Schorndorf Mit Kindern über den Tod sprechen

Es gibt viele Möglichkeiten, mit Kindern und Jugendlichen über Tod und Sterben ins Gespräch zu kommen. Foto: Schneider / ZVW

Schorndorf. Über Tod und Sterben redet keiner gern mit kleinen Kindern. Kindheit soll unbeschwert sein und glücklich, da passt die düstere Trauer nicht. Meint man. Doch Kinder kommen ja oft von ganz allein darauf, Erwachsene nach der Endlichkeit des Lebens zu fragen. Für Trauerbegleiterin Gabriele Schmidt-Klering eine gute Gelegenheit, das Thema aus der Tabuzone zu holen und – gerade in der Friede-Freude-Weihnachtszeit – ehrlich darüber zu reden.

Für Erwachsene ist der November Gedenkmonat und der Advent für Trauernde oft eine emotional besonders schwere Zeit. Für Kinder sind Tod und Sterben immer ein Thema: Ohne darin ein Tabu zu sehen, sprechen sie unverkrampft und unvermittelt darüber – beim Gang über den Friedhof, am Mittagstisch, im Auto, beim Zubettbringen. Mama, wie ist das, wenn man tot ist? Papa, sterben eigentlich nur alte Menschen? Stirbst du mal vor mir? Oma, kriegt der Opa jetzt im Himmel auch was zu essen? Was ist eigentlich eine Leiche? Fragen, die Erwachsene erschrecken – auch, weil wir sie längst aus unserem Leben verbannt haben.

Für Gabriele Schmidt-Klering, die drei Trauergruppen für Kinder und Jugendliche im Familienzentrum betreut und auch schon einen Erziehungsratgeber zum Thema geschrieben hat, sind sie gar nicht schlimm, sondern ein ganz natürliches Interesse an einem Vorgang, der zum Leben gehört: „Kinder erforschen sich die Welt jeden Tag neu.“

Thema nicht vertagen oder umlenken: „Das spüren Kinder.“

Und so empfiehlt sie Eltern und Großeltern, Erzieherinnen und Lehrern auch, solchen Fragen – wie alle Kinderfragen – offen, zugewandt und ehrlich zu begegnen und mit dem Kind ins Gespräch zu kommen. Achtsamkeit ist für sie die richtige Haltung. Auf keinen Fall, rät die Trauerbegleiterin, sollte das Thema vertagt oder umgelenkt werden: „Das spüren die Kinder.“

Wird sie selbst von Kindern auf den Tod angesprochen, ist ihre erste Reaktion oft die Gegenfrage: „Wie kommst Du jetzt darauf?“ Denn zuzumachen und nichts zu sagen, ist für Schmidt-Klering keine gute Strategie: „Damit nimmt man den Kindern die Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen.“

Die Endgültigkeit des Todes ist schwer zu begreifen

Kinder, das weiß die 60-Jährige aber natürlich auch, fragen deshalb so furchtlos, „weil sie die Endgültigkeit des Todes noch nicht begriffen haben“. Bis zum zehnten Lebensjahr wird Tod oft mit Abwesenheit gleichgesetzt. Doch anstatt Tod und Sterben zu tabuisieren, würde sie es schon in der frühen Bildung im Kindergarten einbetten: So wie Kindergruppen zur Polizei oder zur Feuerwehr gehen – „und das ist ja auch nicht furchtlos, wenn ein Haus brennt oder ein Unfall geschieht “ – könnten sie doch auch den Friedhof besuchen.

Und Hilfsmittel gibt es, um mit Kindern ins Philosophieren zu kommen – auch ohne den Kleinen mit dem Holzhammer klarzumachen: So, jetzt reden wir mal über den Tod. Gabriele Schmidt-Klering nutzt Bilderbücher wie Antje Damms „Frag mich!“ – und orientiert sich an den darin enthaltenen Fragen: Was macht dich traurig? Welches Ding bewahrst du für immer auf? Wen vermisst Du? Wovor fürchtest Du dich? Hast Du schon mal ein totes Tier gefunden und was hast Du damit gemacht?

Kinder brauchen Hoffnung

In ihren Trauergruppen lässt sie die Kinder und Jugendlichen Erinnerungshefte führen und versucht über Bilderkarten die Gefühlslage zu erkunden. Und in Bildern, weiß die Erzieherin, „bringen Kinder zum Ausdruck, was sie beschäftigt“.Und auch wenn sie um ehrliche Antworten bemüht ist, sie versucht – altersgerecht – auch ein positives Bild zu geben, Hoffnung zu vermitteln und zu signalisieren, dass sie als Gesprächspartner zu Verfügung steht.

„Kinder brauchen für sich auch eine Hoffnung auf ein gutes Weiterleben.“ Und so antwortet sie auf die Frage, ob es dem Verstorbenen gut oder schlecht gehen mag: „Ich denke, es geht ihm gut.“ Oder begegnet der Sorge – stirbt der Papa jetzt auch? – mit der geringen Unwahrscheinlichkeit, dass das passieren wird. Dass es nicht geschehen wird, „das sage ich nicht“.

"Halbwahrheiten helfen wenig."

Grundsätzlich sollten Erwachsene aber immer so antworten, „dass das Kind sich wieder vertrauensvoll an einen wenden kann“. Und Halbwahrheiten helfen wenig: „Die Kinder wissen viel und erfahren’s dann von woanders.“ Kinder, weiß die 60-Jährige, brauchen wahrheitsgetreue Informationen und müssen Abschied nehmen können.

Rituale, schreibt sie in ihrem Buch, „geben Sicherheit und Halt“ – und müssen gar nicht spektakulär sein: So hilft es vielleicht schon, jeden Sonntag am Frühstückstisch eine Kerze für den Verstorbenen anzuzünden, abends ein besonderes Erinnerungslied zu singen oder Gedankenzettel in einer Dose zu sammeln. Und an Weihnachten darf natürlich auch die Trauer um Verstorbene Raum bekommen: „Ihr dürft traurig sein“, sagt Gabriele Schmidt-Klering den Kindern in ihren Trauergruppen, „aber auch ein Fest feiern“.


Trauerbegleitung Kelebek

In Zusammenarbeit mit dem Familienzentrum Schorndorf bietet Gabriele Schmidt-Klering Trauergruppen für Kinder und Jugendliche an. Die Teilnahme ist kostenlos, das Angebot wird über Spenden finanziert. Im Moment nutzen das Angebot in der Gruppe für Sechs- bis Zwölfjährige, die sich einmal im Monat freitags zwischen 15 und 17 Uhr im Familienzentrum trifft, neun Kinder. Die Gruppe wird von Erzieherin Gabriele Schmidt-Klering, die seit 2003 trauernde Kinder, Jugendliche und deren Familien begleitet, und Jaqueline Durst betreut, die gerade die Ausbildung zur Trauerbegleiterin macht. Die Gruppe für 13 bis 17-Jährige trifft sich an einem Samstag im Monat von 15 bis 17 Uhr und die über 18-Jährigen von 18 bis 20 Uhr.

Die Teilnahme in einer Trauergruppe ist nach einem Aufnahmegespräch mit der Gruppenleitung möglich. Kontakt: Gabriele Schmidt-Klering, ) 0 71 81 /99 25 02 oder per E-Mail an info@trauer-kelebek.de. Weitere Informationen gibt es auch im Internet unter www.trauer-kelebek.de oder im Familienzentrum, ) 0 71 81 /88 77 00, www.familienzentrum-schorndorf.de.

Von diesem Jahr an wird die Trauergruppe Kelebek im Familienzentrum auch von der Stadt Schorndorf unterstützt: Der Verwaltungs- und Sozialausschuss hat – zunächst für den Zeitraum von drei Jahren – einen Zuschuss in Höhe von jährlich 2000 Euro gewährt.

Warum sie ihrer Trauerbegleitung den Namen Kelebek gegeben hat, erklärt Gabriele Schmidt-Klering wie folgt: „Kelebek ist türkisch und heißt Schmetterling. Viele Trauernde fühlen sich wie eine verpuppte Raupe, alleingelassen und unverstanden. Der Schmetterling symbolisiert das Ziel eines bewusst gelebten Prozesses, der es dem Betroffenen ermöglicht, sich von der Schwere und dem Schmerz der Trauer zu befreien und das eigene Leben neu zu gestalten.“

Buchtipps

Über Tod und Sterben lässt sich mit Kindern und Jugendlichen auch gut über Bücher ins Gespräch kommen. Empfehlungen von der Trauerbegleiterin Gabriele Schmidt-Klering: Antje Damm: „Frag mich!“, erschienen 2010 im Moritz-Verlag; ebenfalls von Antje Damm: „Der Besuch“, Moritz-Verlag 2016; Peter Carnavas: „Die wichtigen Dinge“, Carl-Auer Verlag GmbH 2015; antiquarisch Alan Durant und Debi Gliori: „Für immer und ewig“, Wittig 2004. Um mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen über Gefühle sprechen zu können, empfiehlt die Trauerbegleiterin Manfred Vogt und Bettina Bexte: „Familie Erdmann“, 50 Lebens-, Trauer- und Erinnerungskarten für kreative Psychotherapie, Manfred Vogt Spieleverlag. Gabriele Schmidt-Klering hat übrigens auch selbst ein Buch zum Thema geschrieben: „Mit Kindern gemeinsam trauern”, Ernst Reinhardt Verlag München 2017.

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