Schorndorf Der Bart als letzte Bastion des starken Geschlechts

Dominik Sardella (36), gelernter Friseurmeister mit modischem Vollbart, in seinem Schorndorfer altmodisch behaglichen Barbershop. Foto: Gaby Schneider / ZVW

Schorndorf. Friseur? War gestern. Nur Frauen, die stundenlang ihre Haare pflegen lassen? War auch gestern. Heute ist’s der Mann, der in einen der aus dem Boden schießenden Barberhops geht und sich bei Whisky oder Gin nicht nur den neuesten Cut verpassen, sondern auch das Bärtchen stutzen, kraulen und parfümieren lässt. Dominik Sardella betreibt in Schorndorf den Laden „Rockabillys & Gents“ und hat sich seinen Reim auf die haarige Sache gemacht.

Woher also die neue Lust des Mannes am Bart? Dominik Sardella lacht. „Ich hab’ mir das selber lang überlegt. Meine Antwort: Es geht um die Emanzipation der Frau!“ Wir staunen. Wie das? Nun, so der Fachmann, „die Frauen werden immer emanzipierter. Es gibt nichts Großartiges mehr, was die Männer für sich behalten haben. Die Frauen haben alles übernommen.“ Er sagt das gänzlich ohne Eifer oder Selbstmitleid. „Der Bart, das ist unsere Bastion.“ Aha.

Benny, Anfang 20, sein Kunde während unseres Gesprächs, erklärt, warum er inzwischen einmal monatlich auf einem der schweren Lederstühle bei Dominik Platz nimmt. „Man musste sich beim Friseur immer anpassen. Da waren so viele Frauen, es wurde immer geredet. Und dann ging dauernd der Föhn.“ Dominik stellt klar: „Wir hassen Frauen nicht, aber wir haben unsere eigenen Gesprächsthemen.“ Im Barbershop, so viel wird klar, sind Männer gerne unter sich.

Frauen geben ihre Männer ab, gehen shoppen und holen sie dann wieder

Und doch geht just in diesem Moment die Tür auf, eine Frau mittleren Alters kommt herein und möchte einen Geschenkgutschein, „Bartpflege mit allem, für meinen Sohn. Ein Weihnachtsgeschenk.“ Sardella hat seinen Schorndorfer Laden vor drei Jahren gegründet und macht auch noch andere Erfahrungen. „Inzwischen geben Frauen hier ihre Männer ab, gehen shoppen und holen sie nachher wieder.“ Er selbst, sagt er, war einer der Ersten mit Vollbart.

Daraufgekommen ist er bei einer Oscar-Verleihung vor einigen Jahren. „Wenn jeder Schauspieler einen Bart trägt, muss das was bedeuten.“ Sein Instinkt sagte ihm: „Ich glaube, das könnte Mode werden.“ Und es wurde Mode. „Bei uns geht’s darum, den Kunden aufzubauen“, sagt er. „Auch Männer wollen sich wohlfühlen.“ Bei ihm dauert eine Session volle 45 Minuten. Warme Kompressen, Haarschnitt, Bartpflege oder „Hot Towel Shave“, Pomaden, ein Schlückchen alten Whiskey, mousse à barbe, duftende Bartöle. Tatsächlich auch Parfüm? Aber ja. „Jeder Mann hat eine weibliche Seite. Wir weinen halt heimlich.“

Der Kampf der Geschlechter also, dem hier, bei „Rockabillys & Gents“, ein wohliger Rückzugsort geboten wird. Der Bart, die letzte Bastion des Mannes.

Laut dem Duden-Herkunftswörterbuch hieß das Wort Bart schon im Mittel- und Althochdeutschen genauso, bedeutete früher wohl aber eigentlich oder auch Borste oder bezeichnete Borstiges. Borste stammt vom althochdeutschen Burst (Emporstehendes) ab.

Geht man noch weiter in die Sprachgeschichte zurück, so vermuten Linguisten sogar bereits ein proto-indoeuropäisches bhardheh2 – wovon sich auch schließlich das lateinische barba abgeleitet habe. Und von barba stammt auch das Wort Barbier.

 

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