Schorndorf Geldwäsche-Prozess: Das Ende naht

Symbolbild. Foto: Pixabay

Schorndorf/Stuttgart.
Der 45-Millionen-Fall ist der größte, spektakulärste, komplizierteste Geldwäscheprozess, den es seit Menschengedenken in Deutschland gegeben hat – die Affäre wird gar international beachtet: Unlängst war sie Vortragsthema bei einer Tagung der europäischen Polizeibehörde Europol. Nun nähert sich das epische Verfahren, das seit Juli am Stuttgarter Landgericht läuft, dem Ende: Am Montagnachmittag hat Richterin Manuela Haußmann die Beweisaufnahme für abgeschlossen erklärt, am Dienstag folgt das Plädoyer der Anklage.

Rund 45 Millionen Euro in bar hat ein Schorndorfer in die Vereinigten Arabischen Emirate transferiert – unterstützt von seiner Frau, die sich um die Buchhaltung kümmerte; einem Mitarbeiter, der Kurierdienste leistete; und einem Geschäftspartner, der in Dubai lebte. Dass das Geld aus dem Remstal nach Arabien floss, ist unstrittig: Die Bar-Ausfuhren wurden ganz offiziell und ordnungsgemäß beim Zoll angemeldet.

Woher aber stammten die Riesensummen, die da in mal sechs-, mal siebenstelligen Tranchen gen Süden wanderten? Aus Drogen-Geschäften glaubt die Staatsanwaltschaft; diese schmutzige Herkunft der Scheine hätten die vier Angeklagten zu vertuschen versucht, indem sie darum herum die saubere Buchhaltungslegende eines legalen Goldhandels mit exorbitanten Umsätzen strickten. Völlig falsch, kontert die Verteidigung: Den seriösen Goldhandel gab es wirklich – das mit den Drogen habe sich die Anklage nur zusammengereimt.

Fülle der Schauplätze erinnert an 007-Thriller

Man kann wohl davon ausgehen, dass Rätsel wie dieses normalerweise überhaupt nicht vor Gericht landen. Denn selbst, wenn Behörden Geldwäsche wittern, ist es elend schwierig bis hart an die Grenze der Unmöglichkeit, die Vermutung soweit zu erhärten, dass es für eine Anklage-Erhebung reicht. In diesen Fall aber gruben sich, als ein erster Verdacht aufkeimte, Beamte des Zollfahndungsamtes Stuttgart dermaßen tief hinein, als wollten sie die komplette Tunnelstrecke für Stuttgart 21 von Hand bohren. Sie gründeten eine Ermittlungsgruppe namens Golden Eye, stilvoll benannt nach einem James-Bond-Film.

Tatsächlich erinnert die Fülle der Schauplätze an einen 007-Thriller: Schorndorf – Betriebssitz des Hauptangeklagten; die Emirate – Betriebssitz eines Mitangeklagten; Rumänien – von dort, legen Buchhaltungsunterlagen nahe, seien immense Barmittel gekommen, als legale Bezahlung für Goldlieferungen; Niederlande – von dort stamme das Geld, Drogengeld, in Wahrheit, glaubt die Staatsanwaltschaft; London – auch die englische Metropole spielte laut Buchhaltung eine Rolle als Drehscheibe.

Die Ermittler stellten, um Licht ins Dunkel zu bringen, internationale Rechtshilfe-Ersuchen – eine elend langwierige bürokratische Mühe. Die Fahnder beantragten Telefon-Überwachungen: Allein die Verschriftlichung der abgehörten Gespräche füllte tausende von Seiten. Folge: Richterin Haußmann erlitt beim Durchwischen am iPad „fast eine Sehnenscheiden-Entzündung“. Auch filmreife Szenen gehörten zur Recherche: konspirative Verfolgungsjagden im Auto, geheime Fotografier-Aktionen, um Geldübergaben zu dokumentieren. Vor allem aber mussten die Aufklärer Papierberge abtragen: Sie durchkämmten viele Regalmeter an beschlagnahmten Geschäftsunterlagen und europaweit zusammengesammelten Handelsregisterauszügen auf Ungereimtheiten.

Ein Angeklagter sagt aus

Am letzten Tag der Beweisaufnahme brach einer der Angeklagten sein Schweigen: Der Mann, Anfang 50, stammt aus Pakistan und wohnte in Dubai, bevor er bei einem Deutschlandbesuch verhaftet wurde. Er erklärte über Stunden hinweg im Gerichtssaal ausführlichst, dass er ein seriöser Goldhändler sei – das Unternehmen seiner Familie mache bis zu 2,5 Milliarden Euro Jahresumsatz, gehöre zu den „Top Ten“ der Emirate und sei weltweit tätig.

Um seine Unschuld glaubhaft zu machen, bemühte der Mann ein originelles Argument: „Seit 25 Jahren“ arbeite er im Goldhandel mit einem maximal ehrenwerten Geschäftspartner zusammen – einem Gesetzeshüter; dem ehemaligen „Interpol-Direktor von Dubai“ und Leiter der dortigen Flughafen-Polizei, der erst vor kurzem in Ruhestand gegangen sei! So jemand prüfe seine Kompagnons gründlich und kooperiere nur mit vertrauenswürdigen Menschen.

Ob diese Entlastungsargumentation sticht? Man wird sehen. Klar ist: Es geht für die vier Angeklagten um viel. Auf gewerbs- oder bandenmäßig verübte Geldwäsche stehen bis zu zehn Jahre Gefängnis; pro Einzeltat. In diesem Prozess aber geht es um rund 40 Vergehen, da die 45 Millionen ja gestückelt nach Dubai geschafft wurden. Damit kann sich die Gesamtstrafe unter Umständen auf 15 Jahre erhöhen.


Unsere bisherige Berichterstattung zum Thema:

16.10.2018: 50-Millionen-Geschäfte: Geldwäsche-Ring hochgenommen

11.07.2019: 45 Millionen Euro Drogengeld gewaschen?

20.07.2019: Der 45-Millionen-Fall: Eine Beamtin schaut hin

23.07.2019: Geldwäsche-Ring: Der 45-Millionen-Fall schleppt sich

07.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlespiel um 45 Millionen Euro

09.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Spur führt nach Rumänien

15.08.2019: Spur nach Holland im 45-Millionen-Fall

17.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlestein-Suche durch Europa

24.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Wende im 45-Millionen-Fall

17.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Millionen-Fund im Kofferraum

21.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Tücken des Krypto-Handys

26.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Afghanistans Vizepräsident als Zeuge?

28.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Mysteriöses Gold-Pingpong

14.10.2019: Der 45-Millionen-Fall: Rätsel um Riesensummen

24.10.2019: Anwalt erhebt schwere Vorwürfe gegen Richterin

19.11.2019: Geldwäsche-Prozess um 45 Millionen nimmt kein Ende

29.11.2019: Der 45-Millionen-Fall: 800 000 Euro im Hocker-Polster

06.12.2019: Geldwäsche-Prozess: Kleinkrieg um Riesensummen

21.12.2019: Geldwäsche-Prozess: Der sensationelle Entlastungszeuge

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