Schorndorf Info-Veranstaltung zur Flüchtlingsunterbringung

Schorndorf. Die einen freuen sich auf unbegleitete Flüchtlinge als neue Nachbarn im Grasigen Weg und erkundigen sich nach den Möglichkeiten, Gastfamilie für einen jungen Flüchtling werden zu können, die anderen befürchten, dass sich mit so einer Nachbarschaft bald keine Wohnungen mehr vermieten lassen. – In diesem Spektrum bewegte sich die Diskussion bei der Informationsveranstaltung zur Flüchtlingsunterbringung in der Barbara-Künkelin-Halle.

Nachdem Oberbürgermeister Matthias Klopfer die aktuelle Situation beschrieben und die nächsten Vorhaben skizziert hatte (wir haben in der Samstagausgabe der Schorndorfer Nachrichten berichtet), nachdem Landrat Dr. Sigel das Thema aus Sicht des Kreises beleuchtet hatte, nachdem die Leiterin des Fachbereichs Bürgerservice, Sicherheit und Ordnung, Karin Bauer, erläutert hatte, wie Asylverfahren ablaufen, und nachdem Joachim Hoffmann von der Paulinenpflege und Hanne Mörtl vom SOS-Kinderdorf anhand von teils schon konkretisierten (Grasiger Weg) und teilweise noch nicht spruchreifen Projekten den Umgang mit unbegleiteten Flüchtlingen geschildert hatten, waren die Bürgerinnen und Bürger in der gut gefüllten Halle am Zug. Und waren sich untereinander und auch mit dem Oberbürgermeister und mit dem Landrat zumindest in zwei Punkten weitgehend einig: dass es erstens für Akzeptanz und Stimmung in der Bevölkerung wichtig ist, dass Menschen aus sicheren Herkunftsländern konsequenter als bisher abgeschoben werden, ja dass sie am besten erst gar nicht erst von den Kommunen untergebracht werden müssen, und dass zweitens die Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen, dass die Flüchtlinge möglichst schnell aus den großen Sammelunterkünften herauskommen und auf kleinere Einheiten verteilt werden, weil, wie es der Landrat sagte, „aus einer Sammelunterkunft heraus keine Integration gelingen“ könne.

Klopfer sicher: Integration von 1000 Flüchtlingen kann gelingen

Weitere Zugeständnisse aber wollten weder Matthias Klopfer noch Dr. Richard Sigel machen. Auf die Frage, ob es für ihn eine Obergrenze für Flüchtlinge in Schorndorf gebe und wie er dazu stehe, dass mittelfristig 20 Millionen Muslime in Deutschland lebten, sagte der Oberbürgermeister zunächst einmal ganz grundsätzlich, dass das Grundrecht für Asyl keine Obergrenze kenne und dass er von solchen abstrakten Zahlen nichts halte, sondern sich lieber an das halte, was er aus Schorndorfer Sicht einigermaßen konkret sagen könne. Und da sieht’s für Klopfer so aus, dass bis Ende des Jahres 600 und bis Ende nächsten Jahres tausend Flüchtlinge in der Stadt leben könnten, was bei einer 60-prozentigen Anerkennungsquote und dem zu erwartenden Familiennachzug bedeuten könnte, dass die Stadt in absehbarer Zeit um 2500 bis 3000 Einwohner wächst und dass bis 2020 etwa 1000 neue Wohnungen gebaut sein sollten. Wenn bis Ende 2016 tausend Flüchtlinge kämen und vielleicht im darauffolgenden Jahr nochmals 300, dann könne Integration gelingen, meinte Klopfer – vorausgesetzt die Genehmigung von Baugebieten ziehe sich nicht wegen Einsprüchen über fünf bis acht Jahre hin. Auch der Landrat ließ sich durch die Frage, was er zu tun gedenke, wenn bald kein Platz mehr für neue Flüchtlinge sei („Können Sie zaubern oder stellen Sie dann ein Zelt in Ihren Garten?“), nicht aus der Fassung bringen. Er sei bisher noch guter Dinge, dass allen Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf geboten werden könne, weil der Kreis aktuell dabei sei, rund 200 Objekte auf ihre kurz- und mittelfristige Tauglichkeit als Unterkunft zu prüfen. „Wir planen, bauen und mieten“, sagte Sigel, der den Kreis und die ihn unterstützenden Kommunen, unter denen Schorndorf eine Vorreiterrolle einnehme, zwar „stark gefordert, aber noch nicht überfordert“ sieht. Aber, betonte der Landrat auch: „Wir müssen auch im Interesse der vielen, die sich ehrenamtlich engagieren, irgendwann die Entlastung spüren.“

Härer: Flüchtlingsschicksale nicht gegeneinander ausspielen

Vorläufig aber gelte es, waren sich Matthias Klopfer und Richard Sigel einig, weil im Publikum immer wieder auf den Unterschied zwischen „echten“ Flüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen abgehoben wurde, allen hier ankommenden Flüchtlingen einen menschenwürdigen Empfang zu bereiten. CDU-Stadtrat Matthias Härer unterstützte diese Aufforderung mit einem flammenden Appell: „Ich verstehe viele Ängste, wenn hier gesagt wird, dass 1000 neue Flüchtlinge kommen, aber ich bin irritiert und entsetzt, wenn versucht wird, verschiedene Arten von Flucht und von Hilfsbedürftigkeit gegeneinander auszuspielen“, sagte Härer und er fügte hinzu: „Jeder Mensch hat seine eigene Fluchtgeschichte, auch wenn sich nachher im Verlauf des Verfahrens die Spreu vom Weizen trennt.“ „Öffnen Sie Ihre Herzen und schüren Sie nicht in erster Linie Ressentiments“, bat der CDU-Stadtrat, der seinerseits viel Zustimmung erntete – von Gerhard Rall, dem Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes, genauso wie von Dekan Volker Teich, dessen Überzeugungen, dass „niemand von denen, die heute hier sitzen, einen Nachteil haben“ werde und dass der Dialog mit anderen Religionen etwas sein könne, was eine Gesellschaft weiterbringe, mit Hohngelächter quittiert wurde. „Angst bringt uns nicht weiter“, gab der Dekan zu bedenken und warb ebenso um die Bereitstellung von Wohnungen für Flüchtlinge, wie das zuvor schon Pfarrerin Dorothee Eisrich getan hatte – verbunden mit der Frage, wie die Stadt Menschen, die dazu grundsätzlich bereit, aber konkret noch etwas zögerlich seien, unterstützen könne. Stadt und Städtische Wohnbaugesellschaft seien dabei, ein Angebotspaket zu schnüren, das unter anderem die Möglichkeit beinhalte, dass eine Wohnung von der SWS angemietet und dann weitervermietet werde, sagte Klopfer. Und weiter. „Es gibt schon einige erste ganz positive Erfahrungen, aber wir sind natürlich auch offen zu erfahren, wenn’s schwierig wird.“

Klopfer: Wir lassen nicht zu, dass diese Stadt gespalten wird

Der Einwand von Leo Fromm, der in Weiler ein Haus gekauft und es an ein deutsches Paar und eine afghanische Familie vermietet hat, dass viele im Saal in ihrer Familiengeschichte auch Flüchtlingserfahrungen hätten, wurde von Zwischenrufern mit dem Hinweis zurückgewiesen, dass sich damals Menschen aus demselben Kulturkreis begegnet seien. Ebenfalls zu einer solchen Diskussion gehört mittlerweile offensichtlich, dass Menschen ihr Herz für Obdachlose entdecken und die Gefahr beschwören, die könnten – gerade auch bei der Wohnungssuche – vollends durch den Rost fallen, wenn der Fokus ausschließlich auf die Flüchtlinge gerichtet sei. Dazu die klare Ansage von Oberbürgermeister Matthias Klopfer: „Wir lassen nicht zu, dass diese Stadt und die Stadtgesellschaft gespalten werden.“ Er werde auch in Zukunft der Oberbürgermeister aller in Schorndorf lebenden Menschen sein, sagte Klopfer auch und gerade mit Blick auf die Schaffung von weiterem Wohnraum, den es nicht nur in Form von Sozialwohnungen brauche, sondern auch in Form von Wohnungen im (finanziell) mittleren und oberen Segment. Matthias Klopfers Schlussappell lautete: „Sprechen Sie die Menschen an und zeigen Sie Flagge!“ Letzteres ein angesichts mancher nur schwer auszuhaltenden Äußerungen im Saal durchaus begründeter Aufruf.

Zitate aus der Informationsveranstaltung

"Das sind junge und sehr friedfertige Leute, die eine hohe Anpassungsleistung erbringen und mit denen man gut klarkommt." Joachim Hoffmann von der Paulinenpflege über seine bisherigen Erfahrungen mit unbegleiteten Flüchtlingen.

"Wenn das Einzelpersonen wären, dann wären viele nicht glücklich, vor allem die Frauen nicht." Ein besorgter Anwohner zur geplanten Unterbringung von zunächst 60 und später noch einmal 60 Flüchtlingen im ehemaligen Bunk-Gebäude in der Baumwasenstraße.

"Die Deutschen sind ein Reisevolk. Dieses Interesse an anderen Kulturen sollte man eigentlich mit nach Hause bringen. Ich lade alle ein, mal in den Tafelladen zu kommen, damit Sie sehen, wie friedlich und zurückhaltend diese Leute sind." Helmut Topfstedt aus der Erfahrung seiner Arbeit im Tafelladen.

"Wir müssen wieder die Dimension der Barmherzigkeit lernen." Leo Fromm, der sich zuvor als "Flüchtlingskind" geoutet hatte.

"Wer so viel Rüstung exportieren kann wie wir, der kann auch viele Flüchtlinge aufnehmen." Eine politische Meinungsäußerung.

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