Schorndorf Eine Familie ruft zum Klima-Streik auf

20. September. Weltklimastreik. Das ist der Aufruf der Schorndorfer Familie Penzkofer, hier Finja, Bettina und Linas. Gemalt auf die Straße. Und möglichst viele sollen auf die Straße gehen. Demonstrieren für eine Zukunft mit Aussicht. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Schorndorf. Andere Jungs im Alter von zehn Jahren interessieren sich für Dinosaurier. Linas weiß sehr wohl, dass Dinos ausgestorben sind. Er denkt weiter. Sagt, das droht auch uns. Freilich „nur dann, wenn wir uns selbst zerstören“. Wir haben es in der Hand. Willkommen bei der Schorndorfer Familie Penzkofer. Sie geht am globalen Klima-Streiktag jetzt am Freitag nach Stuttgart zur Demo.

Die Ludwigstraße ist zum Glück nicht stark befahren. Da kann mit Kreide gemalt werden. Linas, seine Schwester Finja, 11, und Nachbarjungs benutzen die Straße aktuell für einen Aufruf. Alle sollen sich aufmachen zum Klimastreiktag. Greta Thunbergs Initiative Fridays for Future und viele andere laden nach Stuttgart oder Berlin. Auch auf den Schorndorfer Marktplatz und nach Backnang.

Linas hat schon mit acht Jahren angefangen, sich fürs Thema zu interessieren. Die Lehrerin in der Grundschule bat ihn, über das Thema, über den Stress von Mutter Erde, zu reden. Erst vor seiner Klasse, dann vor zwei Klassen. Heute geht er ins Max-Planck-Gymnasium. Wenn er und seine Mutter Erfolg haben, dann pflanzen demnächst viele Kinder im Schorndorfer Stadtwald Eichen. Der Förster macht mit. Die Schulleiterin will gewonnen werden, Sponsoren auch.

Die Welt hat sich soweit daran gewöhnt, dass uns eine 16-Jährige, Greta Thunberg, den Takt vorgibt. Dass endlich die Bundesregierung verbindliche Vorgaben macht zum Klimaschutz. Sich Erwachsene, Staatsmänner, endlich einigen, getrieben von einer Schülerbewegung.

Den Samen zum Protest gelegt?

Linas ist erst zehn. Es wird nun heißen, jetzt werden schon Grundschulkinder indoktriniert. In sie der Samen zum Protest gepflanzt. Falsch. Bettina und Rüdiger Penzkofer, die Eltern, sind keine Politaktivisten. Sie haben selbst von früh bis spät den Alltag zu organisieren. Sie sehen sich auch nicht als Heilige des Umweltschutzes. In Urlaub fahren sie freilich mit dem Zug und Fahrrädern nach Norddeutschland.

Klar, sagt die Mutter, man hat geholfen, wenn am Küchentisch ein Thema aufkam. Man hat diskutiert. Die Eltern haben darüber gesprochen, „was Plastik bedeutet“. Dass kein Plastikspielzeug gekauft wird. Dass im Garten Sachen angebaut werden, die man dann auch essen kann. Sie leben es eben vor. Wenn es geht und sich zahlen lässt, soll es Bio sein beim Einkauf.

Linas hat dazu sofort eine Zahl parat. Es schießt aus ihm heraus: „Jedes Jahr werden 24 Tonnen Plastik in der ganzen Welt produziert.“ Es ist die natürliche Neugier eines Kindes, das einmal ein Interesse gefunden hat. Die Informationen holen sich er und seine Schwester Finja aus der Zeitung oder von der „Tagesschau“. Falls aus dem Internet, dann, indem die Mutter danebenhockt. Die Kinder ziehen die Eltern mit. Die Mutter sagt: „Ich allein hätte mich wohl nicht getraut, auf die Demos zu gehen.“

Dass es Kinder sind, lässt diese Gesellschaft nicht ruhen

Die Mutter erzählt, wie die beiden sie genervt haben. Sie wollen auch auf eine Schülerdemo. Sie waren in Ludwigsburg, zweimal in Stuttgart. Aber im Gedächtnis eingebrannt zur Weiterverwertung hat sich die Zusammenkunft in Göppingen. Da rief die Organisation Plant for the Planet, gegründet von Felix Finkbeiner und seinem Vater aus Bayern, zu einer Kinderakademie. Schüler halten erst Vorträge. Dann wird über Klimagerechtigkeit diskutiert, und anschließend geht es in den Wald, um Bäume zu pflanzen. Das soll jetzt im Frühjahr in Schorndorf auch geschehen.

Linas kann auch mal nerven. Da spricht man den Namen Trump aus, und der Zehnjährige rattert eine Liste von Autokraten und Klimawandelleugnern herunter: Putin, Erdogan, Bolsonaro. Schon ziemlich altklug. Aber wer wären die Eltern, wenn sie ihren Kindern ihr Thema wegnähmen.

Dass es Kinder sind, lässt diese Gesellschaft nicht ruhen. Greta Thunberg wird auf Facebook aufgefordert, lieber gleich auf den Mars zu fliegen, sie Heldin. Das ist noch harmlos. Andere, die weiter ungehindert Kohle, Öl, Erdgas verheizen wollen, raten zur Anzeige. Man soll die Eltern beim Jugendamt in Schweden anzeigen. Wegen Kindesmissbrauchs.

"Stoppt die Rodung, stoppt die Brände, bindet Bolsonaros Hände"

Linas hat es auch schon getroffen. Da hat er bei einer Fridays-for-Future-Demo in Stuttgart das Mikro ergriffen fürs Einüben eines Slogans. Hernach kam eine ältere Frau auf ihn zu. Das sei ja sinnlos, wenn man solche Sprüche macht und die anderen das nachbrüllen. Und jetzt wörtlich: „Das ist ja wie bei den Nazis.“ Linas' Mutter bezeugt den Vorfall. Linas, der junge Klima-Rebell, geht raus, vors Haus. Übergestreift hat er ein T-Shirt, Marke Eigenbau der Familie. Es war seine Idee. „Bee for Future“. Die Bienen als Lackmustest, wie wir mit unseren Lebensgrundlagen umgehen. Erst sterben ja soundso viele Pflanzen- und Tierarten aus. Die Fotosession auf der Straße gerät zum kleinen Happening. Es ist im Ernst ein großer Spaß.

Linas will uns nicht entlassen, ohne dass wir schon mal üben. Und alle rufen: „Stoppt die Rodung, stoppt die Brände, bindet Bolsonaros Hände.“

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