Schorndorf Karl May nie aus der Hand gelegt

Schorndorf. Ist von Karl May die Rede, von Winnetou und Kara Ben Nemsi, kriegen Männer, die in den 50er und 60er Jahren kleine Jungs waren, glänzende Augen. Hadschi Halef Omars vollständigen Namen herunterzubeten – ein Kinderspiel. Einer, der sich die Begeisterung nicht nur in der Erinnerung bewahrt hat, ist Hartmut Wörner. Er ist Ministerialrat im Wissenschaftsministerium und setzt sich als Geschäftsführer der Karl-May-Gesellschaft für das Erbe des Vielschreibers ein – und für seine Bedeutung als Weltanschauungsschriftsteller.

Video: Hartmut Wörner liest aus einem Briefwechsel Karl Mays mit einem jungen Leser vor.

In einer Zeit, als europäische Kolonialherren Ureinwohner gerne respektlos von oben herab behandelten, in Indianern, Arabern und Afrikanern nur Untermenschen sahen, zeichnete Karl May in seinen Büchern das Bild vom edlen Wilden – und Millionen von jungen Lesern haben die Abenteuergeschichten des Apachenhäuptlings Winnetou und Mays Orientzyklus verschlungen. Mag Hartmut Wörner auch nicht jedes der insgesamt 94 Werke, die der sächsische Vielschreiber zwischen 1870 und 1912 verfasst hat, als Meisterwerk bezeichnen, die humanitäre Botschaft hält der Geschäftsführer der Karl-May-Gesellschaft (KMG) Radebeul bis heute für bedeutsam. Allein die sechsbändige Orientreihe hat nach Wörners Überzeugung auch heute noch einiges zu bieten „an interessanten Informationen“.

Aufarbeitung von Werk und Leben Karl Mays

Tatsächlich hat Karl May aber, dessen Fans am 25. Februar 2017 seinen 175. Geburtstag feiern, an Bedeutung enorm verloren. Mit der Neuverfilmung des Winnetou-Dreiteilers hat RTL über Weihnachten ein Quotendesaster erlebt. Von dem Millionenpublikum ist nicht viel übrig geblieben, auch wenn die Karl-May-Gesellschaft noch stolz auf 1600 Mitglieder sein darf. Ältere Männer sind eindeutig in der Überzahl, „die meisten sind zwischen 50 und 60“, sagt Wörner und weiß, dass damit die beste Zeit der Gesellschaft vorbei ist. 1969 gegründet, inmitten des Winnetou-Hypes, bemüht sich die Karl-May-Gesellschaft bis heute um eine literatur- und kulturwissenschaftliche Aufarbeitung von Leben und Werk und veröffentlicht fleißig Jahrbücher, Mitteilungen, Sonderhefte und Materialien. Sie treibt eine auf einhundert Bände angelegte historisch-kritische Ausgabe voran, pflegt ein großes Archiv in Radebeul und veranstaltet alle zwei Jahre einen Kongress – ganz ohne Tipis und Lagerfeuer. Denn darum geht es der KMG und ihrem Geschäftsführer nicht: um kultische Verehrung eines Schriftstellers, der lange als harmloser Jugendbuchautor unterschätzt wurde. Die Karl-May-Gesellschaft bemüht sich vielmehr um eine „vorurteilsfreie, nüchterne und wissenschaftlich solide, aber auch im besten Wortsinne amateurhafte, also liebhaberische Beschäftigung mit May, bei der wacher kritischer Verstand Hand in Hand geht mit Engagement für den Webersohn, der sich und uns eine eigene Welt schuf“.

Mit 15 Jahren Eintritt in die Karl-May-Gesellschaft

Für Hartmut Wörner, Jahrgang 1962, ist der sächsische Schriftsteller, der aus ärmsten Verhältnissen stammte, trotz aller Chancen früh strauchelte, es mit der Wahrheit nicht so genau nahm, sich trotz einer verbüßten Haftstrafe später als Redakteur und Bestseller-Autor einen Namen machen konnte und letztlich doch Opfer einer medialen Hetzjagd wurde, „ein schillernder Mensch“ und „eine faszinierende Persönlichkeit“. Mit acht Jahren hat Wörner „Der Schatz im Silbersee“ gelesen und jahrelang sein Taschengeld bis auf den letzten Pfennig in die grün-goldenen Bände gesteckt. 1977, da war er gerade mal 15 Jahre alt, ist Wörner in die Karl-May-Gesellschaft eingetreten und hat sofort in deren „Mitteilungen“ publiziert – bis zum Ende seines Studiums. Ein positiver Nebeneffekt an der Lust, den eigenen Namen zu lesen: „Ich kam innerhalb eines halben Jahres in Deutsch von einer Drei auf eine Eins.“ Bis heute fasziniert ihn vor allem das Spätwerk, die Völkerverständigung, der Pazifismus, die Ethik und die transzendente Humanität in Mays Werk. 2015 hat er eine Vergleichsstudie zu den „Seelenbrüdern“ Karl May und Helmut Hesse veröffentlicht, in einem 165-Seiten-Werk im Hansa-Verlag Husum. In einer aktuellen Studie beschäftigt er sich mit dem Alkohol bei May, Thema waren bereits Tolstoi, Dostojewski und die Frauenfiguren. Nur den Karl-May-Verfilmungen, den Festspielen und geführten Winne-Tours kann Wörner nichts abgewinnen.

Karl May als Lebensthema

Obwohl er Jura studierte und sich heute als Referatsleiter im Stuttgarter Wissenschaftsministerium mit Hochschulrecht auseinandersetzt, Karl May ist sein Lebensthema geblieben: Die Bücher füllen viele Regalmeter in seinem Reihenhaus an der Mittleren Uferstraße. Originalillustrationen schmücken die Wände des Wohnzimmers, er sammelt Zeitschriften und hütet eine vom Autor selbst verfasste Postkarte wie einen Schatz. Und seine Begeisterung hat Hartmut Wörner natürlich auch an seine Kinder weitergegeben – und immerhin seinen heute 16-jährigen Sohn dazu gebracht, 40 Karl-May-Bände zu lesen; die Tochter konnte sich nur für Band 63, „Das Buschgespenst“, begeistern. Nach Jahren, in denen der Fokus auf Beruf und Familie lag, ist Hartmut Wörner seit 2012 wieder in der Karl-May-Gesellschaft aktiv. Seit Oktober 2015 als ehrenamtlicher Geschäftsführer „Mädchen für alles“, also in durchschnittlich zehn Stunden pro Woche zuständig für die Geschäfte der laufenden Verwaltung, das Mitgliedermanagement, für das Bearbeiten der anfallenden E-Mails, die Vorbereitung der Kongresse und Tagungen, für Medienkontakte und Marketing.

Mindestens so spannend wie Bestsellerautor Ken Follett

Dass Karl May kein Massenphänomen mehr ist, war ihm natürlich schon klar, als er den Geschäftsführer-Posten übernahm. Doch der Mittfünfziger will die Gesellschaft, die mit einem schrumpfenden Mitgliederbestand zu kämpfen hat, zukunftsfähig machen. Digitalisierung ist ein Stichwort, von manchen alten Zöpfen werde man sich trennen müssen, kündigt Wörner an und kann sich bereits über zehn Neueintritte im Jahr 2017 freuen. Und obwohl es sich bei der KMG noch immer um die viertgrößte literarische Gesellschaft handelt – „nach Schiller, Goethe und Shakespeare“ –, macht sich Hartmut Wörner Gedanken darüber, warum Karl May bei den heutigen Jugendlichen, die sowieso schon weniger lesen, so gar nicht mehr zündet: Für ihn hängt es „mit einer massiven Änderung unserer Kultur zusammen“. Amerika und der Orient haben an Exotik verloren, geheimnisvoll sind nach Wörners Beobachtung vielleicht noch fantastische Welten.

Die Begeisterung, die Karl Mays Abenteuer auf ihn und seine Altersgenossen ausgeübt haben, das Suchtpotenzial, hat er für die Massen verloren. Und dabei könnten die Bücher – mit einer deutschen Gesamtauflage von 100 Millionen – in Sachen Spannung und Relevanz locker mit Bestsellern wie Ken Folletts „Säulen der Erde“ mithalten, findet Wörner. Mit dem abenteuerlichen Leben Karl Mays kann es jedenfalls so schnell kein zeitgenössischer Autor aufnehmen.

Lesetipps für neue und alte Karl-May-Fans

Auch für Leserinnen und Leser, die den vollständigen Namen von Kara Ben Nemsis arabischem Diener und Freund – er lautet: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah – (noch) nicht herunterbeten können, kann das Werk des sächsischen Vielschreibers lohnend sein, auch heute noch, 105 Jahre nach seinem Tod.

Karl-May-Kenner Hartmut Wörner kann Jugendlichen ab 14 Jahren auf jeden Fall die Winnetou-Trilogie empfehlen und vor allem Winnetou I: „Das ist Karl May in Bestform.“ Empfehlenswert ist für Wörner auch der sechsbändige Orientzyklus von „Durch die Wüste“ bis „Der Schut“: Spannend zu lesen und gefüllt mit interessanten Informationen, die angesichts der Krisen im Nahen und Mittleren Osten durchaus aktuell sind.

Erwachsenen empfiehlt Wörner sein persönliches Lieblingsbuch „Am Jenseits“, in dem es um die existenziellen Fragen, den Sinn von Leben und Tod geht. Doch auch „Ardistan und Dschinnistan“, zwei fiktive Reisen zur Veredelung des Menschen, hält Wörner für lesenswert.

Besondere Schmankerl bietet auch die Anthologie des Spätwerks „Das Ross der Himmelsphantasie“, herausgegeben von Hartmut Wörner, die im Februar 2017 erscheinen wird und Erzählungen, Reflexionen, Gedichte und autobiografische Texte enthält sowie den Briefwechsel, aus dem Hartmut Wörner im Video unter www.zvw.de/schorndorf.

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