Schorndorf Ernst Heinkel Schule wird umbenannt

Der Gemeinderat hat über den Umgang mit dem Namen des umstrittenen Grunbacher Sohns in der Gemeinde entschieden

Remshalden. Nach vielen Zeitungsartikeln, Leserbriefen, Diskussionen, Vorträgen und einer Abstimmung der Bürger hatte jetzt der Remshaldener Gemeinderat das Wort zum Namen Ernst Heinkel. Das Ergebnis ist für die, die der Diskussion bisher gefolgt sind, nicht überraschend. Die Debatte im Rat zeigte, dass die wichtigsten Argumente bereits vorher zur Genüge ausgetauscht waren.

Das Interesse der Bürgerschaft an der Diskussion im Gemeinderat zu Ernst Heinkel, das kann man wohl so feststellen, hielt sich in Grenzen – zumindest wenn man als Maßstab nimmt, welche Wellen das Thema geschlagen hat und wie viele Zuhörer die Vortragsreihe hatte. Zwar waren die Zuschauerreihen im zur Gänze geöffneten Rathaus-Sitzungssaal voll besetzt. Das lag aber zu einem großen Teil daran, dass eine 9. Klasse der Ernst-Heinkel-Realschule mit Lehrern da war.

Der Altersschnitt im Zuschauerraum war also so niedrig wie selten in einer Gemeinderatssitzung – genau das Gegenteil des Bildes, das sich bei der vorhergegangenen Bürgerbefragung gezeigt hatte. Die, die sich dort beteiligten und ihr Votum zum Namen von Ernst-Heinkel-Schule und -Straße abgaben, waren zu fast 60 Prozent älter als 60 Jahre.

Insgesamt stimmten knapp sechs Prozent der Abstimmungsberechtigten ab. Die Frage, inwiefern dieses Votum repräsentativ ist, spielte denn auch in der Diskussion im Gemeinderat eine Rolle. Und war ein Teil der Begründungen, mit der eine große Mehrheit der Räte für die Umbenennung der Schule stimmte, obwohl die Bürgerbefragung das Gegenteil ergeben hatte. Der andere Teil der Begründung wog für die meisten Räte und auch die Verwaltung aber schwerer: fass die Schule selbst mehrfach deutlich den Wunsch geäußert hat, einen neuen Namen zu bekommen.

Vom Vorbild zu tiefer Betroffenheit

Bürgermeister Stefan Breiter folgte in seiner Stellungnahme der Schule, die zum Ergebnis kommt: „dass der Flugzeugpionier, trotz seiner in keinster Weise anzuzweifelnden technischen Errungenschaften, aufgrund seiner Verfehlungen im Nationalsozialismus kein Leitbild für junge Menschen sein kann, und der Name somit nicht mit dem Bildungsauftrag vereinbar ist.“

Breiter zitierte zudem den ehemaligen Rektor der Realschule, der bei der Namensgebung 1964 Heinkel als Leitbild für die Schüler darstellte. Nach der Revision des Bildes von Heinkel durch die Öffnung der Archive im Osten Deutschlands und die Aufarbeitung durch die Wissenschaft sieht Breiter genau das infrage gestellt.

Dem folgten auch die meisten Räte. Aus persönlichem Erleben schilderte Michael Schondelmaier (SPD), wie das Umdenken sich bei ihm vollzog. Er war bis vor wenigen Jahren Schulleiter der Ernst-Heinkel-Realschule. „Mir war Ernst Heinkel schon als Kind durch Motorräder und Kabinenroller bekannt“, sagte er. Während seines naturwissenschaftlichen Studiums nahm Schondelmaier Heinkel aufgrund seiner technischen Leistungen als „großes Vorbild“ wahr. „Vor 23 Jahren war ich stolz, an die Ernst-Heinkel-Realschule zu kommen“, so der SPD-Rat. Erst nachdem er 2008 in den Ruhestand gegangen sei, habe eine Aufarbeitung der dunklen Seite Heinkels stattgefunden. Da sei er „tief betroffen“ gewesen, „was da alles rauskommt“.

Umbenannt wird die Schule jetzt nicht sofort, sondern erst bei ihrem Umzug an den neuen Standort in Geradstetten, der derzeit vorbereitet wird und, wenn alles nach Plan läuft, zum Schuljahr 2016/17 abgeschlossen sein soll. Wie die Schule dann heißen wird, das soll bis dahin eine Namensfindungs-Kommission klären.

Ebenfalls noch entworfen werden muss der Text für die Infotafeln, die an mehreren Stellen im Ortsteil Grunbach angebracht werden sollen, wo Ernst Heinkel namentlich in Erscheinung tritt (siehe „Das hat der Gemeinderat beschlossen“). Hierzu gibt es bereits einen Vorschlag der Verwaltung:

„Ernst Heinkel, 1888 in Grunbach geboren, hat im Flugzeugbau große Erfolge erzielt und als Luftfahrtpionier Geschichte geschrieben. Er steht in der Kritik, tief verstrickt in das Zwangsarbeitersystem des nationalsozialistischen Regimes gewesen zu sein, da er in seinen Werken Tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge beschäftigt hat. Eine Dauerausstellung im Museum Remshalden beleuchtet die Person und das Wirken Ernst Heinkels.“

Dabei fehlte einigen Gemeinderäten jedoch noch ein Hinweis auf die Opfer. Gabi Holzwarth (CDU) etwa hält die Tafeln zwar für „eine ausgezeichnete Idee“, stört sich aber an der Formulierung „KZ-Häftlinge beschäftigt“: „Die wurden nicht beschäftigt, sondern ausgebeutet. Das sollten wir auch beim Namen nennen.“ Zudem sollte man den Opfern mit einem Satz gedenken, forderte Holzwarth. Andere schlossen sich dem an. Die Texte sollen nun noch mal überarbeitet werden.

Auch an den Straßenschildern der Ernst-Heinkel-Straße soll dann eine solche Infotafel angebracht werden. Für die Umbenennung der Straße sprach sich im Gemeinderat niemand aus. Hier sah auch die Verwaltung die Lage anders als bei der Schule, wo der Name mit einem Leitbild verbunden ist, sondern eher als geschichtliches Zeugnis. Überdies sei die Straße bereits 1932, vor der Naziherrschaft also, benannt worden, klar in Zusammenhang mit Heinkels bisherigen Verdiensten. Und schließlich hatten sich die Anwohner in einer Umfrage und mit Unterschriftenlisten deutlich gegen die Umbenennung ausgesprochen.

Der Friedhof war schließlich die einzige Stelle, bei der die Gemeinderäte nicht mehrheitlich dem Vorschlag der Verwaltung folgten und eine zusätzliche Infotafel knapp ablehnten (zu den Begründungen siehe unten).

Weitere Stimmen aus der Debatte im Gemeinderat

Vereinzeltes Klatschen, aber vor allem ungläubige Blicke und Kopfschütteln löste Dietmar Schaal (CDU) mit seiner Wortmeldung aus. Einer Namensänderung der Schule könne er zwar „mit Bauchschmerzen“ zustimmen. Aber dann polterte er los: Von Porsche, Siemens, Bosch und Daimler höre er nichts. „Bloß bei uns wird so a Riesentheater g’macht!“ Viele der Anwesenden hätten, wenn sie 20 Jahre vorher geboren wären, es damals so gemacht: Hier hob Schaal die rechte ausgestreckte Hand zur Demonstration. Er sei kein Nazi. Aber die Jüngeren hätten ja keine Ahnung.

Für die BWV-Fraktion erklärte Roland Schanbacher, die Entscheidung über die Umbenennung der Schule falle nicht leicht. Schließlich könne man „nicht die Meinung unserer Bürger erst einfordern und sie dann einfach negieren“. Aber die Forderung der Realschule müsse man zur Kenntnis nehmen und mit dem Umzug könne die BWV der Umbenennung zustimmen.

„Mehrheitlich, aber nicht einhellig“ halte die Fraktion der BWV Infotafeln „nicht für erforderlich“. Begründung: Die Bevölkerung wurde dazu nicht angehört. Und: Im Museum seien alle Seiten Heinkels aufgearbeitet. „Jeder Besucher erhält hier umfassende Informationen.“ Zur Infotafel am Friedhof verwies Schanbacher auf Manfred Rommels Wort im Zusammenhang mit der RAF: „dass mit dem Tod jede Feindschaft endet und Ruhe einkehren darf“.

Auch Sigrid Pressel lehnte für die FW/FDP-Fraktion eine Infotafel am Friedhof ab. „Die Aufarbeitung im Museum ist so gut angekommen in der Bevölkerung, da kann man sich gut informieren.“

Nicht einheitlich war offenbar auch das Meinungsbild in der CDU-Fraktion. Gabi Holzwarth sprach für sich persönlich und nannte die Umbenennung der Schule „eine Selbstverständlichkeit“, weil Heinkel nicht mehr als Vorbild tauge. Ihr Fraktionskollege Wolfgang Läpple dankte den Bürgern, „die den Mut hatten, sich mit Namen und Adresse“ an der Befragung zu beteiligen, und forderte, die „Nazizeit nicht auszublenden“ , dieser Auftrag käme der Ernst-Heinkel-Realschule zu.

Harald Bay reklamierte für die SPD-Fraktion Geschlossenheit. Zur Bürgerbefragung über das Mitteilungsblatt und das E-Bürgerportal im Internet meinte er: „Das waren überwiegend die älteren Mitbürger, die abgestimmt haben.“ Deswegen sah es Bay als Aufgabe des „repräsentativen, gewählten“ Gemeinderats, zu entscheiden. Es sei „außerordentlich wichtig“, dass die Schule umbenannt werde, das verlange schon allein das Schulrecht, weil der Schulname eine Leitbildfunktion habe. Die Tafeln seien ein Mittel, um „wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung zu tragen und das falsche Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren.

Das hat der Gemeinderat beschlossen:

Der Beschluss zum Namen Ernst Heinkel in Remshalden setzt sich aus mehreren Punkten zusammen, die in sich auch noch mal aufgeteilt waren:

Die Realschule wird mit dem Umzug nach Geradstetten, der für September 2016 geplant ist, umbenannt. Für die Findung eines neuen Namens wird eine Kommission eingesetzt. Dem stimmten so alle Räte bis auf zwei, Jürgen Wochinger (CDU) und Karl-Heinz Payr (FW/FDP) zu.

Die Ernst-Heinkel-Straße behält ihren Namen, hier war der Beschluss einstimmig. Allerdings wird beim Straßenschild eine Informationstafel angebracht, dafür stimmten zwölf Räte, neun dagegen, zwei enthielten sich.

Die Tafel am ehemaligen Standort von Heinkels Geburtshaus in Grunbach bleibt, mit einstimmigem Beschluss des Gemeinderats. Auf der Tafel wird Heinkel als Ehrenbürger, „Flugzeugpionier und Erbauer des ersten Düsenflugzeugs“ gewürdigt. Daneben soll in Zukunft eine zusätzliche Infotafel angebracht werden, dafür stimmten 15 Räte, acht dagegen.

Auch die Tafel am Brunnen am Grunbacher Ortsrand Richtung Buoch soll bleiben, der Beschluss war einstimmig. Auch hier soll aber eine Infotafel dazukommen, zwölf Räte stimmten dazu mit Ja, zehn mit Nein und einer enthielt sich.

Die Ehrenbürger-Plakette am Grabstein von Heinkels Grab bleibt, dafür stimmten 18 Räte, fünf enthielten sich. Eine zusätzliche Infotafel am Friedhof wird es nicht geben, dafür stimmten acht Räte, dagegen 15.
Hintergründe:

Die Diskussion um Ernst Heinkel, seine Rolle in der Geschichte und seine Spuren in Grunbach lässt sich im E-Bürgerportal der Gemeinde Remshalden nachlesen, mit vielen Informationen und Zeitungsartikeln.

So kommt man dorthin: Auf www.remshalden.de unten auf der Seite auf das Portal klicken. Dort auf der Startseite unten im Themen-Kasten auf die Umfrage klicken.

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