Politischer Nachwuchs Ein Sozialdemokrat alter Schule

Will definitiv kein Berufspolitiker werden: Marcel Kühnert aus Schorndorf-Weiler. Foto: Mathias Ellwanger

Schorndorf. Politik, das ist für Marcel Kühnert vor allem das Engagement vor Ort. Als jüngster der Stadträte entscheidet er seit 2014 über die Geschicke der Stadt mit. Was ihn dabei antreibt, ist das Thema soziale Gerechtigkeit. Mit dem, was die SPD auf Bundesebene macht, ist er nicht immer einverstanden. Martin Schulz würde er trotzdem gerne als nächsten Bundeskanzler sehen.

Video: Interview mit dem Jungpolitiker Marcel Kühnert.

Denn ein „Weiter so“ wäre das Schlimmste, findet der 26-Jährige, der fast sein halbes Leben von Angela Merkel regiert wurde. „Das tut mir weh, denn Merkel verwaltet, da ist keine Vision, sie will es einfach laufenlassen.“ Kühnert hingegen setzt auf Veränderung. „Wenn ich denke: Alles soll so bleiben, wie es ist, dann brauche ich doch keine Politik machen.“ Deshalb trat er vor sieben Jahren auch in die SPD ein. Er wollte etwas verändern in dieser Gesellschaft – und weil ihm das Thema soziale Gerechtigkeit besonders am Herzen lag, entschied er sich für die Sozialdemokraten. „Im Umgang mit den Schwachen machen die das ehrlichste Angebot“, dachte sich Kühnert.

„Für mich kommt erst der Mensch, dann die Natur“, sagt Kühnert

Die Linke? „Viel zu radikal. Man muss auch Kompromisse eingehen und pragmatisch abwägen“. Die Grünen? „Könnte ich mir nie vorstellen. Für mich kommt erst der Mensch, dann die Natur.“ Die SPD, jene Partei also, die seit dem Agenda-Kanzler Schröder mit einem Glaubwürdigkeitsverlust in genau diesem Bereich zu kämpfen hat? Für Kühnert kein Widerspruch. Denn trotz aller Fehler der Vergangenheit, für die er persönlich in keinster Weise steht (und sich davon auch distanziert), glaubt der SPD-Mann fest an den Markenkern – und sieht sich durch die Entwicklung in den letzten Jahren mehr als bestätigt. Mit Martin Schulz an der Spitze, so seine Hoffnung, könnte es diesmal sogar klappen mit der Kanzlerschaft. Vom Wahlprogramm ist er überzeugt, genauso wie von der Person Schulz, die es geschafft hat, parteiintern wieder Leidenschaft für die SPD zu entfachen. Auch mit den richtigen Themen.

Mit sozialer Gerechtigkeit verbindet Kühnert mehr als nur die übliche Parteifolklore

Kühnert geht es um ein geeintes Europa und, klassisch sozialdemokratisch, um gute Arbeitsbedingungen, ein Sozial- und Gesundheitssystem, das Sicherheit für alle bietet sowie eine Rente, von der jeder im Alter leben kann. Doch soziale Gerechtigkeit – damit verbindet Kühnert weit mehr als nur die übliche Parteifolklore. Das Thema hat für den 26-jährigen Sozialwissenschaftler eine ganz persönliche Dringlichkeit. Kühnert weiß aus eigener Anschauung, was es heißt, bedürftig zu sein. Er kennt die bisweilen unwürdige Situation, wenn man in die Bittsteller-Rolle kommt. „Und das tut sehr weh.“ Durch die schwere Krankheit seiner Mutter, die er jahrelang gepflegt hat, kennt Kühnert das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem besser, als ihm lieb ist – und hat sich schon in jungen Jahren zu einem Experten in diesem Bereich gemausert.

Kommunalpolitik ist ihm lieber als die große politische Bühne

Die große politische Bühne ist aber gewiss nicht seine Sache, genauso wenig wie Parteitage. „Beides braucht es, aber in der Gemeinde fühle ich mich wohler.“ Seine Leidenschaft gilt der Kommunalpolitik. Denn dort spürt er sehr direkt, wo Dinge falsch laufen – und wie sich Probleme vor Ort pragmatisch lösen lassen.

Er möchte Schnittstelle sein zwischen Politik und Bürger

Er weiß zwar: „Nur wenn etwas nicht läuft, dann werde ich zum Ansprechpartner.“ Doch das findet er nicht schlimm. Im Gegenteil: Kühnert möchte eine Schnittstelle sein zwischen Politik und Bürger. Auch wenn viele das denken, wenn er sagt, er sei im Gemeinderat: „Berufspolitiker will ich nicht werden. Ich bin lokal verwurzelt und fühle mich wohl damit.“ Außerdem sei die Politik ja alles andere als familien- und beziehungsfreundlich. „Der Aufwand ist enorm, das Image schlecht und man ist so durchgetaktet.“ Das kann er an den Parteioberen ganz gut beobachten. Kühnert findet das nicht erstrebenswert.

Der studierte Sozialwissenschaftler will lieber vor Ort was bewegen: Sich für ein barrierefreies Schorndorf einsetzen, den Kita-Ausbau vorantreiben, die Schulen besser ausstatten und den Tafelladen ausbauen. Visionen, wie die Stadt aussehen sollte, hat der Jungpolitiker viele. Er ist aber auch Demokrat genug, um zu wissen, dass er für seine Forderungen Mehrheiten braucht – und diese am Ende auch finanzierbar sein müssen. Die Mühen des Details scheut der Weilermer keineswegs.

Politik lebt vom Streit – auch und gerade in der eigenen Partei

Er geht auch innerparteilichem Dissens nicht aus dem Weg, denn „Politik lebt davon, dass man streitet.“ Darum ist es für den 26-Jährigen selbstverständlich, dass er mit manchem, was die Parteiführung macht und gemacht hat, nicht einverstanden ist.

Kühnerts Politikverständnis ist trotz seiner jungen Jahre schon ziemlich erwachsen. Etwas, das ihn stets von Neuem antreibt, ist die Frage: „Wie sollen unsere Kinder und Enkel leben?“ Mit seinem Engagement, auch da ist er ein Sozialdemokrat alter Schule, hofft er, deren Lebensbedingungen zumindest ein kleines bisschen besser zu gestalten.


Über die Jusos

Kühnert ist nicht nur Mitglied der SPD, sondern (wie alle in der Partei unter 35 Jahren) der Jungsozialisten (Jusos). Und freut sich, dass diese mittlerweile wieder einen leichten Mitgliederzuwachs haben.

In Schorndorf ist die Gruppe dennoch bislang wenig präsent. Etwa zehn Aktive gebe es dort, die sich regelmäßig treffen, aber vor allem am innerparteilichen Leben teilnehmen.

„Die Bedeutung der Jugendorganisationen hat nachgelassen – bei allen Parteien“, sagt Kühnert. Mehr Engagement würde der Gesellschaft aber gut tun. Auch und gerade von Nicht-Studierten: „Die Akademisierung des politischen Engagements finde ich sehr schade.“


Zur Serie „Politischer Nachwuchs“

Im Vorfeld der Bundestagswahlen wollen wir den Blick auf jene richten, die in Parteien wie Medien nur selten zu Wort kommen: Junge Menschen, die sich in einer demokratischen Partei engagieren.

Dazu haben wir alle potenziell im nächsten Bundestag vertretenen Parteien angefragt – und festgestellt, dass es bisweilen gar nicht so einfach ist, junge Menschen zu finden, die auch noch zu einem Gespräch mit uns bereit sind.

Besonders überrascht hat uns dabei, dass es nicht in allen Parteien politischen Nachwuchs aus Schorndorf gibt.

In den kommenden Wochen werden wir in persönlichen Porträts junge Demokraten zu Wort kommen lassen, die nicht immer hundertprozentig einverstanden sind mit dem, was ihre Partei macht. Die aber alle eines verkörpern, das diese Republik dringend braucht: Leidenschaft für Politik und den Streit um die Sache.

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