Schorndorf Künkelin-Preis 2012: Ein Porträt von Ulla Lachauer

Schorndorf. Für ihren Mut, Tabuthemen wie Kultur- und Heimatverlust, Vertreibung, Isolation und Integration und entwurzelten und vertriebenen Menschen – Frauen vor allem – ein Gesicht und eine Stimme zu geben, ist Ulla Lachauer gestern mit dem Barbara-Künkelin-Preis ausgezeichnet worden. „Wir werden Ulla Lachauer noch brauchen“, sagte in seiner Laudatio der Gründervater von Cap Anamur, Rupert Neudeck.

Für Neudeck gibt’s einen klaren Grund, wie die 1951 in Ahlen in Westfalen geborene Ulla Lachauer, die als freie Publizistin, Dokumentarfilmerin und Buchautorin arbeitet, dazu kam, sich um Vertriebene, um Spätaussiedler, um Flüchtlinge und um die in ihrer osteuropäischen Heimat Zurückgebliebenen und einsam Gewordenen zu kümmern, ohne selber irgendwie dazuzugehören oder familiär betroffen zu sein: „Sie hat ein angeborenes Urgefühl von Gerechtigkeit.“ Und um dieses Gefühl auch an Hunderttausende ihrer Mitbürger weitergeben zu können, habe sie diese Menschen besucht und sie mit großer Liebe oder, neudeutsch gesprochen: mit Empathie in hinreißenden, heimeligen und manchmal auch schmerzhaften Geschichten beschrieben.

Der 15. Künkelin-Preis

Zum insgesamt 15. Mal seit 1984 ist jetzt der Barbara-Künkelin-Preis vergeben worden. Es sei seinerzeit, so Elsbeth Rommel, die Vorsitzende des Preisgerichts und Tochter des Stifters Fritz Abele, eine mutige Entscheidung gewesen, einen Preis ausschließlich an mutige Frauen zu vergeben, deren Schaffen „gegen den Zeitgeist, innovativ und mit Wirkung auf die Zukunft gerichtet“ sein sollte.

Ein Beispiel dafür, dass auch Männer diese Anforderungen erfüllen können, ist Dr. Rupert Neudeck, der die Laudatio auf Ulla Lachauer gehalten hat. „Wenn Sie eine Frau wären, hätten Sie den Preis schon lange“, versicherte Elsbeth Rommel dem Gründervater der „Cap Anamur“.

Ebenfalls noch nicht vorgekommen ist in all den Jahren, dass eine Schorndorferin den Preis bekommen hat. Das sei aber durchaus nicht ausgeschlossen, betonte Elsbeth Rommel und rief dazu auf, für die nächste Preisverleihung entsprechende Vorschläge zu machen.

Zwei junge Frauen aus Schweden, Lea-Marie Sittler und Josefin Runsteen, haben als Duo „Jole Mari“ den Festakt musikalisch umrahmt – mit außergewöhnlichen Arrangements.

Am Dienstagabend, 19.30 Uhr, gibt’s in der Buchhandlung Bacher eine Lesung mit Ulla Lachauer.

Die Aussage, Ulla Lachauer gehöre für ihn zu den Frauen, die unbestechlich seien und die, ganz im Sinne von Barbara Künkelin, wüssten, wann Widerstand zu leisten sei, bezog Dr. Rupert Neudeck nicht zuletzt darauf, dass sie das Gesetz, wonach das Volk der Täter über seine Wunden zu schweigen habe, nicht nur infrage gestellt, sondern sich auch getraut hat, sich über Sprachverbote hinwegzusetzen und Menschen in den Fokus zu nehmen, die als Angehörige des Tätervolks zu Opfern geworden sind. „Es erschien ihr ungerecht, ausgerechnet die Gegenden auszublenden, die untergegangen sind, sie damit ein zweites Mal auszulöschen“, sagte Neudeck mit Blick zum Beispiel auf die seinerzeit 80-jährige Lena Grigoleit, die Einzige „von früher“ im litauischen Dorf Bitenai, das deutsch Bittehnen hieß, deren Lebensschicksal Ulla Lachauer in „Paradiesstraße“ beschrieben hat. Als Porträt „einer Frau von gestern“, die aber, wie alle ihre Figuren und Geschichten, in die Zukunft wirke. „Wir werden Ulla Lachauer noch brauchen“, sagte Rupert Neudeck. Weil es in Zeiten, da Afrikaner in vielmillionenfacher Zahl unterwegs seien, um den gelobten Kontinent Europa zu erreichen, Menschen und vor allem Frauen brauche, die sich mit Empathie, mit Geduld und mit Liebe in andere Menschen einfügen könnten.

Ulla Lachauer sei „eine Entdeckerin, die – weitab vom Mainstream – mit Neugier und großer Intuition recherchiert, sich auch politisch unliebsamen Themen widmet und ihnen poetisch Ausdruck verleiht“, sagte eingangs die Sprecherin der Stifterfamilie Abele und Vorsitzende des Preisgerichts, Elsbeth Rommel. Und sie fügte hinzu: „Sie ist stets und zuvorderst mutige Sprecherin für Frauen, die in ihrer Kultur keine eigene Stimme haben.“ Von besonderem Gewicht für die Auswahl der mittlerweile in Stuttgart lebenden Ulla Lachauer sei gewesen, dass sie die Geschichten nicht um ihrer selbst willen erzähle. „Sie erzählt sie aus Anlass aktueller, oft brennender und verborgener Problemlagen, aber auch im Hinblick auf zukünftige Wandlungsprozesse.“

Klopfer: Aus dem Lachauer-Projekt ein Schorndorfer Projekt machen

Ihm habe beim Lesen einiger Passagen eines Buches von Ulla Lachauer gefallen, dass sie Lebensgeschichten als liebevolle Porträts zeichne, sagte Oberbürgermeister Matthias Klopfer, der die Verleihung des mit 5000 Euro dotierten Preises vornahm und der Preisträgerin die vom verstorbenen Buocher Künstler Hans Gottfried von Stockhausen gestaltete Gedenkmedaille übergab. Klopfer ist an den Büchern und Dokumentationen von Ulla Lachauer wichtig, dass sie nicht nur Vergangenheit lebendig werden lassen, sondern dass sie diese Vergangenheit auch mit der Gegenwart verknüpfen und in die Zukunft weisen. Der Oberbürgermeister regte mit Blick auf den Heimatverein an, er solle aus dem spannenden Projekt der Beschäftigung mit Heimat und Heimatlosigkeit, mit Verlust von alter Heimat und Integration in eine neue Heimat ein Schorndorfer Projekt machen, solange es noch Zeitzeugen gebe. Es gebe aber auch Anlass und Gelegenheit, sich konkret für Menschen zu engagieren, die unter Not und Vertreibung litten, sage Klopfer im Hinblick darauf, dass es in Schorndorf mittlerweile wieder rund 150 Asylsuchende gebe. Und ein anderes Projekt von Ulla Lachauer hat ganz konkret mit Schorndorf zu tun: Es geht um das Massaker der Wehrmacht in Tulle und darum, wie sich die Franzosen an gleichfalls wehrlosen Hitlerjungen gerächt haben und wie sich aus dieser tödlichen Feindschaft allmählich eine Freundschaft entwickelt hat, die sich auch an der Städtepartnerschaft Schorndorf-Tulle ablesen lässt. Er könne sich vorstellen, dass dieser Film im Beisein von Ulla Lachauer Schülern gezeigt und anschließend mit diesen diskutiert werde, sagte Klopfer, dessen Vorschlag mit dem Heimatvereins-Projekt von dessen Vorsitzenden Dr. Holger Dietrich begrüßt und wohlwollend aufgenommen wurde. Das kritische Hinterfragen gewachsener Strukturen, wie es die Preisträgerin tue, sei genauso Heimatarbeit wie das Infragestellen dessen, was heutzutage allzu schnell unter Zeitgeist subsummiert werde, meinte Dietrich und warnte davor, die Brücken in die Vergangenheit abzureißen.

„Heldinnen“, die Barbara Künkelin gefallen hätten

Ulla Lachauer erzählte in ihrem Schlusswort ausführlich von den Begegnungen mit Lena Grigoleit, die nach ihrer Heirat Kondrataviciene hieß. Einer Begegnung, die zunächst eher der journalistischen Routine geschuldet war, die aber dann den Anstoß gegeben und so viel Material geliefert hat, dass Ulla Lachauer überhaupt erst auf den Gedanken gekommen ist, Bücher zu schreiben. Zitat der Preisträgerin, die mit einem Kamerateam in Litauen war: „Alle im Team haben das Besondere empfunden. Diese Frau stellte eine provozierende Behauptung auf: Sie habe in diesem schrecklichen Jahrhundert den besseren Teil erwischt. Sie, die zu Hause blieb, sei glücklicher als die anderen, die im großen Strom der Geschichte schwammen und heute komfortabel im Westen leben.“ Außer der Jury, der Stifterfamilie Abele und der Stadt dankte Ulla Lachauer auch ihren „Heldinnen“, angefangen von jener Lena Grigoleit und ihren beiden Töchtern Birute und Irena über die kasachische Übersetzerin Rita Pauls bis hin zur blinden Gärtnerin Veronika Zimmermann, deren ergreifende Geschichte sie in „Magdalenas Blau“ verarbeitet hat. „Diese Frauen hätten Barbara Künkelin gefallen, ganz bestimmt“, schloss die Preisträgerin und wurde mit lang anhaltendem Beifall gefeiert.

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