganz fern oder verließen sie gleich wieder, nachdem sie irgendwelche Erklärungen verlesen hätten. Und dass sich ein Mitglied der CDU-Fraktion ausgeklinkt und sich der AfD verschrieben hat, hat sich insofern erledigt, als der Abtrünnige mittlerweile verstorben und ein CDU-Stadtrat nachgerückt ist. Wobei es um den Tod des Stadtrats, der laut Schönfeld ein tragischer Selbstmord war, in der rechten Szene zunächst einmal wilde Verschwörungstheorien gegeben hat.

Spiegel online hat die „Burg 19“ als Neonazi-Treff identifiziert

Aus alledem, so Jan Schönfeld, lasse sich aber nicht ableiten, dass es in Kahla nachvollziehbare Strukturen von Rechtsradikalen und Neonazis gebe. Eine NPD-Liste werde es bei den nächsten Kommunalwahlen im Frühjahr 2019 sicher nicht mehr geben, und ob von der AfD, die in Kahla bislang nur über einen Freundeskreis verfüge, etwas komme, lasse sich derzeit noch nicht absehen.

Rechte Demonstrationen und Veranstaltungen wie etwa einen „Tag der Jugend“ habe es in den vergangenen Jahren zwar immer mal wieder gegeben, aber grundsätzlich träfen sich die Rechten in Kahla „eher privat“ oder es schwappe hie und da eine braune Welle aus Jena in die Kleinstadt.

Ganz so entspannt wird das anderswo nicht gesehen: Spiegel online hat die „Burg 19“, ein heruntergekommenes Gebäude im Zentrum, als Neonazi-Treff ausgemacht, in dem sich zumindest zeitweise ein enger Mitarbeiter des wegen Beihilfe zum Mord verurteilten NSU-Waffenbeschaffers Ralf Wohlleben aufgehalten haben soll.

Und ein Mitarbeiter einer Beratungsstelle, die landesweit Opfer rechter und rassistischer Gewalt betreut, spricht im Spielgel-Bericht davon, dass Opfern immer wieder erklärt werden müsse, dass Kahla kein sicherer Ort für sie sei.

„Es ist bei uns schwierig, die Mitte der Gesellschaft zu bewegen“

Zitiert wird allerdings auch Pfarrer Schubert, der sagt: „Man kann in Kahla ganz gut leben, ohne Berührungspunkte mit Neonazis zu haben.“ Anders gesagt: Man kann in Kahla gut leben, so lange man keine Berührungspunkte mit Nazis hat. Und die werden, wie Bürgermeister Jan Schönfeld auf Nachfrage bestätigt, nun halt mal auch dadurch vermieden, dass niemand aufsteht und es zu keiner Demonstration wie der in Schorndorf am Samstag kommt, die im Übrigen aufgrund einer privaten Initiative zustande kommt.

„Es ist bei uns schwierig, die Mitte der Gesellschaft zu bewegen“, räumt der Bürgermeister ein – und auch, dass die rechtsradikalen Umtriebe kein Dauerthema in der Kommunalpolitik und im Gemeinderat sind.

Nach dem „Spiegel online“-Artikel allerdings sei es im Gemeinderat zu einer Diskussion gekommen, deren Tenor der 47-Jährige so wiedergibt: „So sind wir nicht und so wollen wir nicht dastehen.“ Sondern als eine charmante, liebenswerte und weltoffene Stadt mit einem grundsätzlich rassismusfreien Gymnasium („Die Schüler putzen vor dem Gedenken an die Reichspogromnacht die Stolpersteine“), deren Besuch sich allemal lohne.


Der Nachfolger von Claudia Nissen-Roth

Ende April ist Jan Schönfeld zum neuen Bürgermeister der Schorndorfer Partnerstadt Kahla gewählt worden. Der 47-Jährige, der schon nach dem ersten Wahlgang knapp vorne gelegen war, setzte sich im zweiten Wahlgang mit 55,4 zu 44,6 Prozent gegen die Amtsinhaberin Claudia Nissen-Roth durch.

Im Gegensatz zu Nissen-Roth, die die südlich von Jena gelegene Kleinstadt im mittleren Saaletal mit ihren rund 7300 Einwohnern als Linke geführt hat, gehört Schönfeld den Freien Wählern an, für die er vor seiner Wahl zum Bürgermeister auch im Gemeinderat saß. Außerdem war er als Inhaber eines Reisebüros, das jetzt hauptsächlich von seiner Frau und einer Mitarbeiterin weitergeführt wird, einige Jahre lang Vorsitzender der Gewerbegemeinschaft Kahla. Und die guten Kontakte und die vielen Gespräche, die er in dieser Funktion geknüpft beziehungsweise geführt habe, seien es letztendlich auch gewesen, die ihn zur Kandidatur bewogen hätten, sagt Jan Schönfeld, der seinen Antrieb einem Bericht der Ostthüringischen Zeitung zufolge so zusammengefasst hat: „Kahla hat Potenzial. Das möchte ich ausschöpfen.“

„Es ist spannend und es ist viel zu tun, und ich bemühe mich, immer mehr Fuß zu fassen“, sagt der 47-Jährige auf die Frage, wie es ihm in seinem neuen Amt ergehe. In Schorndorf war er als Bürgermeister noch nicht. Er kennt die Stadt aber schon von einem inoffiziellen früheren Besuch. Da war er mit seiner Frau zusammen bei einem Konzert in Stuttgart und hat – zufällig während der SchoWo – einen spontanen Abstecher nach Schorndorf gemacht. Und hat, wie er sagt, die Stadt und das Stadtfest „sehr beeindruckend“ gefunden. Vielleicht klappt’s ja mit einem offiziellen Besuch anlässlich des Neujahrsempfangs im Januar. Bislang ist noch keine Einladung bei Schönfeld eingegangen.

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