Schorndorf Menschen sind Traglinge

Ulrike Clemens zeigt Müttern und Vätern, wie sie ihre Babys am besten tragen können

Schorndorf. Babys wollen getragen werden – auf dem Arm werden sie schnell zu schwer, mit einem Tuch oder einer Tragehilfe, kann man einiges falsch machen und nur das Liegen im Kinderwagen ist nicht die Lösung. Die Trageberaterin Ulrike Clemens zeigt jungen Eltern, wie sie ihre Kinder richtig tragen und warum überhaupt Tragen so wichtig ist.

Das Binden des Babys an den eigenen Körper mit einem bis zu vier Meter langen Tragetuch ist nicht so einfach, und falsche Bindeweisen können der körperlichen Entwicklung des Kindes und dem Rücken des tragenden Elternteils schaden. Einige kommerzielle Tragehilfen bergen sogar große Risiken, da sie nicht auf die Anatomie des Säuglings ausgerichtet sind. Welche Trageweise zu den Eltern und ihrem Kind passt und beiden gut tut, weiß Ulrike Clemens, die in Schorndorf Trageberatung anbietet. Die zweifache Mutter hatte ihr erstes Kind bereits ein Jahr getragen, als sie an der Trageschule Dresden eine Ausbildung zur zertifizierten Trageberaterin machte. „Ich dachte, das, was ich mir selber beigebracht hatte, wäre schon gut,“ erinnert sich die 31-Jährige, „aber ich war dann total baff, was es für einen himmelweiten Unterschied macht, ob ich mein Kind so binde, dass es nicht fällt, oder richtig fest, und wie anders es sich anfühlt – für beide.“

Das Getragenwerden des Säuglings ist ein elementares Bedürfnis, ebenso wie Gestilltwerden und körperliche Nähe. „Wenn Säuglinge überraschend auf den Rücken gelegt oder zurückgeneigt werden, heben sie die Arme und machen mit den Händen eine Greifbewegung. Das ist der Klammerreflex“, erklärt Ulrike Clemens. Früher gab es in der Biologie die Kategorien Nestflüchter und Nesthocker, aber diese Einteilung passte nicht für alle Arten, insbesondere nicht auf den Menschen. Daher wurde vor 40 Jahren der Begriff des Traglings eingeführt. Ein Tragling wird zwar wie der Nestflüchter mit offenen Augen und Ohren und vorwiegend als Einzelnachkomme geboren, doch ist er anatomisch nicht so weit entwickelt, dass er seiner Mutter folgen könnte. Noch mehr unterscheidet ihn vom Nesthocker. Er bleibt weder zufrieden in einem Nest zurück, noch verfällt er beim Tragen in eine Tragestarre. Außerdem weist der Mensch Besonderheiten auf, die nur er als Tragling hat: Er protestiert schon bei Aufhebung des Körperkontaktes zur Mutter und verfügt über Reflexe wie den Festhalte-, den Klammer- oder den Anhockreflex, die den anderen Arten fremd sind.

Tragen entspricht der C-förmigen Wirbelsäule eines Säuglings

Außerdem wird das Tragen, anders als das andauernde Liegen in Bettchen oder Kinderwagen, auch der Körperentwicklung des Kindes gerecht, erklärt Ulrike Clemens, „denn Säuglinge haben eine C-förmige Wirbelsäule. Die Doppel-S-Form entwickelt sich erst später.“ Eine lange Zeit entspricht eine Haltung mit nach vorne gekipptem Becken und angehockten, gespreizten Beinen genau den anatomischen Gegebenheiten eines Babys. Diese Haltung wird auch von Orthopäden zur Therapie von Fehlstellungen der Hüfte eingesetzt. In ihren Kursen und Einzelberatungen findet Ulrike Clemens mit den Eltern die individuell beste Trageweise für sie und ihr Kind. „Die meisten tragen ihr Baby in den ersten Monaten vor dem Bauch, auch weil sie den Sichtkontakt und den Kuschelfaktor sehr schätzen.“ Theoretisch könnten die Babys auch schon am Anfang auf dem Rücken getragen werden, das machen aber viele erst nach etwa einem halben Jahr, wenn ihnen das Kind zu schwer wird, um es vorne zu tragen. „Ob vorne, auf der Hüfte oder auf dem Rücken – das Wichtigste ist, dass das Kind nicht locker, sondern ganz fest an den Körper gebunden ist, sonst muss der Träger eine punktuelle Gewichtsbelastung ausgleichen, was zu Rückenschmerzen führt.“

Tragen verbindet haptisches, kognitives und auditives Lernen

Wer sein Kind ständig trägt, dem wird es auch nicht zu schwer, weil er in dem gleichmäßigen Grad mittrainiert, in dem das Baby an Gewicht zunimmt – „So wie man im Fitnessstudio regelmäßig eine Scheibe mehr auflegt.“ Ulrike Clemens erklärt, dass das Tragen auch für das Kind eine Art Sport ist, da Hüfte, Wirbelsäule, Gleichgewichtssinn und Muskulatur des Kindes eine andauernde Stimulation erhalten. „Getragene Kinder können durch das ständige Training oft schneller den Kopf heben als andere. Außerdem sind sie erwiesenermaßen weniger lärmempfindlich“, sagt die Trageberaterin. Die Erklärung ist einleuchtend: Eng am Körper der Mutter oder des Vaters, spürt das Baby die Körperwärme und den Herzschlag des anderen und weiß, es ist in Sicherheit. Erschreckt beispielsweise ein Autohupen Träger und Kind, spürt das Baby nicht nur die Anspannung, sondern auch die Entspannung seines Elternteils. Außerdem kann das Kind auf Augenhöhe, anders als im Kinderwagen, Gehörtes mit Gesehenem verbinden. So findet eine Verbindung zwischen haptischem, visuellem und auditivem Lernen statt.

„Die Eltern berichten mir oft, wie froh sie sind, wenn sie die richtige Trageweise gefunden haben, denn damit haben sie ein entspanntes Kind und gleichzeitig beide Hände frei, um sich auch anderen Aufgaben widmen zu können. Denn Tragen erleichtert den Alltag ungemein.“

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