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Schorndorf Methoden gegen die Rechtschreibkatastrophe

Lesen durch Schreiben – das ist die Methode an der Keplerschule. Foto: Büttner / ZVW

Schorndorf und Umgebung. „Die Rechtschreip-Katerstrofe“ – so titelte unlängst „Der Spiegel“ und gab der Methode „Lesen durch Schreiben“ die Schuld am sinkenden Rechtschreib-Niveau. Doch so einfach ist’s nicht, wehren sich Grundschullehrerinnen und -lehrer aus Schorndorf, die Erstklässler auch erst mal ganz kreativ drauflosschreiben lassen. Schließlich berichten auch Anhänger der klassischen Fibel-Methode von schlechter werdenden Rechtschreibfähigkeiten.

Junge Erwachsene, die über das Abitur hinaus das Prinzip der Groß- und Kleinschreibung nicht verstanden haben. Praktikanten in der Lokalzeitungsredaktion, die keinen fehlerfreien Text verfassen können. Kaum lesbare E-Mails, weil Kommata nicht vorkommen. Die vom „Spiegel“ beschworene „Rechtschreip-Katerstrofe“ – sie ist Realität. Und die Ursache für den Laien auch schnell ausgemacht: Überlässt man Kindern in der Grundschule beim Schreiben- und Lesenlernen zunächst die Regie und führt erst später Regeln ein, wie soll’s dann mit der Rechtschreibung klappen?

Keplerschule

Freies Schreiben

Doch die Grundschullehrerinnen und -lehrer der Keplerschule, die sich für die vom Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen propagierte Methode „Lesen durch Schreiben“ entschieden haben, sind vom kreativen Schreiben überzeugt. Wie Erstklässler heute schon sechs Wochen nach der Einschulung kleine Texte verfassen und an Weihnachten erste Wörter lesen können – das begeistert die Pädagogen. „Früher haben wir wochenlang nur Buchstaben geübt“, sagt Birgit Philippek, die Kindern seit 1979 im Lesen und Schreiben unterrichtet. Außerdem mussten die Mädchen und Jungen damals noch ständig Texte abschreiben, „die sie gar nicht verstanden haben“.

Für die Lehrerin war die Umstellung auf die kreativere Methode mit Anlauttabelle, freiem Schreiben und der erst nachgeordneten Einführung von Rechtschreibregeln „eine Erleichterung“. Dass Eltern die Methode verunsichert, kann sie verstehen: Schließlich haben die Worte, die Kinder nach Lauten selbst bilden, oft wenig bis gar nichts mit der deutschen Rechtschreibung zu tun. „Doch früher“, gibt Philippek zu bedenken, „haben Eltern so was gar nicht zu sehen gekriegt.“ Schließlich hätten die Kinder damals erst in der dritten Klasse mit dem Aufsatzschreiben begonnen – „vorher hat man Buchstaben abgemalt“.

Heute sollen die Kinder erfahren: Schreiben macht Sinn – und Spaß. Das vor allem wollen die Lehrerinnen und Lehrer vermitteln. Dabei bestimmt jedes Kind die Reihenfolge der Buchstaben, die es anhand der Anlauttabelle lernen will – auch weil es unter den Erstklässlern immer welche gibt, die schon vor der Einschulung lesen und schreiben können und andere, die noch ahnungslos sind; außerdem werden in der Keplerschule Erst- und Zweitklässler in einem Klassenzimmer gemeinsam unterrichtet. Die Kinder sollen sich die Schriftsprache also selbst erarbeiten. Dass dabei die richtige Schreibweise zunächst mal keine Rolle spielt, ist für die Lehrerinnen und Lehrer kein Problem. Ihnen geht’s vielmehr um die Einsicht in die Schrift. Und: „Das Lernen der Rechtschreibung“, sagt Grundschullehrer Jochen Müller, „ist erst in der zehnten Klasse abgeschlossen.“ Weil Rechtschreibung die Kinder ausbremse und ihnen das Erfolgserlebnis nehme, werden Regeln erst in der zweiten Klasse eingeführt. Dann kommen auch Lernwörter ins Spiel, deren Schreibweise sich die Schüler einprägen sollen. Dass Rechtschreibung so funktioniert, steht für die Lehrerinnen und Lehrer außer Frage: „Wir geben ja Wörter nicht falsch vor.“ Und: „Reichen pur“ werde auch an der Keplerschule nicht gelehrt.

„Di Kenda ken üba di Schtrase“: Sind Lehrerinnen wie Petra Overhagen von der Leistung eines Erstklässlers begeistert, kriegen Eltern die Krise und würden viel lieber Folgendes lesen: „Die Kinder gehen über die Straße.“ Und tatsächlich sind Mütter und Väter, die das nicht aushalten und ihre Kinder trotz aller Beteuerungen über die Sinnhaftigkeit dieser Methode korrigieren, für die Lehrerinnen und Lehrer das größte Problem: Um die Kinder nicht zu verunsichern, geben sie ihnen darum extra wenig Schreibaufgaben mit nach Hause.

Die Ursache von Lese- und Rechtschreibproblemen liegt für sie woanders: „Die Kinder lesen zu wenig“, darin sind sich die Pädagogen einig und geben Eltern immer wieder den naheliegenden Tipp: „Lesen lernt man durchs Lesen.“ Oft genug ersetze nämlich das Kinderprogramm im Fernsehen die Gute-Nacht-Geschichte. Außerdem hätten immer mehr Erstklässler schon ein eigenes Fernsehgerät im Zimmer. Und dann werde den Lehrern und dem angeblich schlechten Unterricht die Schuld gegeben.

Miedelsbach

Gemeinsames Silbentanzen

Das mediale Überangebot macht auch Andrea Wdowiak für die schlechter werdenden Rechtschreibfähigkeiten verantwortlich. Von der Anlauttabelle hält die Lehrerin der Grundschule Miedelsbach dennoch nichts. Weil in Baden-Württemberg die pädagogische Freiheit gilt, darf sie den Kindern nach einer anderen Methode das Lesen und Schreiben beibringen. Sie hält sich – wie ihre Miedelsbacher Kolleginnen – an die klassische Fibel. Aus einzelnen Lauten werden gemeinsam Wörter zusammengesetzt. Fehler werden korrigiert. Die von Jürgen Reichen entwickelte Anlauttabelle, in der von A wie Ameise bis Z wie Zaun für jeden Buchstaben ein Bildchen im Buchstabenhaus steht, „ist mir zu unsicher“, sagt die 44-Jährige, die seit 1998 Grundschulkindern Lesen und Schreiben beibringt. Zu unklar ist aus ihrer Beobachtung die Aussprache vieler Kinder. Ölf statt Elf – „da muss ich bei jedem Kind sein, um das zu kontrollieren“.

Orientiert an der Fibel „Mimi – Lesemaus“, legt sie in ihrem Unterricht nach der Einführung der Buchstaben den Schwerpunkt auf Silben. Die werden geklatscht, getanzt und verlängert. In der ersten Klasse beginnt sie mit der „akustischen Analyse“, in der die Mädchen und Jungen lernen, genau hinzuhören. Dann folgt die „optische Analyse“, in der Buchstaben nicht nur geschrieben, sondern aus Knete und Pfeifenputzern geformt werden. Allein gelassen werden die Kinder nicht. Ende der ersten, Anfang der zweiten Klasse folgt auf die „alphabetische Strategie“ die orthografische. Über allem aber steht für Andrea Wdowiak das Üben: „Nur, was regelmäßig und stetig geübt wird, geht ins Langzeitgedächtnis über.“ Das ist beim Fahrrad- und Inlinefahren genauso wie beim Lesen- und Schreibenlernen. Und darum gehört die Fibel für sie auch jeden Tag in den Ranzen.

Ob mit der Anlauttabelle oder der klassischen Fibel – „die fitten Kinder lernen’s so oder so“, ist Andrea Wdowiak überzeugt und beklagt, wie ihre Kollegen an anderen Schulen auch, dass mit der grün-roten Landesregierung die Förderstunden an Grundschulen gänzlich gestrichen wurden. Jetzt kann Lese-Rechtschreib-Schwäche zwar noch diagnostiziert werden, eine Förderung gibt es aber nicht mehr.

Schlosswallschule

Die Feinmotorik des Mundes

Die schwachen Schülerinnen und Schüler hat auch Karin Ehlert, Rektorin der Schlosswallschule, besonders im Blick. 1997 war sie bei einer Fortbildung bei Jürgen Reichen – „und damals schon nicht überzeugt“. Was ist mit den Kindern, fragt sie sich bis heute, die die Verbindung zwischen Laut und Buchstabe nicht herstellen können? Dass Reichens Antwort damals lautete, dass er in seiner Praxis nur zwei Kinder erlebt habe, die das nicht konnten, wovon das eine psychische Probleme hatte und das andere einen Migrationshintergrund, geht für Ehlert gar nicht. Außerdem entspricht im Deutschen nicht jeder Laut nur einem Buchstaben.

Sie ist nach den vielen Jahren, die sie Grundschülern das Lesen und Schreiben beigebracht hat, überzeugt, dass der Schlüssel in der Feinmotorik des Mundes liegt. Für sie macht der Mund die Vorgabe. Darum legt sie ihren Kolleginnen auch ans Herz, die Kinder bei jedem Wort zum Mitartikulieren anzuleiten. Oder anders ausgedrückt: „Der Mund führt die Hand.“ Dazu kommt die der Sprache innewohnende Rhythmik. Ist das als Basis verstanden, kann in der zweiten Klasse mit der Rechtschreibung begonnen werden.

Dass Kinder sich mit der Anlauttabelle die lautliche Struktur der Wörter autodidaktisch erschließen sollen, ist für Karin Ehlert ein Unding – und widerspricht ihrer Erfahrung: „Viele Kinder – auch mittelgute – sind damit zum Scheitern verurteilt und der Schriftspracherwerb wird für sie zum mehr oder minder großen Fiasko.“ Und auch wenn es in der Fibel „Mobile“, die in der Schlosswallschule verwendet wird, eine Anlauttabelle gibt, „wir lassen die Kinder damit nicht allein“.

Zitate

„Früher haben die Kinder in der dritten Klasse die ersten Aufsätze geschrieben. Und heute kriegen die Eltern schon in der ersten Klasse Liebesbriefe – und haben Panik, weil die Kinder nicht richtig schreiben.“ Birgit Philippek, Grundschullehrerin an der Keplerschule

„Wir sollten unseren Kindern erst mal die Chance geben, es besser zu machen als die heutigen Erwachsenen.“ Grundschullehrer Jochen Müller, ebenfalls Keplerschule
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