Schorndorf Lokale Einzelhändler trotzen Online-Riesen

Der Blick in die Schorndorfer Weststadt. Hier sei die Kundenfrequenz heute niedriger als früher, sagt Roland Veil vom gleichnamigen Bettengeschäft. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Schorndorf. In den vergangenen Jahren verlor die Schorndorfer Innenstadt immer wieder inhabergeführte Läden. Gleichzeitig wuchs der Online-Handel. In einer Nische und mit gutem Service könne man aber auch heute noch bestehen, erklären Roland Veil vom Betten-Veil und Joachim Scharer vom Schuhgeschäft Per Lei.

Kleidung, Möbel und sogar Lebensmittel – heute kann man alles gemütlich vom Sofa aus im Internet bestellen, zu jeder erdenklichen Nacht- und Tagzeit.

Als das Geschäft „Betten-Veil“ 1811 eröffnete, war an diese Form des Einkaufens noch lange nicht zu denken. In fünfter Generation führt Roland Veil das Geschäft im Westen der Schorndorfer Innenstadt. Die Zeiten seien schwieriger geworden, aber er habe eine Nische gefunden, in der man auch heute als Einzelhändler bestehen könne.

Heutzutage gäbe es einen größeren Preiskampf

Er bietet Matratzen, Lattenroste und Ähnliches an, die besonders von Kunden mit Rückenproblemen oder Schlafstörungen nachgefragt würden. Vor allem Menschen über 40 Jahren, die eine neue Ausstattung benötigen, seien seine Kunden. Mit einer individuellen Beratung hebe er sich von der Online-Konkurrenz ab.

Roland Veil scheint optimistisch zu sein, was die Zukunft angeht, sagt aber auch, dass die Zeiten heute schwerer seien als früher. Die Kundenfrequenz in der Weststadt sei in den vergangenen Jahren gesunken. Außerdem erlebe er heute einen größeren Preiskampf. Vor einiger Zeit hätten die Kunden begonnen, mit ihm über den Preis zu feilschen. Das habe es früher nicht gegeben, sagt der 60-Jährige.

„Wir versuchen, nicht Mainstream zu sein“

Auch für ein paar Schuhe muss sich heute niemand mehr auf den Weg in die Stadt machen, besonders in der Modebranche gibt es ein breites Online-Angebot.

Das Schuhgeschäft Per Lei in der Höllgasse scheint davon bislang keinen Schaden genommen zu haben. Das Geschäft gibt es inzwischen seit über 30 Jahren. Gegründet wurde es von Marita Kuhn, heute führt sie es gemeinsam mit ihrem Mann Joachim Scharer, der früher noch als Logistiker tätig war. Auch das Paar hat sich mit italienischer Schuhmode auf eine Nische spezialisiert. Inzwischen würden sie auch Modelle aus anderen Ländern verkaufen, aber zentral seien die Stücke aus dem Süden nach wie vor. „Wir versuchen, nicht Mainstream zu sein“, erklärt er.

Außerdem will Per Lei mit einem guten Service punkten. „Bei uns bekommt der Kunde auch mal einen Espresso“, sagt Joachim Scharer. In den vergangenen Jahren hätten sie sich eine Stammkundschaft aufgebaut, auch deshalb blickt er zuversichtlich in die Zukunft.

Einzelne Händler kritisieren die Parkplatz- und Verkehrssituation

Einzelne Händler, wie Matthias Noller vom Schuhgeschäft Noller, sehen auch einen positiven Effekt durch die Gartenschau. Generell sei es im Hochsommer allerdings schwierig, einen guten Umsatz zu erzielen, schließlich seien derzeit viele im Urlaub.

Er kommt auch auf die Diskussion über den Unteren Marktplatz zu sprechen: „Wir brauchen dringend die Parkplätze zurück“, sagt Noller. Seiner Kritik an der städtischen Politik schließt sich Sigrid Reik vom Schuhhaus Kurz an. „Die Leute haben einfach keinen Bock mehr, nach Schorndorf zu kommen“, sagt sie. Schuld daran seien neben den fehlenden kostengünstigen Parkplätzen auch die Blitzer und die 30er-Zone in Schorndorf.

„Hier kann man entspannt einkaufen“

Ulrich Fink, Geschäftsführer von Schorndorf-Centro (Verein für Citymarketing), schätzt die Lage anders ein: „Hier kann man entspannt einkaufen.“ Die Geschäfte und die Innenstadt seien generell nicht so voll wie anderswo, findet er. Um auch in Zukunft bestehen zu können, rät er den Händlern dazu, ihre Öffnungszeiten kundenfreundlicher zu gestaltet und auch am Samstagnachmittag zu öffnen.

Während einige Städte in Deutschland mit einem hohen Leerstand in den Innenstädten zu kämpfen haben, sieht es in Schorndorf bislang gut aus. Man habe relativ wenig leere Geschäfte, erklärt Wirtschaftsförderin Gabriele Koch.

„Wir punkten mit Atmosphäre und Aufenthaltsqualität in der Stadt“

„Im Vergleich zu anderen Städten geht es uns gut“, erklärt sie. Die schnelle Entwicklung des Online-Geschäftes hätten aber einige unterschätzt, meint sie. Die Einkaufsgewohnheiten würden die Innenstädte verändern, heute gebe es etwa mehr Gastronomie. Ebenso wie die meisten Händler und Ulrich Fink sieht auch sie hoffnungsvoll in die Zukunft: „Wir punkten mit Atmosphäre und Aufenthaltsqualität in der Stadt.“ Schorndorf könne nach wie vor mit einigen inhabergeführten und individuellen Geschäften punkten, „das ist wichtig für die Identität der Innenstadt“, sagt Koch.

Trotz der schwierigen Zeiten bekommt sie immer wieder Anfragen von jungen Selbstständigen, die hier ein Geschäft etablieren wollen. Um sie zu unterstützen, gibt es von der Stadt eine Starthilfe in Form einer Mietförderung: Wer in der Innenstadt ein Geschäft eröffnet, bekommt 16 Monate lang einen Teil des Mietpreises erstattet.

Mit Skurril eröffnet im September ein neuer Laden

Dort, wo vor einem Jahr in der Gottlieb-Daimler-Straße das Geschäft Schuh-Tausch schloss, kommt bald wieder Leben rein: Kemal Öztopal eröffnet dort sein Geschäft „Skurril“. Der 33-Jährige machte seine Ausbildung am ehemaligen Standort des Geschäftes in der Schulstraße.

Heute leitet Öztopal den gleichnamigen Laden in Winnenden und will expandieren. Er bietet ab Mitte September Kleidung, Schuhe und Accessoires an, hauptsächlich für Männer. Er findet, es gebe zu wenig Angebote für die männliche Kundschaft in Schorndorf. Öztopal hofft, dass sein Konzept trotz des großen Online-Marktes aufgeht, und sagt: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“


Der Onlinehandel:

Der Marktanteil des Onlinegeschäftes am Einzelhandel (im engeren Sinne) beträgt 10,8 Prozent (HDE Online-Monitor 2019).

Im Nonfood-Bereich (Nicht-Essen) betrug der Anteil 2018 fast 15 Prozent. Im Food-Bereich (Essen) ist der Anteil mit 1,2 Prozent niedrig. Besonders in diesem Bereich gibt es aber ein hohes Wachstum.

Die meisten Menschen kaufen Lebensmittel, Getränke, aber auch Tabak, noch immer offline. Dieser Bereich macht über 40 Prozent am Offline-Volumen aus.

Mit Mode und Unterhaltungselektronik wird rund die Hälfte des Onlineumsatzes erwirtschaftet.

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