Schorndorf-Unterberken/Göppingen Stihl: Ende der Motorsägentests im Sperrgebiet

Schorndorf-Unterberken/Göppingen. Vor 20 Jahren schon wurde das Bundeswehrdepot in Unterberken aufgegeben. Bis Winter will das Forstamt Göppingen den Rückbau abgeschlossen haben – unabhängig von der mit dem Gelände verbundenen Windkraftdebatte. Doch schon in der Übergangsphase war was los im Sperrgebiet: Polizei- und Hundestaffelübungen, Brennholzerzeugung, Gassigeher, Imker – und: Motorsägendauertests der Firma Stihl. Allesamt geduldete Aktivitäten, die bis Jahresende auslaufen sollen. Nur der Wertholzplatz bleibt, wo er ist.

Egal, was kommt, Motorsägen werden auf dem ehemaligen Bundeswehrdepot auch weiterhin zu hören sein: Der Wertholzplatz, auf dem jedes Frühjahr an die 2000 Festmeter hochwertiger Stämme aus dem Wintereinschlag der Region versteigert werden, bleibt Teil des Geländes. Mitarbeiter des Forstreviers werden auch in Zukunft im Wald zu tun haben. Und sollten hier tatsächlich vier Windräder entstehen, dann ist sowieso was los. Nur die Motorsägentests der Firma Stihl, die hier seit Jahren stattfinden, werden ein Ende haben. Zum Bedauern des Waiblinger Unternehmens, das hier unkompliziert, in einem gut erschlossenen Gebiet und in erreichbarer Nähe zum Stammwerk Tests durchführen kann, ohne dass sich Nachbarn vom Sägenlärm gestört fühlen. "Das ist für uns ein Standortvorteil", sagt beim Vororttermin der für die Erprobung zuständige Mitarbeiter aus der Entwicklung der Firma Stihl.

"In Unterberken hört man das nicht"

Doch dass hier seit mehr als zehn Jahren Motorsägen im Dauerbetrieb getestet werden, kann im Grunde sowieso nur wirklich Ortskundigen aufgefallen sein. „In Unterberken“, ist sich der Nassauer Forstrevierleiter Uwe Steckroth sicher, „hört man das nicht.“ Auf dem Depotgelände übernimmt er so etwas wie Hausmeistertätigkeiten und koordiniert die Termine all der Aktivitäten, die auf dem eigentlich gesperrten Gelände geduldet sind. Doch obwohl er fast täglich im Wald unterwegs ist, Beschwerden haben ihn nie erreicht: „Die Leute haben sich vielleicht gewundert, warum Baumstämme in Scheiben geschnitten werden.“ Selbst Oberbürgermeister Matthias Klopfer, im Mai bei „OB vor Ort“ in der Schurwaldhalle, zeigte sich überrascht: Von solchen Aktivitäten hat auch er das erste Mal gehört.

Immer wieder Dauertests von Sägen

Tatsächlich finden im südlichen Bereich des Geländes solche Dauertests in regelmäßigen Abständen, meist blockweise statt – „für den letzten Schliff an der Säge“. Stundenlang Steck-, Schräg- und Längsschnitte. Außerdem werden in dem abgelegenen Bereich Blas- und Kehrgeräte sowie Freischneider getestet. Das nutzt nicht nur Stihl, sondern auch dem Forst bei der Jungbestands- und Bankettpflege. Und die Tests helfen, „den Brombeerbewuchs in Griff zu bekommen“, sagt Martin Geisel, zuständiger Forstamtsleiter aus Göppingen. Doch ein Ende ist absehbar: Ist der Rückbau abgeschlossen, werden hier – „wie in anderen Wäldern auch“ – keine Sägen mehr getestet.

Zwei Lagerhallen sind abgerissen

Das Depot befindet sich in der Endphase: Im vergangenen Winter wurden bereits zwei Lagerhallen abgerissen. Diesen Winter sollen weitere folgen. Zuständig für den Rückbau, der vom Forstamt Göppingen geschäftsführend betreut und vom Regierungspräsidium Tübingen technisch begleitet wird, ist der Bund. Die Kanisterhallen, von denen in drei Reihen nur noch die Betonwannen übrig geblieben sind, sollen entsiegelt, mit Erde verfüllt und der Natur überlassen werden. Zum Teil sind sie verlandet, teils haben sich in den dichten Wannen auch Feuchtbiotope gebildet. Ob auch die verfüllt werden, ist noch unklar. Tatsächlich wäre es dem Forstamt aber am liebsten, es könnten Ersatzbiotope angelegt werden. In den Biotopen, versichert der Mitarbeiter der Stihl-Entwicklung beim Vororttermin, wurden aber – wie bei „OB vor Ort“ kolportiert – nie Produkte getestet.

Ums Depot rankten schon immer wilde Gerüchte

Doch um das Bundeswehrdepot rankten schon immer wilde Gerüchte: Obwohl es ein reines Nachschublager war und hier allenfalls Zelte, Lastwagen und Feldbetten untergestellt und kanisterweise Treibstoff gelagert wurden, war immer wieder auch von Munition die Rede. Und seitdem das Depot als Windkraftstandort im Gespräch ist, „ist die Aufregung sowieso groß“, sagt Martin Geisel und versteht die erklärten Naturschützer nicht ganz: Um ein unberührtes Stück Wald habe es sich seit Jahrzehnten nicht mehr gehandelt: „Das Gelände wurde vor dem Depotbau von oben bis unten umgedreht.“ Selbst die Fledermäuse, deren Vorkommen in mittlerweile drei Gutachten untersucht wurde und das einen Gebäudeabriss nur zwischen November und Februar erlaubt, scheinen sich am Betrieb auf dem Gelände nie gestört zu haben – auch nicht an den Motorsägentests.

Gab es sogar wilde Autorennen?

Und auf dem 33-Hektar-Gelände, von dem gut die Hälfte im Rems-Murr-Kreis liegt, war schon immer allerhand los: Polizei- und Hundestaffelübungen, Brennholzerzeugung und Hochsitzbau. Hier führen Spaziergänger ihre Hunde Gassi, Imker haben Bienenkästen aufgestellt. Alles geduldete Aktivitäten. Doch es gibt auch illegale Umtriebe: Angesichts der Reifenspuren auf den Wegen – vor allem im Winter, bei Schnee – ist sich Uwe Steckroth sicher, dass hier schon mancher Fahrzeugtest stattfand, wenn nicht gar wilde Autorennen. Paintballschlachten gab es, Streifzüge durch das weitläufige, abgeschiedene Waldgebiet sowieso. Nur eine Fotovoltaikanlage wurde trotz Antrag nicht genehmigt.

Windkraft: Genehmigungsverfahren läuft noch

Und ob es hier Windkraftanlagen geben wird – wer weiß? Im Moment warten alle den Ausgang des Erörterungsverfahrens ab: Obwohl auf der als „Regionaler Grünzug“ eingestuften Fläche seit dem Abschluss des Zielabweichungsverfahrens auch Windenergieanlagen betrieben werden könnten, ist das immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren noch nicht abgeschlossen. Doch sollte das Landratsamt die Genehmigung erteilen, könnten drei Windkraftanlagen im Motorsägentestbereich liegen, eine weiter östlich, „echt im Wald“, wie Martin Geisel sagt. Und dann wird es auch Ausgleichsmaßnahmen geben, also Rekultivierung und Aufforstung. Ohne Windräder stehen nur Rückbau und Rekultivierung an – sprich: Das Gelände wird der Natur überlassen.


Zur Geschichte des Depots:

Im November 1967 hat die Landesforstverwaltung das Grundstück mit einer Größe von etwa 26,4 Hektar der Bundesrepublik Deutschland für Verteidigungszwecke überlassen. Es lag seinerzeit im Bezirk des Staatlichen Forstamts Adelberg. Die Bauarbeiten in dem damals „Korpsdepot Schlichten“ genannten Depot begannen nach Auskunft des Regierungspräsidiums Tübingen wohl im Jahre 1968. Im Laufe der Jahre wurden unter anderem 25 Lagerhäuser für Kraftstoffkanister, fünf Lagerhallen für Geräte, drei Lagerhallen für Verpflegung, vier Kraftfahrzeug-Lagerschuppen und vier weitere Lagergebäude errichtet.

Am 1. Februar 2000 wurde das Depotgelände mit allen darauf befindlichen Gebäuden an die Landesforstverwaltung zurückgegeben. In der unmittelbaren Folge wurde das Depot als Nasslagerplatz für das beim Orkan Lothar angefallene Sturmholz genutzt. Um die Verkehrssicherheit vollständig herzustellen, sollen alle baulichen Anlagen auf dem ehemaligen Depotgelände abgebrochen werden, mit Ausnahme von drei Gebäuden, die zukünftig für den Forstbetrieb genutzt werden.

Der südöstliche Teil soll als Wertholzsubmissionsplatz genutzt werden. Für diese Rückabwicklung ist das Regierungspräsidium Tübingen als höhere Forstbehörde zuständig. Mit Planung, Organisation und Durchführung der Abbrucharbeiten hat das RP das Staatliche Hochbauamt Reutlingen beauftragt.

Die Abbrucharbeiten gestalten sich schwierig, da Vorgaben des Natur- und Artenschutzes zu beachten sind. So sind etwa für Fledermäuse Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen erforderlich. Läuft alles nach Plan, soll der Abbruch bis Winter 2017/2018 abgeschlossen sein.

 

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