Schorndorf Die Thesen von Anti-Gender-Aktivistin Birgit Kelle

Schrieb mit „Gender-Gaga“ einen Bestseller. Birgit Kelle (40) in der Schurwaldhalle Oberberken. Foto: Schneider / ZVW

Schorndorf-Oberberken. Beim Thema „Gender“ hört der Spaß für Birgit Kelle auf. Obwohl es in ihrem Vortrag, manchmal sogar recht lustig, lang und breit um Sex und Geschlecht ging. Ihr eigentliches Thema aber sei „Gerechtigkeit für die Familie.“ Als gefährlich bezeichnete sie das „Gendern“ da, „wo sie nach unseren Kindern greifen“ und erklärte unter großem Beifall: „Wir haben gerade erst angefangen, uns zu wehren!“

Das Problem, das noch alle Redner der vielen Anti-Gender-Veranstaltungen der vergangenen Monate hatten, war, dass sie ihren Gegner erst mal aufbauen mussten. Denn erst mit gut zwanzigjähriger Verspätung hat sich rumgesprochen, dass das sogenannte Gender-Mainstreaming staatliche Verbindlichkeit bekommen hat. Vorher will’s keiner auch nur bemerkt haben. So zeigte sich nach Birgit Kelles fast zweistündigem Vortrag denn auch Claus Paal entsetzt darüber, „welche Dramatik“ die Sache habe.

Dritte Toilettentür für alle, die sich nicht als Mann oder Frau verstehen

Drama, aber auch Komödie kamen „bei diesem fremden Begriff“ bei Kelle denn auch nicht zu kurz. „Gender Mainstreaming greift in unser aller Leben ein“, sei aber nicht demokratisch legitimiert, so Kelle, denn „es musste nie nach einer Mehrheit fragen, weil es von oben nach unten weiter- gereicht wurde“. Das ursprüngliche Vorhaben, dass etwa in politischen Entscheidungen „alles durch die Genderperspektive betrachtet werden soll“, weil Männer und Frauen unterschiedlich von ihnen betroffen wären, sei „eigentlich okay“, befand die Mutter von vier Kindern. „Was jetzt daraus geworden ist, das ist das Problem.“ Und „hat uns überrollt!“

Denn was jetzt geschehe, „hat nichts mehr mit Gleichberechtigung zu tun“. Es sei „nicht mehr von Mann und Frau die Rede, sondern von sexuellen Vorlieben“. Denn „diese Leute sprechen auch von Heterosexualität als antrainierter Form von Zwangsheteronormativität“. Und wie wird „so ein Schwachsinn umgesetzt?“ Durch die Sprache, erklärte Birgit Kelle und hatte dann mit ihren vielen gagaesken Beispielen die Lacher auf ihrer Seite. „Wie spricht man ein großes ‘I’ in BürgerInnen?“ fragte sie und gab genüsslich eine lange Liste von Sprachverrenkungen wieder, die gerade tatsächlich um Akzeptanz ringen. Lacher gab’s über das Beispiel eines Medizinstudenten, der seine „Arbeit über Prostatakrebs gendern sollte“. Schön auch die Geschichte, dass es – natürlich in Berlin – in drei Bezirken neben der Damen- und Herrentoilette noch eine dritte Tür „für alle, die sich nicht als Mann oder Frau verstehen“ gebe. „Berlin hat zwar keinen neuen Flughafen aber eine dritte Tür in den Toiletten!“ Aber auch „in Wien drehen sie völlig durch, da haben die Grünen im Conchita-Wurst-Fieber beantragt, regenbogenfarbene Zebrastreifen einzuführen“.

„Es ist die Rückkehr der Pädophilen, die wir gerade erleben!“

Aber auch an Deutschlands Unis mit ihren von Kelle gezählten 160 Lehrstühlen für Gender Studien, geht es reichlich gaga zu. So habe, sagte sie, eine Studie in NRW herausgefunden, „dass Männer und Frauen den Wald anders erleben. Wow!“ Zum Komödienteil gehörte auch die Studie, „ob es einen Unterschied macht, ob Frauen oder Männer auf einem Pferd sitzen. Das Ergebnis: Dem Pferd ist es egal.“

Diese Lehrstühle, so Kelles Forderung, gehören abgeschafft. Aber auch bei der Frauenquote, so die talkshow-erprobte Rednerin, „läuft die Debatte völlig schief“. Etwa wenn bei Polizei oder Bundeswehr Leistungsstandards herabgesenkt würden, nur damit „Frauen mitmachen können“.

Richtig dramatisch aber intonierte Birgit Kelle dann den eigentlichen Kampf, den um die Kinder. „Unser Sexualkundeunterricht ist nichts anderes als ein Kinderverhinderungsunterricht!“ So wären „diese Bildungspläne für sexuelle Vielfalt ein Umsetzungsinstrument“ des gesellschaftsverändernden Gendermainstreamings. „Wir verweigern den Kindern damit, ihre Identität zu finden.“ Sie beschrieb unter anderem ein Spiel, angeblich in Hamburg praktiziert, in dem Kinder ein Bordell erstellen sollen, „mit Zimmern, wo jede Vielfalt bedient wird!“ Das sei „neuerdings Bildung“. Sie ist sich sicher und bekam lauten Beifall dafür: ,„Es ist die Rückkehr der Pädophilen, die wir gerade erleben“. Und „wir Eltern sind da nur der Störfaktor“.

Es folgte, wieder sehr beklatscht, ein Plädoyer für die „normalen Familien, die das Land am Laufen halten“, denn „achtzig Prozent der Kinder leben bei ihren leiblichen Eltern. Ehe für alle und Adoptionsrecht für Homosexuelle, das halte ich für falsch“ (Beifall). Denn homosexuelle Männer „können niemals eine gute Mutter sein“. Sie sieht durch solche Bestrebungen „Ehe und Elternschaft in Frage gestellt“. Undenkbar für sie, „wenn diese Bewegung weiterläuft ...“. Aber, rief sie zum Schluss: „Es ist zu stoppen. Welcher Kampf! Hier in Baden-Württemberg hat man angefangen, zu kämpfen. Es waren 5000 Menschen auf der Straße. Es müssen noch mehr werden. Wir haben angefangen, uns zu wehren, und es hat gerade angefangen, Spaß zu machen!“

Kommentar: Alles für die Familie?

Die CDU scheint sich’s mit dem Gender-Thema im Wahlkampf gemütlich machen zu wollen. Das verspricht, wie man in Oberberken sah, allemal attraktiver zu sein als substanzielle Familienpolitik. Wer über die wirklichen Probleme von Familien nicht sprechen möchte, der muss so lange von Gender-Gaga reden, bis alle gaga sind. Das ist Zündeln am leicht verderblichen Gut des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Wer den Familien wirklich etwas Gutes tun möchte, der muss sich die Arbeitsverhältnisse junger Frauen und Männer in den Betrieben und Büros vornehmen, mit ihren Befristungen, dem Druck ständiger Erreichbarkeit, ungleicher Bezahlung und dem Störfaktor junger Elternschaft für Arbeitgeber und eigener Karriere. In der Frage familienfreundlicher Arbeitsplätze, wo stehen sie da, die Wirtschaftslobbyisten der CDU, Pfeiffer und Paal?

Wie weit gerade Deutschland da hinter anderen europäischen Ländern zurückliegt, davon auch kein Wort von Frau Kelle. Auch ihre Häme gegen Gender-Studien an den Universitäten, ist von vorsätzlicher Blindheit. Neben manchem Modischen werden dort u. a. Forschungsprojekte über die sensiblen Auswirkungen von Migration auf die Geschlechterverhältnisse in Deutschland angestoßen, brisanter Stoff, der für die von allen gewollte Integrationsarbeit von praktischem Nutzen sein dürfte.

Die reichlich vielen Ressentiments, die von den Anti-Gender-Aktivisten so im Gepäck getragen werde, lassen für die Umgangsformen bei sich zuspitzenden Konflikten in unserer Gesellschaft nichts Gutes ahnen. Um unsere Kinder und einem sie tragenden familiären Umfeld, geht es dabei zuallerletzt.

Vor die Wahl gestellt aus 400 Geschlechtern und 400 Smartphones ihr eigenes zu wählen, greifen die Kids zum Apparat, mit dem sie längst schon das denkbar intimste Verhältnis haben.

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