Schorndorf Ein Politiker mit sehr wenig Gegnern

Schorndorf/Korb. Nach langer, schwerer Krankheit, so heißt es in der Todesanzeige. Guntram Palm ist tot. Damit der Mann, der am wirkmächtigsten vom Remstal aus die Landespolitik bestimmte. Abgesehen von Reinhold Maier aus Schorndorf, dem ersten Ministerpräsidenten des Landes. Aber Palm darf auch als Ziehsohn des Graswurzeldemokraten Maier gelten.

Was für eine Karriere. Wobei ein zum Amte Gekommener wie Guntram Palm sicher nicht in der schnöden Kategorie von Karrierestufen dachte. Er ließ sich einfach in die Pflicht nehmen. Vom Fellbacher Oberbürgermeisteramt aus, das heute sein Sohn Christoph innehat, ging es in Schlüsselressorts der Landespolitik. 1977 die Ernennung zum Landesjustizminister zu Zeiten des RAF-Terrorismus und des „Heißen Herbstes“, ein Jahr später übernahm er das Amt des Innenministers, dann elf Jahre lang oberster Wächter über die Finanzen des Landes.

Guntram Palm, geboren am 21. Juni 1931 in Berlin, stammt aus einer alten Schorndorfer Apothekerfamilie.

Nach dem Abitur nahm er ein Studium der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft an den Universitäten in Tübingen und Heidelberg auf, das er mit beiden juristischen Staatsexamen sowie 1959 mit der Promotion zum Dr. jur. beendete. Seine Dissertation befasste sich mit der „Geschichte der Amtsstadt Schorndorf im Mittelalter“. Anschließend war er als Rechtsanwalt in Stuttgart tätig.

Seine politische Laufbahn begann er als Ziehsohn von Reinhold Maier. Wie Maier wusste er als Politiker sowohl volkstümlich-schlitzohrig als auch intellektuell beschlagen aufzutreten und verstand sich eher als Mann des Ausgleichs denn als ideologischer Zuspitzer.

Von 1966 bis 1976 war Palm Oberbürgermeister von Fellbach in dieser Zeit gelang ihm der einvernehmliche Zusammenschluss von Schmiden und Oeffingen mit Fellbach. Auch der Bau der Schwabenlandhalle geht auf Palms Initiative zurück.

Von 1964 bis 1972 (für die FDP) und von 1980 bis 1992 (für die CDU, der er 1975 beigetreten war) gehörte Palm dem Landtag an. 1977 wurde Palm Landesjustizminister, 1978 Innenminister, 1980 Finanzminister. Dieses Amt hatte er fast elf Jahre inne. Von 1992 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 war Guntram Palm Präsident der Landeszentralbank.

Fürwahr, da hat sich jemand auch selbst in die Pflicht genommen. Auch für seine Partei, die CDU, wobei er bis 1972 für die FDP im Landtag saß. Und doch blieb er dabei eher Bürgermeister, der auf Interessensausgleich setzen muss, denn Parteigänger oder Scharfmacher. Die Palms damals, die alte Schorndorfer Apothekerfamilie, in die er 1931 geboren wurde. Die Palms heute . . . wenn die Rede vom liberal-konservativen Bürgertum passt, das Werte vorlebt und nicht einfach anderen verordnen will, dann wohl für diese Familie.

Wenn man über einen Politiker etwas Gutes sagen will, wird oft das politische Adjektiv liberal gebraucht: so wie offen, nichtfundamental, anti-extrem. Das Wort ist leicht zur Hand. Aber nehmen wir einen Gewährsmann für die Verbildlichung dessen, wie Guntram Palm wirkte. Gerade auf jene, die andere Wege eingeschlagen haben. Nehmen wir Werner Schretzmeier, Gründer der Schorndorfer Manufaktur. Noch bevor der sein Mütchen kühlen konnte am eingehockten Mittelremstäler Establishment, ließ er sich grundausbilden in Sachen Toleranz und Gedankenfreiheit von . . . Guntram Palm.

Im Schorndorf der 60er Jahren spielten sie gemeinsam Feldhandball. Palm war der Trainer des Jungspunds. „Als ich 15 oder 16 war“, erzählte Schretzmeier vor zwei Jahren, „bin ich mit ihm auf die Dörfer gefahren zu Wahlkämpfen und damit im Prinzip politisiert worden.“ Palm zog 1964 für die FDP in den Landtag ein. Noch 1968 organisierten sie gemeinsam eine der ersten großen Polit-Veranstaltung in der neu gegründeten Manufaktur. Palm knüpfte den Kontakt zu Ralf Dahrendorf. Zu diesem Freidenker und Bildungsreformer von einsamer Güte, nie mehr erreicht unter dem Label FDP.

Palms größtes politisches Talent, so sahen es seine Weggefährten immer wieder, war die Fähigkeit zum Ausgleich. Zum Gelten- und Lebenlassen der Position des anderen. Inhaltliche Differenzen sollen die Menschen nicht trennen. Schretzmeier sagt dazu: „Wir waren in vielen Punkten nicht einer Meinung.“ Aber sein Handballtrainer von einst konnte „ganz unabhängig von der trennenden politischen Gesinnungslage doch noch das persönlich Verbindende sehen“.

Am 2. November 1977 wird Guntram Palm zum Justizminister ernannt. Zwei Wochen, nachdem sich die RAF-Spitzen Bader, Ensslin und Raspe in Stammheim das Leben genommen hatten. Das Heim der Palms am Weinberg in Kleinheppach steht Tag und Nacht unter Polizeischutz. Ein Belagerungszustand als Folge der wehrhaften Demokratie, wie sie damals apostrophiert wurde. Und trotzdem muss drinnen, im solchermaßen verbarrikadierten Haus des Politikers, ein Klima aufrechterhalten worden sein, das nicht zu totaler Konfrontation mit den Angreifern von draußen gefror.

An Christoph, dem Sohn, dessen Wirken, ist es abzulesen. Der saß in der letzten Legislaturperiode im Landtag. In diese Zeit fiel die Debatte um die Freilassung von Christian Klar. Da flammte nochmals die Terrorismus-Debatte im Parlament auf, Christoph Palm mischte sich ein.

Nach diesen Debatten hat ihm ein Grüner das Du angeboten. Christoph Palm spricht davon mit einem gewissen Stolz. Und tat dies, und tut dies weiter, sicher im Geiste des Vaters.

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