Schorndorf In der Innenstadt muss jeder kämpfen

Noch ist die Situation ganz gut: Die Schorndorfer Innenstadt prägen kleine Läden und Cafés. Foto: Palmizi / ZVW

Schorndorf. Schuh-Tausch, Poisitive und No Tabu in der Gottlieb-Daimler-Straße, Hosenspezialist Udo in der Neuen Straße – und wieder verliert Schorndorf vier inhabergeführte Läden. Mag es an anderen Stellen auch Neueröffnungen geben und Wirtschaftsförderin Gabriele Koch die Einzelhandelssituation als „noch ganz gut“ bezeichnen: Sie muss große Anstrengungen unternehmen, damit der Online-Handel nicht noch mehr Kunden abzieht.

Als vor einigen Wochen nicht nur Schuh-Tausch und Poisitive die Geschäftsaufgabe-Plakate aufgehängt haben, sondern es in zwei benachbarten Geschäften ebenfalls nach Ladenschluss aussah, war der Blick vom Marktplatz in die Weststadt plötzlich ganz schön getrübt. Mag Tedi nach der Renovierung auch wieder geöffnet haben, bei No Tabu ist mittlerweile klar: Ende des Monats ist nach sieben Jahren Schluss.

„Wir spüren jeden Tag, dass es sich verändert" 

Die Situation in der Schorndorfer Innenstadt ist – wie anderswo auch – angespannt. „Wir spüren jeden Tag, dass es sich verändert und jeder kämpfen muss“, sagt Wirtschaftsförderin Gabriele Koch und schätzt, dass der Online-Handel mittlerweile einen Marktanteil von fast 20 Prozent hat. Dazu kommt aus ihrer Sicht: „Die Menschen werden immer anspruchsvoller.“

Mögen, wie eine Umfrage aus dem Jahr 2014 zeigte, die über 45-Jährigen zufrieden mit dem Angebot sein, weichen die Jüngeren offenbar immer mehr auf andere Einkaufsstädte oder gleich aufs Internet aus. Um auch für diese Zielgruppe attraktiv zu sein, war es Gabriele Koch besonders wichtig, H&M nach Schorndorf zu locken.

Wie sie überhaupt große Anstrengungen unternimmt, um den Einzelhandel zu beleben: Als Hosenspezialist Udo in der Neuen Straße zugemacht hat, versuchte sie jemanden zu finden, der die Herrenmode-Lücke in Schorndorf schließen kann. Ebenso, wie sie vor einigen Jahren einen Musikalienhandel in Schorndorf etablieren wollte – bei 1200 Schülerinnen und Schülern in der Jugendmusikschule. Bis an den Bodensee, erinnert sich Koch, habe sie damals telefoniert und Schorndorf-Prospekte verschickt, leider vergeblich.

„Bei Schuhen ist der Online-Handel extrem stark“

Nachdem jetzt mit Schuh-Tausch innerhalb eines Jahres schon der dritte Schuhladen in Schorndorf schließt, versucht die Wirtschaftsförderin wieder, einen Ersatz zu finden. In der seit zwei Jahren leerstehenden Deutsche-Bank-Filiale an der Ecke Marktplatz/Neue Straße, deren Schaufenster im Moment für die Gartenschau-Werbung genutzt wird, könnte sie sich einen großen Schuhladen bestens vorstellen. Doch sie weiß auch: „Bei Schuhen ist der Online-Handel extrem stark.“

Das kann Herbert Tausch bestätigen. Der Reutlinger Unternehmer, der am 30. Juni sein Schuhgeschäft in Schorndorf endgültig schließen wird, hatte – seitdem er vor dreieinhalb Jahren in eine Renovierung investierte – deutliche Umsatzrückgänge zu verzeichnen.

Konnte er vor Jahren, als zwei Schuhketten ihre Filialen in Schorndorf schlossen, noch profitieren, hat ihm der mittlerweile fast leer gefegte Markt keine weiteren Kunden beschert. Die Idee, ein großes und ebenerdiges Schuhhaus an der Stuttgarter Straße zu eröffnen, scheiterte ebenfalls. Jetzt zieht sich Tausch aus Schorndorf zurück – und konzentriert sich künftig auf seine Schuhmärkte in Reutlingen und Pfullingen.

Der Einzelhandel sorgt für eine attraktive und belebte Innenstadt

Dafür gibt es in Schorndorf mittlerweile sieben Optiker und vier Hörgeräte-Läden. Keine Ausnahme im weiten Umkreis: „Das ist in allen Städten so“, sagt Wirtschaftsförderin Gabriele Koch. Außerdem könne man seit ungefähr zehn Jahren beobachten, dass immer mehr Dienstleister von den Obergeschossen ins Erdgeschoss drängen.

Um den Einzelhandel, der im hohen Maß für eine attraktive und belebte Innenstadt sorgt, zu unterstützen, gibt es seit vergangenem Jahr aber als leicht zugängliche Mietförderung die „Schorndorfer Starthilfe“: Wer in der Innenstadt ein Einzelhandelsgeschäft eröffnet, bekommt von der Stadt 16 Monate lang bis zu einem Viertel des Mietpreises erstattet. Mit dieser außergewöhnlichen Maßnahme soll sich nicht nur der Anteil der inhabergeführten Geschäfte erhöhen, „wir wollen auch die Gründungsidee befeuern“, sagt Koch und hat dennoch noch niemanden gefunden, der diese Förderung in Anspruch nehmen will.

Doch es gibt Neueröffnungen: In der Kirchgasse wird im ehemaligen Tattoostudio ein Antiquitätenhandel eröffnen und in der Schulstraße 9 ein Design-Mode-Geschäft. Die Gebäude Gottlieb-Daimler-Straße 39 und 41, ehemals Korb-Schnabel, dann Freeride-Mountain, werden abgebrochen und als Laden- und Wohnhaus neu gebaut. Ein paar Schritte weiter ist in die ehemalige Biwak-Schachtel die Schneiderei aus dem Güterbahnhof gezogen. Und im mittlerweile geschlossenen Reishaus an der Stuttgarter Straße zieht ein Küchenstudio ein.

Eigene Homepage: Mancher Einzelhändler verzichtet noch

Welche vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten es in Schorndorf gibt, darüber informiert nicht zuletzt auch die Internetseite von Schorndorf-Centro. Doch Lars Scheel, Mitarbeiter im Fachbereich Wirtschaftsförderung und Grundstücksverkehr, hat auch festgestellt: „Das Generieren von Inhalten fällt schwer.“ Soll heißen: Das Angebot, Bilder oder virtuelle Rundgänge hochzuladen, wird kaum genutzt. Und: Obwohl viele Kunden das heute durchaus erwarten, verzichten viele Schorndorfer Einzelhändler noch immer auf eine eigene Homepage.

Zu einer attraktiven Innenstadt gehört auch ein gutes gastronomisches Angebot, findet Gabriele Koch – und verrät, dass es gute Chancen auf einen neuen Pächter für den Pfauen gibt. Dass „diese tolle Ecke in der Höllgasse und das schöne Gebäude“ wieder belebt werden, das war der Wirtschaftsförderin ein echtes Anliegen.

„In der Innenstadt ist jeder Platz dreifach belegt“

Und Lars Scheel kümmert sich um die Aufenthaltsqualität: Ab Mai werden am Oberen Marktplatz wieder die weißen Plastiksessel vom vergangenen Jahr aufgestellt – allerdings ohne die grünen Kunstrasenmatten und mit mehr Kontrolle: Weil es massive Beschwerden der Anwohner gegeben hat, soll künftig in den Abend- und Nachtstunden eine Bunk-Streife vorbeigeschickt werden.

Womöglich, so die Überlegung, werden die Sessel auch in den Sommerferien, wenn die lauen Nächte besonders viele Marktplatz-Hocker anlocken, weggestellt. Sie jeden Abend reinzustellen ist angesichts ihres Gewichts nicht möglich. Und wechselnde Standorte in der Innenstadt zu finden, wie von den Anliegern vorgeschlagen, hält Scheel für schwierig: „In der Innenstadt ist jeder Platz dreifach belegt.“ Außerdem sollte mit den Sitzmöglichkeiten ja der Obere Marktplatz belebt werden.

Besucher – und Kunden – zielsicher durch Schorndorf führen

Aus diesem Grund wird künftig auch der Marktbrunch, den es seit einem Jahr samstags mit Kathrin Fischers Café-Anhänger und seit einiger Zeit mit Olaf Stickels Würstchenbude gibt, ausgedehnt werden: Ein Foodtruck wird mittwochs und donnerstags Station auf dem Oberen Marktplatz machen.

Und zur Gartenschau, kündigt Scheel an, ist eine Installation geplant. Unterhalb der Stadtkirche – an der Ecke Gottlieb-Daimler-/Schlichtener Straße – werden die beiden Parkplätze gestrichen und neue Rundbänke aufgebaut. Die 31 Pflanzkübel, die die Weststadt im vergangenen Jahr zum Blühen gebracht haben, sollen wieder aufgestellt werden.

Da sich der Weststadt-Verein aus der Betreuung zurückgezogen hat, sind wieder neue Paten gesucht, die die Kübel bepflanzen und pflegen. Und noch eine Neuerung ist für den Herbst angedacht: Statt der dunkelbraunen Touristen-Hinweisschilder wird es an den Innenstadt-Eingängen 50 Zentimeter breite und zwei Meter hohe Infotafeln geben, um Besucher – und Kunden – zielsicher durch Schorndorf zu führen.


Die Pfauen

Noch hat er keinen neuen Pächter, verrät Flex-Fonds-Geschäftsführer Gerald Feig, der das Haus 2009 gekauft und aufwendig renoviert hat, er ist aber mit fünf Bewerbern im Gespräch, „die alle von gut bis sehr gut mit Stern sind“. Vier sind von außerhalb, einer aus der Region. Bis Ende des Monats soll die Entscheidung fallen. Und fest steht jetzt schon, dass das Restaurant am 15. September wiedereröffnen soll. Dann aber „mit Herzblut und Verstand“. Die Seele, sagt Feig, habe dem Pfauen bisher gefehlt.

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