Ausbildung in Schorndorf Warum drei Vietnamesinnen bei der Awo lernen

Mai Bui, Van Pham, Sam Tran und Ute Reweland (v. l. n. r.) vor der Sozialstation der Awo in Schorndorf. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf/ Berlin. Die Vietnamesinnen Mai Bui, Van Pham und Sam Tran haben im Oktober eine Ausbildung in der ambulanten Pflege begonnen. Die drei haben einen Einblick in ihren Alltag gegeben und über die Herausforderungen in Deutschland gesprochen. Johanna Knüppel vom Berufsverband für Pflegeberufe hat unterdessen einen kritischen Blick auf ihre Branche geworfen.

Sam Tran öffnet die metallene große Keksdose, dort hat ihre Patientin ihre Medikamente verstaut. Die alte Dame hält sich beim Stehen an ihrem kleinen Küchentisch fest. „Viel trinken“, mahnt die junge angehende Pflegekraft Sam Tran und lässt sich von der Dame zeigen, dass sie bereits die Medikamente für den Tag genommen hat.

Die Tabletten zusammenstellen darf sie noch nicht. Das ist nur den ausgebildeten Fachkräften erlaubt, erklärt die Pflegerin Ute Reweland, die Sam Tran und die anderen jungen Frauen bei ihrer Arbeit anleitet. Nach dem Termin bei der alten Frau kommt eine Flasche blaues Desinfektionsmittel zum Einsatz. Damit reiben Sam Tran und Ute Reweland sich die Hände ein. Nach jedem Hausbesuch in der ambulanten Pflege ist das Vorschrift.

In Deutschland ist man auf Mitarbeiter aus dem Ausland angewiesen

Die drei Vietnamesinnen kamen im Oktober vergangenen Jahres nach Deutschland, um bei der Awo eine Ausbildung zur Altenpflegerin zu machen. Vorher gingen sie auf ein Medizin-College in Thai Binh, 110 Kilometer südöstlich von Hanoi, wo sie bereits das ein oder andere über die Pflege von Menschen und die deutsche Sprache gelernt haben. Die Frauen Anfang 20 leben in kleinen Wohnungen der Awo, für die sie nur wenig Miete bezahlen. In Vietnam ist es für junge Menschen schwierig, eine gute Arbeit zu finden.

In Deutschland ist man unterdessen auf Mitarbeiter aus dem Ausland angewiesen. Ohne sie könnte die Pflege nicht aufrechterhalten werden, erklärt Andreas Haas, der Geschäftsführer der Awo Rems-Murr.

Am Grundproblem wird das gar nichts ändern

Überall in Deutschland gibt es inzwischen viele Pflegekräfte aus dem Ausland. Das Anfang Juni von der Koalition beschlossene Fachkräfte-Einwanderungsgesetz soll es ihnen in Zukunft einfacher machen, nach Deutschland zu kommen. Doch gegen den großen Mangel an Fachkräften in dem Bereich wird dies alleine nicht helfen, mahnt Johanna Knüppel, Pressereferentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe.

„Die, die in der Pflege angeworben werden sollten, die hätten auch ohne dieses Gesetz schon kommen können“, sagt Knüppel bei einem Treffen in Berlin. Allenfalls eine kleinere Anzahl an Fachkräften werde das Gesetz ins Land holen – „und das womöglich auch nur vorübergehend und nicht auf Dauer“. Am Grundproblem, da ist sich die Verbandssprecherin sicher, wird das gar nichts ändern.

Verbesserung von Arbeitsbedingungen in der Pflege sind dringend nötig

Die Awo Rems-Murr habe erst kürzlich die Gehälter erhöht und auch den drei Vietnamesinnen habe er für die Zeit nach ihrer Ausbildung ein vielversprechendes Gehalt in Aussicht gestellt, erklärt der Geschäftsführer der Awo, Andreas Haas.

Doch laut der Sprecherin des Berufsverbands für Pflegeberufe könne man die großen Probleme in dem Bereich nicht alleine mit ausländischen Kräften und einer entsprechenden Bezahlung lösen. Nur durch die Verbesserung von Arbeitsbedingungen in der Pflege könne der Wandel gelingen, meint Knüppel.

Viele Pflegekräfte sorgen sich um ihre eigene Gesundheit

Von Berufsaussteigern weiß sie, dass die Arbeitsbedingungen sich verschlechtert hätten und viele Pflegekräfte sich um ihre eigene Gesundheit sorgen. „Die Krankenquoten sind immens hoch in der Pflege, das ist ja schon fast besorgniserregend“, berichtet Knüppel. „Wenn die erlebbaren Arbeitsbedingungen im Beruf nicht schleunigst und wirklich drastisch besser werden und der Beruf nicht wieder selber für sich werben kann, dann kann die Politik machen, was sie will.“ Sie sieht die Arbeitgeber jetzt im Zugzwang.

Mit dem Medizin-College in Vietnam will die Awo langfristig zusammenarbeiten, denn mit dem Partner in Südostasien habe sich das Prozedere mit den Behörden schon eingespielt. Es sei nicht einfach, ausländische Arbeitskräfte hierherzuholen, erklärt Andreas Haas, der Geschäftsführer der Awo Rems-Murr. Doch dass eine intensive Prüfung stattfindet, hält er für richtig.

Johanna Knüppel kritisiert die Praxis in vielen Betrieben

Diese Ansicht teilt Johanna Knüppel: Es müsse Regelungen geben, „schließlich wird mit Anerkennung der Berufsausbildung auch eine volle Arbeitsmöglichkeit gewährleistet, die sich womöglich dann auch nicht nur auf Deutschland, sondern auf ganz Europa erstreckt“.

Sie übt hingegen Kritik an der Ausbildungspraxis in vielen Betrieben. Im Abschlussbericht der Konzertierten Aktion Pflege, einer Initiative der Bundesregierung (siehe Interview rechts), werden mehr Ausbildungsplätze versprochen. Knüppel ist nicht begeistert: „Unser Problem ist nicht die geringe Zahl der Ausbildungsplätze.“ Denn die Einrichtungen seien bereits mit der momentanen Zahl von Auszubildenden überfordert. „Bisher war da nur das Interesse, dass sie Plätze besetzen, und wie die Ausbildung dann aussah, da hat kein Mensch hingeschaut.“

Die Vietnamesinnen sind angetan vom deutschen Ausbildungsmodell

Van Pham, Sam Tran und Mai Bui scheinen hingegen zufrieden zu sein mit der Ausbildung vor Ort. Sie sind angetan von dem deutschen Ausbildungsmodell aus Theorie und Praxis. Diese Form der Ausbildung gibt es in ihrem Heimatland Vietnam nicht. An die besonders schwierigen Aufgaben in der Pflege, etwa das Waschen, würden die Auszubildenden außerdem langsam herangeführt.

„Mache Sie hier“, sagt Mai Bui, während sie das Bein des alten Mannes in die richtige Position rückt. Er liegt in seiner kleinen Wohnung auf dem Sofa, während die junge Frau ihm seine Kompressionsstrümpfe anzieht. Er hält die Augen geschlossen, bis Bui fertig ist. „Darf keine Falten werfen“, sagt Bui beim Anziehen.

Van Pham: Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen

Das Deutsch der jungen Frauen ist teilweise noch etwas holprig. Doch in ihren ersten Monaten haben sie bereits große Fortschritte gemacht. Van Pham kann sich auf Deutsch inzwischen gut verständigen, witzelt aber trotzdem: „Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen.”

Besonders mit dem Schwäbisch einiger Patienten hätten sie noch Schwierigkeiten und verstünden nicht auf Anhieb alles. Stolz sagen die jungen Frauen aber einige Wörter auf, die sie gelernt haben. Van Pham weiß inzwischen, was ein „Häfele” ist.

Vieles in Deutschland sei anders

Die drei haben zwischenzeitlich angefangen, einen Führerschein zu machen, er ist für den ambulanten Pflegedienst dringend notwendig. Doch die vielen Regeln auf Deutsch zu lernen, sei gar nicht so einfach, geben die Frauen offen zu.

Vieles sei in Deutschland außerdem anders, nicht nur das Klima. Die alten Menschen seien hier einsamer, sagen sie. In Vietnam werden Alte und Kranke normalerweise zu Hause von ihrer Familie gepflegt und betreut. Waschen und Füttern etwa sei ihre Aufgabe. Umso mehr würden sich in Schorndorf viele über den Besuch der höflichen und fröhlichen Frauen freuen. Manche der Patienten haben ansonsten nur wenige soziale Kontakte.

Nach einem Jahr dürfen die Frauen alleine zu den Patienten fahren

Einige Monate lang hatten die jungen Frauen abwechselnd drei Tage einen Deutschkurs und waren anschließend für zwei Tage im Pflegedienst. Nach einem Jahr Ausbildung dürfen sie sich bereits Altenpflegehelferinnen nennen und alleine zu den Patienten fahren.

Erst nach weiteren zweieinhalb Jahren sind sie an ihrem Ziel und ausgebildete Pflegekräfte. Gemeinsam mit jungen Frauen und Männern, die unter anderem aus Rumänien, der Türkei und Marokko kommen, gehen sie in die Kolpingschule in Stuttgart.

Van Pham ist bei einer Patientin, deren Blutdruck überprüft werden muss. Ruhig legt sie ihr das Messgerät an, pumpt Luft in das Gerät und wartet schließlich ab. „Super Blutdruck, 120 zu 85“, erklärt sie der Dame, die sie mit großen Augen anschaut. Sie bedankt sich freundlich und verabschiedet die angehende Altenpflegerin. Nach nur wenigen Minuten ist sie fertig und reinigt sich die Hände.


Pflegekräfte gesucht:

Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg schätzt, dass der Bedarf an Pflegekräften bis 2030 um 42 Prozent steigt (im Vergleich zu 2013).

Auch im Rems-Murr-Kreis nimmt der Bedarf an Pflegekräften voraussichtlich zu. Die Anzahl der über 80-Jährigen lag 2014 bei etwa 22 500. Prognosen zufolge sollen es 2025 mehr als 31 000 Menschen sein.

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