Schorndorf Eine Straßenzeitung als Chancengeber

Am Stammplatz: Angelika Daniova mit ihrem Hund Benny. Foto: Ellwanger/ZVW

Schorndorf. In Schorndorf gehört die freundliche Dame mit Hund mittlerweile zum Stadtbild. Zwischen Gaupp-Apotheke und Juwelier Greiner befindet sich ihr Stammplatz. Angelika Daniova und ihr Cocker Spaniel Benny verkaufen dort mehrmals die Woche die Straßenzeitung Trottwar. Ein Job, den die 45-Jährige aus der Slowakei gerne ausübt.

Seit zwei Jahren ist Daniova für den Trottwar tätig. Fast genauso lange kommt sie auch schon nach Schorndorf. Meistens am Dienstag und Samstag, dann ist Wochenmarkt und besonders viel los in der Innenstadt. Am Eingang zur Gasse „Beim Brünnele“ steht sie dann, unauffällig und mit einem Packen jener monatlich erscheinenden Zeitung, die 1994 gegründet wurde, um sozial benachteiligte und vor allem von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen zu unterstützen. Die Idee dahinter ist so einfach wie einleuchtend: Die Zeitung gibt ihnen eine Stimme, indem sie ihre Themen anspricht. Und dient zugleich als Einnahmequelle, da sie von den Betroffenen selbst verkauft wird.

Suche nach dem besseren Leben: Von der Slowakei in den Westen

In den Anfangszeiten waren es vor allem deutsche Obdachlose, die als Verkäufer eine Anstellung gefunden haben. Seit der EU-Osterweiterung sind es nun immer häufiger Osteuropäer, die sich bei Trottwar ihren Lebensunterhalt verdienen – und so vor dem Abrutschen in die Wohnungslosigkeit bewahrt werden. Menschen wie Angelika Daniova, die es mit der Hoffnung auf ein besseres Leben gen Westen zieht. Mit ihren fünf Kindern hat sie zuvor in Lucenec gelebt, einer verschlafenen Kleinstadt in der Mittelslowakei. Das Leben dort sei nicht einfach gewesen, berichtet sie. Meist habe sie sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, als schlecht bezahlte Putzfrau und Küchenhilfe gearbeitet, oft genug aber vom Sozialgeld leben müssen. Doch das habe nicht einmal gereicht, um die Miete bezahlen zu können.

Auf der Suche nach besser bezahlter Arbeit war Daniova dann für einige Jahre in Wien, wo sie vor allem Straßen gekehrt hat und dabei immer wieder zwischen der Slowakei und Österreich gependelt ist. Über ihre älteste Tochter, die sich alleine auf den Weg nach Deutschland gemacht hatte, kam sie schließlich vor drei Jahren in die Region Stuttgart, schlug sich als Pantomime in Fußgängerzonen durch und traf dort schließlich auf Trottwar-Verkäufer. Das Konzept gefiel ihr, deshalb fragte sie an, ob noch Mitarbeiter gesucht werden. Daniova durfte sofort anfangen.

Man kennt und mag sie in Schorndorf

Die heute 45-Jährige betrachtet das vor allem als Chance auf ein geregeltes Einkommen. Neben Schorndorf verkauft sie auch in den Fußgängerzonen von Winnenden, Feuerbach und Hedelfingen. Und das normalerweise von Montag bis Samstag. Daniova verkauft gerne Zeitungen. Besonders gerne komme sie aber in die Daimlerstadt. „Gute, liebe Leute“ seien das hier, sagt sie lächelnd. Oft kommen Passanten vorbei und kaufen etwas für ihren Hund Benny. Und noch häufiger bleibt jemand stehen, um ein Schwätzchen mit ihr zu halten. Ab und an wird sie auch auf einen Kaffee eingeladen. Auch während unseres Gespräches bekommt sie eine Einladung. Man kennt und mag sie eben in Schorndorf. „Ich fühle mich hier gut“, sagt Daniova, „egal, wie viele Zeitungen ich verkaufe.“

Sonderheft zur Fußball-WM mit vielen guten Geschichten

In den nächsten Wochen könnten das durchaus ein paar mehr sein als sonst üblich. Denn rechtzeitig zur Fußball-WM hat Trottwar eine Sonderausgabe herausgegeben. Das 70 Seiten dicke Heft kostet drei Euro und hat neben einem Spielplan auch eine ganze Reihe starker Geschichten zu bieten: darunter ein Porträt der Fußball-Familie Khedira, ein Interview mit Kommentator Tom Bartels sowie ein Gastbeitrag von Jürgen Klinsmann. Außerdem geht es um Blindenfußball, die Wohnungslosen-EM – und Schalke-Legende Yves Eigenrauch erklärt, weshalb in Fußball und Gesellschaft heute Maß und Mitte fehlen.

Was sich von Angelika Daniova nicht behaupten lässt. Sie hat in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Inzwischen sind auch vier ihrer fünf Kinder nachgezogen. Die zurückhaltende Slowakin ist heute dreifache Großmutter. Mit ihrem Job als Zeitungsverkäuferin hat sie ihren Teil dazu beigetragen, dass die Familie sich hier eine Zukunft aufbauen kann. „Das gefällt mir. Und deshalb will ich auch weiterarbeiten.“


Das Konzept

Trottwar war eine der ersten deutschen Straßenzeitungen und erschien erstmals im Jahr 1994. Als Vorbilder dienten die 1989 gegründeten New Yorker „Street News“ sowie der seit 1991 erscheinende Londoner „Big Issue“. Alle drei Blätter werden von professionellen Journalisten geschrieben.

Trottwar ist ein eingetragener Verein und erhält als eigenständiges Sozialunternehmen keine Zuschüsse von öffentlicher Hand. Alle Kosten werden durch den Verkauf der Zeitung, durch Anzeigen, Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert.

Der Verein arbeitet nach dem Prinzip „Beteiligen statt nur versorgen“. Trottwar hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Selbstwertgefühl der Betroffenen zu stärken, indem sie die Möglichkeit zur Beschäftigung bekommen und ihnen dadurch eine berufliche und persönliche Perspektive aufgezeigt wird.

Die Zeitungsverkäuferinnen und -verkäufer verdienen ihr eigenes Geld, sind sozialversicherungspflichtig angestellt und zahlen damit Steuern, statt wie zuvor von staatlichen Leistungen oder vom Betteln abhängig zu sein.

Der Verein zahlt Urlaubs- und Krankengeld, gibt Fahrtkostenzuschuss sowie festen Mitarbeitern eine betriebliche Altersvorsorge.

Darüber hinaus können die Mitarbeiter kostenlos ein tägliches Frühstück bekommen, eine Duschmöglichkeit und die Kleiderkammer nutzen. Trottwar gewährt Zuschüsse zu medizinischen Hilfen wie Zahnersatz und Sehhilfen und bietet Alltagshilfen und Sozialberatung an.

Trottwar unterhält für seine Zeitungsverkäufer, die oft wohnungslos sind, auch ein Wohnprojekt in Kooperation mit der Stuttgarter Wohnungsbaugenossenschaft SWSG und dem Wohnungsamt. Der Verein hilft beim Umzug, vermittelt Möbel und Gebrauchtwarenspenden.

Seit 2004 gibt es ein Trottwar-Theater, bei dem die Mitarbeiter Gelegenheit haben, neue Fähigkeiten zu entdecken, sich in einer neuen Rolle zu erleben und den Platz am Rand der Gesellschaft einmal einzutauschen mit dem im Rampenlicht.

Seit 2006 wird eine alternative Stadtführung angeboten, bei der die Verkäuferinnen und Verkäufer einen ungewohnten, autobiografisch geprägten Blick auf die Landeshauptstadt werfen. Das Angebot wird dem Verein zufolge so gut angenommen, dass die Stadtführer mittlerweile sozialversicherungspflichtig angestellt sind.

Wer die Straßenzeitung mit einer Spende unterstützen möchte, kann dies unter folgender Kontoverbindung tun: DE 40 6005 0101 0001 1023 23 – BIC: SOLADEST600

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