Schorndorf Völker: Letzte Stadtführung als Gottlieb Daimler

Gestatten: Karl-Otto Völker alias Gottlieb Daimler. Weil Völker zum Vorsitzenden des Landesseniorenrates gewählt worden ist, hat er sein Doppelleben für beendet erklärt. Foto: Palmizi / ZVW

Schorndorf. Karl-Otto Völker hat nicht Buch darüber geführt, wie viele Besuchergruppen er in den letzten sechseinhalb Jahren als Gottlieb Daimler durch die Stadt geführt hat. Er weiß nur: „Es waren Unzählige.“ Jedenfalls so viele, dass er, auch wenn er als Karl-Otto Völker in der Stadt unterwegs war, immer wieder mit „Gott zum Gruß, Herr Daimler“ gegrüßt worden ist. Mit diesem Doppelleben hat es jetzt, da Völker zum Vorsitzenden des Landesseniorenrats gewählt worden ist, ein Ende.

Video: Karl-Otto Völker in seiner Rolle als Gottlieb-Daimler.

Offiziell hat der 71-Jährige, der viele Jahre lang SPD-Fraktionsvorsitzender im Schorndorfer Gemeinderat war, bis er kurz nach seinem 70. Geburtstag sein Gemeinderatsmandat aufgegeben hat, seine Karriere als Gottlieb Daimler am 1. Juni 2011 mit einer Presseführung begonnen. Vorher hatte Völker noch eine Probeführung anberaumt, an der unter anderem sein langjähriger Freund Alfred Blümle teilgenommen hatte. Viel Zeit, in seine Alias-Rolle zu schlüpfen und sein Doppelleben als Karl-Otto Völker einerseits und Gottlieb Daimler andererseits vorzubereiten, war dem damals 65-Jährigen nicht geblieben. Am 31. März war er in den Ruhestand gegangen, wenig später kam von Seiten der Stadt in Person von Nicole Marquardt-Lindauer die Anfrage, ob er sich nicht anlässlich des bevorstehenden Automobilsommers und der damit verbundenen Feierlichkeiten zu „125 Jahre Automobil“ vorstellen könne, als Stadtführer den Gottlieb Daimler zu verkörpern.

Daimler wurde in eine völlig verarmte Stadt hineingeboren

Eine schöne Aufgabe für Einen, der sich schon immer für die Geschichte seiner Heimatstadt interessiert hat. Und dem es, als er sich ein Drehbuch für seine Auftritte als großer Sohn der Stadt Schorndorf geschrieben hat, ein besonderes Anliegen war, die Geschichte Daimlers und des von ihm verantworteten technischen Fortschritts in den Kontext mit der Geschichte der Stadt und Württembergs zu bringen. Er habe, sagt Karl-Otto Völker, denen, die seine Führungen gebucht hätten, vor Augen führen wollen, was das für eine Zeit war, in die Daimler hineingeboren worden ist, und welchen Aufschwung die Stadt und das Land durch die nicht zuletzt von Gottlieb Daimler angestoßene Mobilisierung und Industrialisierung genommen haben. 4000 Einwohner hatte Schorndorf damals, und mindestens die Hälfte davon war verarmt, die meisten von ihnen „total“, wie es in der Beschreibung eines Pfarrers aus der damaligen Zeit heißt. Und nicht wenige sind ausgewandert – als „Wirtschaftsflüchtlinge“, um einen heutzutage gerne als Schimpfwort gebrauchten Begriff zu verwenden.

Die Geschichte vom angeblich ersten Verkehrsunfall weltweit

Er habe, sagt Völker, bei seinen Führungen nicht nur angelernte Fakten und Zahlen referieren, sondern er habe – möglichst humorvoll, weil die Menschen auf diese Weise viel besser zu erreichen seien – Geschichten erzählen wollen. Auch immer wieder neue, wenn sie sich durch das Studium entsprechender Quellen aufgetan haben. So sei ihm, erzählt der 71-Jährige, erst im vergangenen Jahr die Geschichte des ersten Automobilunfalls weltweit untergekommen, der sich angeblich in Schorndorf zugetragen hat. Sinnigerweise war’s der Urgroßvater seiner Frau Renate, ein gewisser Christian Schnabel, der als Fußgänger, der zu vorgerückter Stunde auf dem Heimweg von seinem Stückle im Ramsbachtal war, in der Stuttgarter Straße mit einer Kutsche kollidiert ist, in der Gottlieb Daimler und sein Mitstreiter Wilhelm von Maybach saßen, die ihrerseits auf dem Heimweg von Schorndorf nach Cannstatt waren, wo Daimler nach seiner Schorndorfer Zeit gelebt und gearbeitet hat (und wo Karl-Otto Völker ebenfalls Führungen angeboten hat). Witzig an der Geschichte mit dem angeblich weltweit ersten Verkehrsunfall ist vor allem, wie es dazu kommen konnte: Besagter Christian Schnabel hat die beiden Lichter, die er auf sich zukommen sah, irrtümlich für die Beleuchtung von zwei Fahrrädern gehalten, und gedacht, zwischen den beiden Zweirädern könne er ungeschoren durchmarschieren. Ob das nun alles ganz genauso war – geschenkt. Den Leuten hat’s gefallen und sie hatten ihren Spaß – genauso wie der Stadtführer, der immer ganz vornehm mit Spazierstock, Charme und Melone unterwegs und stilvoll mit Weste und Frack gekleidet war.

Die Schönheit der Stadt sieht man im Alltag gar nicht mehr

Als Karl-Otto Völker am Nikolaustag dieses Jahres zum letzten Mal eine Besuchergruppe – in diesem Fall die Belegschaft einer Versicherungsgesellschaft aus Ellhofen bei Heilbronn – als Gottlieb Daimler durch die Stadt geführt hat, da hat ihn ungeachtet aller rationalen Einsicht, dass die vielen Termine eines gefragten Stadtführers und die vielfältigen Verpflichtungen als Vorsitzender des Landesseniorenrates nicht unter einen Hut zu bringen sind, doch auch ein bisschen Wehmut befallen. „Eine Aufgabe, bei der es so viele und eigentlich nur positive Rückmeldungen gibt, die gibt man nicht gerne ab“, der es immer wieder erlebt hat, wie „bass erstaunt“ ob der Schönheit der Daimlerstadt – „Und die sind wir, obwohl Daimler hier nur seine Kindheit und einen Teil seiner Jugend verbracht hat“, betont Karl-Otto Völker – vor allem die Besucher waren, die von außerhalb und zum ersten Mal nach Schorndorf gekommen sind. „Wenn wir das gewusst hätten, wie schön es hier ist, wären wir schon viel früher gekommen“, hat Völker immer wieder zu hören bekommen. Und auch die Versicherungsleute aus Ellhofen haben sich spontan vorgenommen, dass sie der Daimlerstadt im kommenden Frühjahr wieder einen Besuch abstatten wollen. Aber auch Karl-Otto Völker selber und auch viele der einheimischen Besucher, die er – sei’s in Form von Jahrgängen und ehemaligen Schulklassen, Geburtstagsgesellschaften, Vereinen oder Betriebsgruppen – durch die Stadt geführt hat, mussten sich eingestehen, wie betriebsblind sie (geworden) sind und dass sie die Schönheit dieser Stadt im Alltag gar nicht mehr sehen. Und natürlich hat Karl-Otto Völker in jüngster Vergangenheit auch jede Gelegenheit genutzt, auch schon mal für einen Besuch in Schorndorf und im Remstal während der interkommunalen Gartenschau 2019 zu werben. Und auch da, findet Völker, sei die Marke Daimlerstadt „ein Alleinstellungsmerkmal erster Güte“.

Eine Führung ist versprochen: eine Sommertour in Stuttgart

Schorndorf ohne Daimler-Stadtführer, das geht natürlich nicht mehr. Und deshalb wurde rechtzeitig für die Zeit nach Karl-Otto Völker vorgesorgt und wurden die beiden Walter Leppert und Eduard Schall, nachdem sie sich für einen Stadtführer-Lehrgang angemeldet hatten, frühzeitig in Richtung Gottlieb Daimler geschult. „Jeder hat natürlich seinen eigenen Stil, aber die beiden machen das gut“, lobt Völker die neuen Gottliebs, denen er natürlich auch großzügig sein Drehbuch zur Verfügung gestellt hat – das, nicht zu vergessen, die Basis für die von Karl-Otto Völker und seiner Frau Renate verfasste Daimler Biografie war, die im Jahr 2013 erschienen ist. Als Stadtführer wird’s den 71-Jährigen also künftig nicht mehr geben, aber zumindest eine Führung hat er noch in seinem Terminkalender stehen: Im Rahmen der Sommertouren des Zeitungsverlags Waiblingen beziehungsweise der Schorndorfer Nachrichten wird er 2018 auf jeden Fall noch einmal eine seiner ebenfalls sehr beliebten und sehr speziellen Stadtführungen in Stuttgart anbieten.


Der nackte Mann

Wichtige Stationen, zu denen Karl-Otto Völker seine jeweilige Daimler-Gefolgsschar geführt hat, waren die Stadtkirche und die gegenüberliegende ehemalige Lateinschule (das heutige Stadtmuseum).

Als er mit den Landfrauen aus Kirchberg/Jagst unterwegs war, war’s noch nicht allzu lange her, dass die anlässlich des Reformationsjubiläums initiierte Stadtkirchenkunst-Ausstellung eröffnet worden war. Prompt wurde Völker von einer der Landfrauen gefragt, wo denn nun der nackte Mann stehe, von dem im Zusammenhang mit der Ausstellung so viel die Rede gewesen sei.

Woraufhin die Enttäuschung beiderseits groß war: Bei besagter Besucherin, weil sie zur Kenntnis nehmen musste, dass das mit dem nackten Mann nur eine vorübergehende Erscheinung am Eröffnungstag der Ausstellung war, und bei Karl-Otto Völker, weil er – scherzhaft – den Eindruck gewinnen musste, dass die Landfrauen gar nicht wegen des von ihm verkörperten Gottlieb Daimler, sondern wegen eines nackten Künstlers nach Schorndorf gekommen waren. Was letztendlich natürlich nicht der Fall war.

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