Schorndorf Gespräch zu Flüchtlingsbuch: Boris Palmer macht den Unterhalter

Boris Palmer im Unterhaltungsfach zu einem politisch todernsten Thema. Foto: Habermann/ZVW

Schorndorf. Bei einem Bürgermeister reicht es, wenn er ein guter Verwalter ist. Manchmal gelingt der Gestalter. Aber Boris Palmer, der Tübinger OB, schafft es im passenden Rahmen mühelos zum Unterhalter. Grandios, auf seine Art. Und das auch noch bei einem ernsten Thema. Nämlich, ob wir es schaffen, das Merkel-Wort, das mit der Flüchtlingsfrage.

Es war sichtbar das Format, das er braucht. Um zu Format zu finden. Der große Saal der Künkelinhalle: fast voll besetzt bei diesem Buchvorstellungstermin der Osiander-Buchhandlung zusammen mit dem Zeitungsverlag Waiblingen. Palmer hört sich zurückgelehnt all die Sottisen an, die Fragensteller Peter Schwarz so gesammelt hat aus der Meute der eigenen Partei. Was Palmer von sich gebe, sei klassischer Palmer-Nonsens. Zurzeit sei er idiotisch, zynisch und populistisch.

Der solchermaßen Konfrontierte weiß, dass er gleich zurückschlagen kann mit 70 Minuten Gegenpowerplay. Da muss er gar nicht die bösen Zungen kommentieren – „als Bürgermeister darf man nicht beleidigungsfähig sein“. So wie er aus dem laufenden Wort heraus auch die Lichtregie der Saaltechniker kommentiert. Sie sollen bitte das Publikum beleuchten. Damit er bei den Pointen, die er gleich ausrollen wird, den Ablauf in den Gesichtern der Lauschenden ablesen kann. Wie sich da überhaupt ein vollkommen mit sich zufrieden und im Reinen zeigender Sohn zeigt, derweil seine Mutter Erika vorne links in der ersten Reihe sitzt.

Die Witze gehen Palmer nicht aus

Am Schluss wird er sagen mit kaum gespielter Selbstzufriedenheit, ja, er habe es doch weit gebracht. Sein Vater verlangte einst fünf Mark für den Eintritt zu seinen Auftritten. Fünf Mark, die er, der Sohn, zu kassieren hatte in der alten Schuhschachtel-Künkelinhalle. Wenn er sich heute umschaut, der Arm wandert über die Köpfe der Leute, „jetzt guckst mal her, gar net so schlecht“. Der Stolz im Gewande des Witzes, so ist es auszuhalten.

Wobei: Da ist auch ein verdammt Getriebener unterwegs, nicht nur irgendwie. Peter Schwarz fragt ihn, was er denn heute noch zu tun gedenke. Erst am Mittag in Gmünd vor Studenten, dann zum Frühabendtermin bei Ebbe Kögel in Stetten und jetzt in der Künkelinhalle. Aber auch da zeigt er sich gewitzt. Könnte schon sein: Um 23 Uhr wird er noch eine spannende Facebook-Debatte lostreten.

Es ist sein Format, das mehr ausholende, eben für 70 Minuten auf ihn zugeschnittene. Für das er streng genommen auch keinen Fragensteller braucht. Einmal hält er kurz inne und wendet den Kopf zu Peter Schwarz. Diese Frage, die er selbst gerade aufwirft, die hätte auch vom Moderator kommen können - der nächste Breitwand-Lacher aus dem Publikum.

„Einfach mal die Fresse halten“

Wenn der junge Palmer in Talkshows besetzt wird, dann ist das sichtbar viel weniger sein Ding. In der Argumentation mag dann dieser gewiss hochintelligente Mann immer noch gewinnend sein. Aber es wirkt wie das Aus-der-Pistole-Geschossene eines Musterschülers. Vielleicht kommt daher dieser Rat: „Einfach mal die Fresse halten“. So meinte mal die Kreuzberger Grünen-Bundestagskandidatin, den Wadenbeißer aus dem Ländle abschütteln zu können.

Dabei taugt er ganz schlecht, um als Thilo Sarrazin der Grünen in der Flüchtlingsdebatte verhetzt zu werden. Das geht nicht nur dem auf, der sein Buch „Wir können nicht allen helfen“ liest, das stellt sich auch beim mündlichen Eindruck ein. Die Entscheidung der Bundeskanzlerin, in der Nacht der Nächte die Grenze zu öffnen für die Gestrandeten am ungarischen Grenzzaun, die ist für ihn nach wie vor richtig. Ein gebotener Akt der Humanität.

Aber danach lief es für ihn sichtbar schnell aus dem Ruder, lief es auf eine Überforderung aller hinaus.

Der Mathematiker ist halt auch schneller im Kopf

Das Cleverle Palmer kann für sich reklamieren, dass er es immer schon früher wusste. Dass er, der studierte Mathematiker, ob trotz oder wegen Waldorfschul-Abschlusses, dass der kluge Rechner eben erkennen musste, „das schaffen wir so nicht lange, nicht bei dem hohen Anspruch der Integration“. Nämlich, wenn es länger weitergegangen wäre mit 10 000 Schutzsuchenden am Tag.

Da sah er früh die Obergrenze des kommunal Leistbaren. Da meinte er als Obermeister aller Bürger in Tübingen, die Handbremse ziehen zu müssen – aus nachvollziehbaren Gründen. Er blickt in die Runde, um sich zu vergewissern: „Wie hätten wir es auch gemacht bei dann sieben Millionen Geflüchteten?“ Kollektives Kopfnicken im Saal. Auch wenn es keine bekennenden AfD-Wähler offenbar unter den 500 Anwesenden gab. Denn das hat Showmaster Palmer auch nebenbei abgefragt. Wer hat die Verhetzer gewählt? Keine Hand ging hoch.

Das Wegschaffen der Anforderungen sei ja unter den gegebenen Umständen gar nicht menschenmöglich gewesen, weil gesetzlich und behördlich schier gar verunmöglicht. Das ist wohl der anschaulichste Moment in der Palmer-Suada wider die Verhältnisse. Köstlich und erschreckend zugleich, wie er an drei Beispielen schildert, dass das Wohnraumschaffen nicht möglich war. Mal wegen des „inoffiziellen Wappentiers der Grünen“ (Peter Schwarz), des Juchtenkäfers. Oder es darf keinem Flüchtling zugemutet werden, direkt neben einem lärmemittierenden Tennisplatz wohnen zu müssen. Ein ausdünstender Schafstall in der Nachbarschaft? – nicht erlaubt. Beim Zuhören blickt man nach oben: Herr, schmeiß Hirn ra.

Die Verordner als die neuen „Tagdiebe und Faulenzer“

Es kommt einem das Helmut-Palmer-Wort in den Sinn, dass in den Amtsstuben ja eh lauter Tagdiebe, Faulenzer sitzen. Bei Boris Palmer erlebt man eine entscheidende Wandlung der Schimpfe auf die Beamten. Die in seinen Ämtern, auf der unteren Ebenen, die sind ja schon recht. Gar famos. Weil von ihm in rechte Bahnen gelenkt. Da geht dann was. Aber drüber, dort, wo die Verordnungen und Gesetze gemacht werden, auch auf Einhaltung gepocht wird, da sitzen die neuen Tagdiebe. Kurz überlegt man dann, warum der junge Palmer nicht so mutig ist wie der alte. Der hätt’s, als Oberbürgermeister, einfach drauf ankommen lassen. Selbst Richter sind ja nicht nur borniert.

Aber das strategische Denken, das liegt dann doch wieder beim jungen Rebellen des Wortes. Ob er denn zufrieden sei mit dem GroKo-Kompromiss zum Zuzug der Familien? Palmer, ganz der Macher, zunächst: 1000 Zuzügler und dann noch Härtefälle – ja, damit könne er leben. Aber überhaupt: „Das ist sowieso nicht entscheidend. Die Frage ist, ob es in Deutschland je wieder eine Regierung gibt.“

So ist es dann auch wieder. Dieser die Außenwirkung krass Suchende weiß, um kanzlerfähig zu sein, kommt es darauf an, was hinten rauskommt: die Lacher in dem Fall. Er hat’s, so weit, brillant geschafft. Und nebenher noch überzeugt. So darf das Gefallenwollen ausschauen.

Palmers Durchsagen

Die drei Windräder oben in Winterbach sind wichtiger für die Vermeidung von Fluchtursachen als viele andere Debatten in der Republik. Der Klimaschutz ist genauso eine Jahrhundertaufgabe.

Du kannst ein Problem nicht dadurch lösen, dass du sagst, es gibt gar kein Problem.

Man muss dem, den man schützen will, auch sagen, was man von ihm will.

Frau Merkel sagt, es klappt. Aber uns auf der kommunalen Ebene wirft man Knüppel zwischen die Beine - da fühle ich mich nicht wertgeschätzt.

Stuttgart 21 ist ein Granatenscheiß. Aber so ein Infrastrukturprojekt darf nicht am Juchtenkäfer scheitern.

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