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Schorndorf Die Frauen wurden immer vergessen

Autorin Eleonore Dehnerdt stellt in der Mediathek ihr neues Buch vor: „Und Barbarossa weinte - in Memoriam Kaiserin Beatrix von Burgund“ Foto: Büttner / ZVW

Urbach. „Die Helden der Geschichte werden zur Genüge hochgehalten und besungen, darum wende ich mich grundsätzlich Frauen zu“, sagt Autorin Eleonore Dehnerdt. Darum hat sie Beatrix von Burgund als Heldin ihres neuen Romans auserkoren, die Frau an der Seite von Stauferkaiser Friedrich I. „Und Barbarossa weinte – in Memoriam Kaiserin Beatrix von Burgund“ lautet der Titel des Buches, das sie ihrer Heimatgemeinde gewidmet hat: Urbach.

„Barbarossa, Kaiser Rotbart, war für mich eine tolle Sagengestalt“, schwärmt sie über den berühmten Staufer, eine Herrscher-Dynastie im Mittelalter. Da sie jedoch wieder eine Frau würdigen wollte, unter anderen schrieb sie über Katharina von Bora, „die starke Frau an Luthers Seite“, schaute sie nach Barbarossa Ehefrau „und bin dort sehr fündig geworden!“ Beatrix von Burgund heiratete 1156, mit etwa zwölf Jahren, Kaiser Friedrich Barbarossa. Eine Liebesheirat war es nicht, aber es wurde eine Liebesgeschichte, sagt Eleonore Dehnerdt. Die Vermählung hatte politische Hintergründe. Beatrix war die erbberechtigte Tochter des verstorbenen Grafen von Burgund. Sie war also eine sehr gute Partie – und für Eleonore Dehnerdt eine passende Romanfigur.

„Ich schreibe sehr gern über eine Frau, weil man dann die Gesellschaft und die Geschichte viel umfangreicher beschreiben kann. Ich skizziere, was ein Leben ausmacht“, schildert die Autorin. „Die Frauen wurden immer vergessen. Man weiß gar nicht mehr, was die bewirkt haben!“ Und so begab sie sich zwei Jahre auf Spurensuche. So lange habe sie in etwa für ihre Erzählung recherchiert und ein Jahr geschrieben. Bisher gebe es keinen Roman über diese Frau.

Wie geht sie als Autorin vor? „Man hat sich in jemanden verliebt und will mehr über ihn wissen. Ich sitze nicht da und denke mir eine Geschichte aus.“ Sie schreibt über Frauen, die interessant sind, da müsse sie „graben“ und fündig werden. „Ich brauche ganz viele Fakten.“ Sie hole sich eine Fülle an Informationen, studiert Biografien, Geschichtsbücher und mehr. Wenn es geht, müsse man als Autor zu den Orten reisen, an denen sich die Menschen aufgehalten haben. Außerdem müsse man sich mit Leuten zusammentun, die die Sache auch betreiben, also Historikern, Kennern, die sich für Geschichte interessieren, müsse Musiker treffen – und ihnen lauschen –, die zeitgenössische staufische Musik spielen. Die Recherche sei kompliziert.

Manche Quellen widersprechen sich. Wer sich am Hof aufhielt, welche Kleider die Menschen trugen, welche Musik gespielt wurde, das alles ist schwer nachzuvollziehen. Geburtsdaten sind sogar bei Königen und Kaisern schwer zu finden. Warum sich die Mühe machen, ein Geburtsdatum festzuhalten, wenn viele Kinder in jungen Jahren eh sterben? Die genaue Zahl der Kinder von Beatrix und Friedrich ist nicht überliefert. Mindestens elf waren es. Immerhin: Wer Geschichte geschrieben hat, dessen Todesdaten wurden festgehalten. „Das ewige Leben begann mit dem Tod.“

Fakten loslassen, damit die Kunst nicht erschlagen wird

„Ich sammle Fakten und lege die Puzzleteile zusammen.“ Sie müsse die Wissenschaft oft „loslassen, damit sich das Leben entfalten kann“, sich von den Fakten freischaufeln, sonst werde die Kunst erschlagen. Und doch gelte es, die Fakten möglichst wahrheitsgetreu wiederzugeben, aus ihnen Szenen zu machen, Dialoge zu stricken. „Man muss sich Freiheiten nehmen, sonst kann man einen Romanen nicht schreiben“, hat sie festgestellt. Wer Emotionen vergesse, könne keine Geschichte erzählen. Als Autorin dürfe sie sich dabei nicht fragen, wie sie sich früher gefühlt hätte, beispielsweise als 24 Zeugen dem Brautlager des jungen Paares beiwohnten, sondern wie sich die Frauen damals gefühlt haben. „Die Zeit muss durchkommen!“ Damals herrschten andere Werte, andere Sitten, andere Bräuche. „Gott war nicht wegzudenken!“ Die Welt sei außerdem bildlich und voller Symbole gewesen. Doch die Gefühle seien damals wie heute noch die gleichen. „Stolz, Schmerz und Mut, aber die Umstände haben sich verändert.“ In ihrem Roman über Beatrix lässt sie auch andere Menschen lebendig werden. Das Kaiserpaar habe Kontakt zu Hildegard von Bingen und Bernard von Clairvaux gehabt, Rainald von Dassel sei Barbarossas Manager gewesen, „das ergibt ein Zeitbild“, sagt die Autorin.

Was war Beatrix für eine Person? „Sie war selbstbewusst und gebildet, eine junge und schöne Frau!“ Sehr wahrscheinlich intelligenter als ihr Ehemann. Der war wohl aber ein Sympathieträger mit gutem Manager. Dehnerdt lässt Baudolino sagen: „Sie war das zarteste und zugleich stärkste Wesen unter allen Frauen, die ich je sah. Gleich trockenen Papyrus, der die Tinte in sich aufsaugt, bedachte sie alles und vergaß nichts. Was ich andere so mühsam lernen sah, dazu war sie geboren.“

Die Geschichte von Beatrix schildert ein Troubadour namens Baudolino. „Als ich Baudolino hatte, wusste ich, wie ich die Geschichte erzählen kann“, so Eleonore Dehnerdt. Sie beschreibt eine Frau aus einem männlichen Blickwinkel. „Wenn man über eine Frau schreibt, kann man andere Fäden ziehen“, sagt sie. Beatrix sei immer mitgeritten, als ihr kaiserlicher Gemahl durch die Lande zog. „Ich weiß nicht, wie sie elf Kinder bekommen hat.“

Urbacher Wurzeln und Sehnsucht

Eleonore Dehnerdt wurde 1956 geboren. Seit 2011 ist sie freie Schriftstellerin. Die Romanbiografie „Und Barbarossa weinte. In Memoriam Kaiserin Beatrix von Burgund“ (306 Seiten, Manuela Kinzel Verlag) kostet 15 Euro.

„Diesen Roman widme ich der Gemeinde Urbach und meinen Geschwistern“, schreibt sie in ihrem Buch. „Obwohl ich mit 17 Jahren in die Fremde zog, habe ich immer einen nahen Kontakt in den Süden gehalten.“ Wenn sie ein neues Buch geschrieben hatte, habe die Gemeinde sie immer eingeladen, es in Urbach vorzustellen. „Mein schöner, geheimnisvoller Geburtsort Urbach machte aus mir einen wissbegierigen und liebenden Menschen. Dieser Ort gab mir Wurzeln und entfachte gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach einem größeren Horizont, nach mehr Erde und noch mehr Himmel.

In meiner Kindheit faszinierte mich die Geschichte der Staufer. Mein Elternhaus stand am Ende der Burgstraße. Dem Urbacher Ritter Gerundus ist die Ersterwähnung des Ortes zu verdanken. Er reiste mit Barbarossa. Was liegt einer Autorin näher, als über die eigenen Wurzeln zu schreiben?“

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